Trainer Bruno Labbadia gibt künftig Fingerzeige bei Hertha BSC Foto: imago/Joachim Sielski

Bruno Labbadia soll Hertha BSC auf Kurs bringen. Der frühere VfB-Coach besitzt Erfahrung als Aufbauhelfer – kann er nun im pulsierenden Berlin beweisen, dass er mehr ist als nur ein kurzfristiger Retter?

Stuttgart/Berlin - Der Feuerwehrmann, der keiner mehr sein will, kommt mal wieder zum Löschen. Der Brandherd liegt dieses Mal in Berlin. Bruno Labbadia will nun der alten Dame eine Frischzellenkur verpassen. Big Bruno also beim selbst ernannten Big City Club Hertha BSC – der erfahrene Krisentrainer Labbadia soll dort, wo Jürgen Klinsmann nach seinem skandalumtosten Abgang im Februar verbrannte Erde hinterließ, alle Abstiegssorgen im Keim ersticken.

Am Ostermontag leitet Labbadia (54) sein erstes Training bei der Hertha, er folgt auf den ehemaligen Klinsmann-Assistenten Alexander Nouri – und, na klar, der Neue ist Feuer und Flamme. „Es liegt viel Arbeit vor uns“, sagt Labbadia. Sechs Punkte Vorsprung hat Hertha BSC auf den Relegationsplatz. Der Retter Labbadia soll mal wieder retten und dann die nächsten Schritte gehen, die mit den Investitionen von Geldgeber Lars Windhorst schnurstracks ins internationale Geschäft führen sollen.

Allerdings: erste Wahl war Labbadia, der laut Medienberichten einen Vertrag bis 2022 unterschrieben hat, dem Vernehmen nach nicht. Geschäftsführer Michael Preetz warb offenbar um den Berliner Jungen Niko Kovac, den Ex-Coach des FC Bayern. Der aber wollte nicht. Im Gegensatz zu Labbadia, der nun vor dem Engagement bei seinem fünften Erstliga-Club steht – und bei der Hertha das tun soll, was er besonders gut kann: Ein Team zum Klassenverbleib führen.

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Labbadia machte das 2011 beim VfB Stuttgart, er machte das später beim HSV und er machte das auch 2018 beim VfL Wolfsburg. Was aber gerne mal untergeht, ist: dass der Retter Labbadia auch ein recht formidabler Planer eines Wiederaufbaus sein kann – und dass dieser Labbadia nicht nur akute Brandherde löscht, sondern auf anfangs fragilem Fundament auch den soliden Architekten eines Neuaufbaus geben kann. Das war auch beim VfB Stuttgart so, den Labbadia 2012 in die Europa League führte und 2013 ins DFB-Pokalfinale – und damit wieder in die Europa League.

In Wolfsburg startet Labbadia durch

Nach seinen drei Jahren in Stuttgart beschäftigte der VfB sechs verschiedene Trainer im gleich langen Zeitraum und stieg schließlich ab. „Vielleicht hat ja der eine oder andere im Nachhinein erkannt, dass das, was ich immer gesagt und getan habe, doch nicht so falsch war“, sagte Labbadia dazu im Rückblick im Interview mit unserer Zeitung: „Für mich war schon unmittelbar nach meinem Aus beim VfB klar: Das war eine absolute Erfolgsgeschichte.“

In der öffentlichen Wahrnehmung aber hieß es während der Stuttgarter Zeit oft, dass von Labbadia beim VfB mehr kommen müsse. Der Coach selbst verwies stets auf die Rahmenbedingungen – um 20 Millionen Euro habe der VfB während seiner Amtszeit den Etat runterfahren müssen. Labbadias Gefühl der fehlenden öffentlichen Wertschätzung gipfelte dann schon während seiner Amtszeit beim VfB in der legendären Abrechnung in der Pressekonferenz im Oktober 2012 („Die Trainer sind keine Mülleimer!“, „Am Arsch geleckt!“).

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Auch den VfL Wolfsburg rettete Labbadia später im Jahr 2018 – und führte ihn in der Saison darauf ebenso ins internationale Geschäft. Aus einem verunsicherten und lethargischen Team formte der Coach eine spielstarke Einheit. Nur mit Sportchef Jörg Schmadtke verstand er sich nicht, so dass er seinen auslaufenden Vertrag mit dem VfL vor einem Jahr nicht verlängerte und ging.

Aus sportlicher Sicht hofft Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz nun auf einen ähnlichen Prozess unter Labbadia wie zuletzt in Wolfsburg. Labbadia, so sagt es Preetz, habe schon gezeigt, dass „er Teams entwickeln und im nächsten Schritt in obere Tabellenregionen führen kann“.

Hertha BSC entscheidet sich für die Sicherheitsvariante

Warum aber geht dieser Labbadia noch immer meist nur als Retter durch und nicht als Entwickler, der eine Mannschaft womöglich über Jahre hinweg nach oben navigieren kann? Tatsächlich folgt auf einen Aufschwung unter Labbadia gerne mal ein veritabler Einbruch – dieses Phänomen war insbesondere beim Hamburger SV zu beobachten. Und auch bei Bayer Leverkusen, seiner ersten Trainerstation in der ersten Liga, war der Höhenflug in der Spielzeit 2008/2009 von eher kurzfristiger Natur.

Zudem hat Labbadia nicht den Ruf eines Bessermachers oder eines Taktikfuchses wie etwa der Schweizer Lucien Favre; ein ­Menschenfänger und Rhetorikkünstler der Marke Klopp ist er auch nicht. Labbadia gilt als ehrgeiziger Arbeiter und verlässlicher Handwerker – so ein grundsolider Typ kommt in der öffentlichen Wahrnehmung ­offenbar schwer raus aus so einer ebenso eher unspektakulär anmutenden Retterschublade, obwohl er aus der spätestens im zweiten Jahr in Wolfsburg entschwand.

Fakt ist: Mit Labbadia hat sich Hertha BSC nun für eine eher sichere Variante entschieden. Kein Risiko mehr in dieser Chaos-Saison mit dem vierten Trainer nach Ante Covic, dem Missverständnis mit Klinsmann und dessen Assistenten Alexander Nouri: Das ist das oberste Berliner Gebot.

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