Die Wal-Forscherin Janie Wray an der kanadischen Pazifikküste in „The Whale and the Raven“ Foto: SWR/busse&halberschmidt

Dokumentarfilme geben tiefe Einblicke in Milieus, sie können für Themen sensibilisieren und Augen öffnen. Das SWR Doku-Festival zeigt vom 1. Juli an Anwärter auf den Deutschen Dokumentarfilmpreis – online und kostenfrei. Eine Vorschau gibt es hier.

Stuttgart - Wo unter Wasser eben noch Stille herrschte bis auf den magischen Gesang der Orcas und der Buckelwale, dominiert plötzlich fürchterliches maschinelles Gedröhn die Unterwasser-Aufzeichnung des Walforschers Hermann Meuter: Ein Riesentanker tuckert durch den Fjord in Gitga’at an der kanadischen Pazifikküste nahe der Grenze zu Alaska. Das Wal-Paradies ist bedroht, ein Flüssiggas-Terminal soll gebaut werden – bald könnten haufenweise Tanker Kommunikation und Orientierung der Tiere empfindlich stören. Die First Nations, wie die indigenen Völker Kanadas heißen, protestieren ebenso wie die Walforscherin Janie Wray. Sie hat eine Datenbank mit Fotos von Fluken angelegt hat und erkennt jeden Meeressäuger an seiner Schwanzflosse. Meuter identifiziert Wal-Familien an ihren unterschiedlichen Dialekten.

Mit ihren atemberaubenden, meditativen Bildern hat die Dokumentarfilmerin Mirjam Leuze es mit „The Whale and the Raven“ in den Wettbewerb um den Deutschen Dokumentarfilmpreis geschafft. Dieser wird in diesem Jahr Online verliehen, wich auch das gesamte Doku-Festival des SWR wegen Corona nicht im Stuttgarter Metropol-Kino stattfindet, sondern im Netz. 13 von 15 Filmen stehen dem Publikum dort vom 1. bis zum 3. Juli zur Verfügung – eintrittsfrei.

Eine tapfere Ärztin

„Es ist unglaublich, dass das gelungen ist“, sagt Irene Klünder, die 2019 die Leitung des Festivals übernommen hat und gleich bei ihrer Premiere mit der Krise umgehen muss. „Ich bin Produktionsfirmen und Verleihern sehr dankbar dafür, die sich ja über bezahlte Abrufe finanzieren. Dafür bieten wir ihnen eine Plattform, die Aufmerksamkeit auf ihre Filme lenkt.“ Zu jedem der 15 Finalisten sind Trailer hinterlegt, „so kann sich jeder sein eigenes kleines Programm zusammenstellen“, sagt Klünder.

Aus 122 eingereichten Filmen haben zwei Jurys die Teilnehmer der Endrunde ausgewählt. Im Oscar-nominierten „The Cave“ zeigt der syrische Filmemacher Feras Fayyad ein Krankenhaus im Kriegsgebiet: Während Kampfjets des Assad-Regimes und Russlands die syrische Stadt Ost-Gouta aus der Luft bombardieren, versuchen eine tapfere Ärztin und ihre Mitstreiter in Gängen unter der Erde den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten – bis Giftgas zum Einsatz kommt und sie evakuiert werden müssen. Ganz nah kommt der Film dem Grauen des Krieges, dessen Opfern und den Protagonisten, die nebenbei lebhaft diskutieren über Frauenrechte, Kultur, Religion und Moral.

Das Kino ist nicht zu ersetzen

Mittendrin in einem nationalistischen, paramilitärischen Sommerlager für Kinder hat Moritz Schulz gedreht, ein Student der Ludwigsburger Filmakademie. „Sommerkrieg“ heißt sein bestürzender Film, der kein gutes Bild auf Teile der ukrainischen Gesellschaft wirft – und sicher nicht leicht zu realisieren war. „Man hat uns einen Bewacher zur Seite gestellt, mit dem haben wir dann Katz und Maus gespielt“, sagt Schulz in einem kurzen Porträtvideo auf der Seite des Doku-Festivals. Alle 15 nominierten Filmemacher geben dort Einblick in ihre Filme und ihre Arbeit.

„Ein Publikum in ganz Deutschland bekommt bei uns die Chance, die Filmemacher ein bisschen kennenzulernen“, sagt Irene Klünder. „Das ist sonst den Zuschauern im Kino vorbehalten, wenn sie die Filmemacher nach der Vorstellung befragen können.“ Und sie fügt gleich an: „Wir machen hier aus der Not eine Tugend, aber das Kinoerlebnis ist einfach etwas ganz besonderes. Ich mag das Metropol unheimlich und die Leute dort, die uns sehr entgegenkommen – dieses Kino ist unersetzlich für die Festivals der Stadt.“

Aktivistin mit Kamera

Auch die Mitglieder der Jury erklären sich in kurzen Clips. „Filme müssen eine Relevanz haben“, sagt etwa der Stuttgarter Dokumentarfilmer Valentin Thurn. Er höre öfter Leute sagen: „Ich habe einen Film gesehen, der hat mein Leben verändert. Das ist das, was Dokumentarfilm leisten kann.“

Shaheen Dill-Riaz zeigt in „Bamboo Stories“ das harte Leben der Holzfäller und Flößer in Bangladesch, Elke Margarete Lehrenkrauss hat für „Lovemobil“ drei Jahre mit Prostituierten verbracht, die ihre Dienst in Wohnwagen anbieten. John Seidler widmet sich in „Das Wunder von Taipeh“ der ersten Frauen-Fußball WM im Jahr 1981 und dem Umstand, dass Deutschland eigentlich kein Nationalteam hatte, aber trotzdem den Titel gewann. Alexander Kühne erzählt in „Lugau City Lights“ von einem Dorf in Brandenburg, das einst eine Party-Hochburg der DDR war, weil die Staatsmacht es weniger im Blick hatte als Ostberlin. Und Ulrike Ottinger reist zurück in ihre eigene Vergangenheit und porträtiert in „Paris Caligrammes“ die Pariser Avantgarde der 60er Jahre.

„Ich verstehe mich als Aktivistin mit einer Filmkamera in der Hand“, bekennt die Regisseurin Mirjam Leuze – und man kann sie verstehen, wenn man ihren Film gesehen hat. „Unter den Walen gibt es keinerlei Aggression, null“, sagt der Walforscher Meuter. „Sie sind uns in sozialer Hinsicht voraus.“

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