Das Theaterhaus ist chronisch unterfinanziert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Für die Geldnöte des Theaterhauses sieht Eric Gauthier eine Lösung. Sie sitze vorn im Saal. Gemeint war OB Fritz Kuhn. Dieser hofft, einen Weg aus der Krise zu finden.

StuttgartStuttgart ohne Theaterhaus und ohne Gauthier Dance? Für viele ist dies unvorstellbar. „Stuttgart ohne Fernsehturm und ohne Rössle geht ja auch nicht“, war bei der Premierenparty in der Nacht zu Sonntag in der Kulturstätte zu hören, die in finanzielle Schieflage geraten ist. Die frenetisch umjubelte Premiere der Produktion „Deuces“, bei der acht weltweit renommierte Choreografen mit acht Duo-Nummern die Vielfalt des Tanzes so ergreifend wie aufwühlend präsentieren, hat gezeigt, dass tänzerische Weltklasse auch oberhalb des Kessels zu Hause ist.

Die Verantwortlichen des Theaterhauses haben in einem Brief an Kulturpolitiker in Stadt und Land nun das Schreckensbild einer drohenden Insolvenz gezeichnet. Die Begrüßung der Premierengäste nutzte der Künstlerische Leiter Eric Gauthier im ausverkauften Saal T 1 dazu, sich bei Stefan Wolf zu bedanken, dem Vorstandschef der Elring-Klinger AG, die über Jahre Gauthier Dance als Sponsor gefördert hat.

Wolf hörte das öffentliche Lob nicht. Aus Verärgerung über Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier war er nicht erschienen. Wie es heißt, will er nie wieder einen Fuß ins Theaterhaus setzen. Die Elring-Klinger AG hatte ihre in Aussicht gestellten Sponsorengelder in Höhe von 300 000 Euro zurückgezogen. Wenig diplomatisches Geschick wird nun Schretzmeier vorgeworfen, der den Sponsor mit seiner Kritik tief verletzt hat. Der Theaterhaus-Intendant reagiert auf den Vorwurf, es fehle ihm an Fingerspitzengefühl, gelassen: „Was soll man machen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht?“

Das Theaterhaus sei im Grunde schon immer unterfinanziert, so Schretzmeier. Mit Sponsorengeldern habe man immer Löcher gestopft. Allein der Personaletat mache bei etwa 100 Festangestellten rund 4,4 Millionen Euro aus. 2,9 Millionen bekomme das Haus von Stadt und Land. „Wir müssen also jährlich 1,5 Millionen Euro generieren, um das Personal zu bezahlen“, rechnet der 75-Jährige vor. Ein Betrieb, der nicht mal sein Personal bezahlen könne, existiere an der Kante. Durch den heißen Sommer 2018 seien Zuschauer weggeblieben. Bereits vor drei Wochen habe sich das Theaterhaus mit seinen Geldsorgen an Stadt und Land gewandt – es habe keine Reaktion gegeben. Deshalb habe der Verein nun den Brief an die Kulturpolitiker geschrieben.

Der Stuttgarter CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann, der ebenfalls die Premiere besuchte, kann nicht verstehen, warum es aus dem Rathaus und dem Staatsministerium drei Wochen lang keine Reaktion auf den Notruf des Theaterhauses gegeben hat. Dass sich OB Fritz Kuhn (Grüne) von Gauthier nun als „Solution“ feiern lasse, überrasche daher schon. Bei der Premierenparty sagte der Rathauschef, er wolle den Beratungsgremien nicht vorgreifen. Doch er hoffe, dass man innerhalb von zwei Wochen Wege und Mittel finden könne, um das Theaterhaus zu retten. Schretzmeier bittet darum, dass die Stadt 400 000 Euro und das Land 200 000 Euro übernehmen. Dies wäre „angemessen“, findet er. In der 34-jährigen Geschichte des Theaterhauses habe er schon „so manchen Sturm“ erlebt, weshalb er zuversichtlich ist, auch die momentanen Geldprobleme überstehen zu können.

Als „surreal“ empfand Eric Gauthier die Diskussion, die nach einem Bericht unserer Zeitung über Geldnöte des Theaterhauses entstanden ist. Der 42-Jährige versicherte: „Es gibt keinen Grund, uns zu kondolieren.“ Einsparungen sind im Ensemble schwer möglich. Tänzerinnen und Tänzer verdienen wenig. „Das reicht kaum, um eine Familie zu gründen“, sagte Maurus Gauthier, der nicht mit dem Chef verwandte Solist. Eric Gauthier wird nun erneut um Sponsoren werben. Zur Kritik, angesichts der finanziellen Probleme hätte man für „Deuces“ nicht mit dem Ensemble um die Welt reisen müssen, verweist der Künstlerische Leiter darauf, dass die Reisen im Januar begonnen hätten, aber erst im Februar Sponsorengelder weggefallen seien.

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