So sieht es dann am Abend aus. Aber Hunderte schuften den ganzen Tag, damit Electric Callboy in der Schleyerhalle aufteten können. Foto: IMAGO/7aktuell

Was tun mit der Schleyerhalle? Da drücken sich Stadt und Stadträte um eine Antwort. Doch wer einmal dort ein Konzert begleitet, vom Aufbau zum Ende, der weiß: Nur ein Neubau hilft.

Es beginnt mit Kopfzerbrechen. Und Stirnrunzeln. Immer. Johannes Mey ist Technischer Leiter in der Schleyerhalle. Er sorgt also dafür, dass sich die Halle von einer Motocross-Arena in eine Reithalle und in eine Konzertbühne verwandelt. Oftmals binnen 24 Stunden. Immer verlangt das Tüfteln, Puzzeln und ganz viel Improvisation.

Die Band kommt mit 18 Lastern

Momentan steht er im 4000 Quadratmeter großen Innenraum der Schleyerhalle. Und muss schauen, dass die Bühne für Electric Callboy rechtzeitig fertig wird. Acht Stunden ist noch Zeit dafür. Morgens um 5 Uhr hat der Aufbau bereits begonnen, 18 Laster hat die Band aus Castrop-Rauxel dabei. Einer nach dem anderen ist in die Halle gefahren und hat abgeladen, Lautsprecher, Scheinwerfer, Technik, den ganzen Aufbau der Bühne. Inmitten der Kisten steht Mey, um ihn herum wuseln 200 Leute. Es sieht so aus, als ob jeder weiß, was er tut. Also bleibt Mey ein bisschen Zeit zu erklären, was er da so macht. Tag für Tag; Nacht für Nacht übrigens. Bis 23. Dezember geht das jetzt so. Die eine Band baut ab, sind sie raus, kommt die nächste zum Aufbauen. Tatsächlich rund um die Uhr, ohne Pause. Man sieht, das Geschäft ist herausfordernd. Wenn man Mey fragt, ob es in der Schleyerhalle noch herausfordernder ist, schaut er einen an, als wolle man wissen, ob die Erde rund ist. Wo anfangen?

Morgens um 10 Uhr sieht die Bühne so aus Foto: fr

Vielleicht bei der Historie der Halle. Sie wurde 1983 gebaut. Im Prinzip rund um eine Radrennbahn herum. Deshalb ist der Innenraum mit 100 mal 40 Metern ungewöhnlich groß. Doppelt so groß wie bei modernen Arenen, die maximal ein Eishockeyfeld mit 60 mal 30 Metern ummanteln. Dafür gehen die neuen Hallen in die Höhe, da hat es mindestens 24 Meter Platz über der Bühne. In der Schleyerhalle sind es acht Meter.

Genau diese Zahlen, sind es, die bei Johannes Mey, Hallenchef René Otterbein und ihren 20 Mitarbeitern für Kopfzerbrechen sorgen. „Der Standard für moderne Bühnenproduktionen sind eben diese 24 Meter“, sagt Otterbein. „Die kriegen wir bei uns nicht unter“, ergänzt Mey, „wir haben acht Meter bis zum Balken, mit Tricksen schaffen wir zehn, zwölf Meter.“ Was bei Electric Callboy bedeutet, da hängen die Lautsprecher nicht über den Leinwänden, sondern vor der Leinwand. Und die Sängerin Tate McRae musste den Beginn ihres Auftrittes ändern. Normalerweise teilt sich die Großleinwand, fährt hoch und runter, sie kommt auf die Bühne. In der Schleyerhalle ging das nicht, da war kein Platz.

Stuttgart wird zum weißen Fleck auf der Tournee-Karte

Sie kam immerhin noch. Viele andere machen mittlerweile einen Bogen um die Schleyerhalle. Im Tourplan von Stars wie Rihanna, Billie Eilish, Drake, Kendrick Lamar ist Stuttgart ein weißer Fleck. Es wird nicht mal mehr in Betracht gezogen. Die Schleyerhalle ist zu niedrig, zu klein, zu wenig Sitzplätze, zu wenig Logen, zu wenig Erlös. Es geht nach München, Frankfurt. Oder Mannheim; was besonders schmerzhaft ist, denn da buhlt man um denselben Markt im deutschen Südwesten, im Elsass, der Schweiz und Österreich. Und die geben ihr Geld für Tickets, Hotels und Essen halt in Mannheim aus. Und nicht in Stuttgart. Die SAP-Arena in Mannheim etwa bietet 3500 Sitzplätze mehr, das sind bei 100 Euro je Ticket 350.000 Argumente, dort aufzutreten. Und nicht in Stuttgart. Auch die Turner haben schon gesagt, sie kommen nicht mehr mit ihren Weltmeisterschaften, 2019 bei der WM war es ihnen zu dunkel, die Technik zu marode.

Ein Parkplatz? Nein, der Innenraum der Schleyerhalle. Foto: fr

In modernen Arenen gibt es Schaltschränke hinter der Bühne, sagt Mey. „Wir holen den Strom aus allen Ecken der Halle“, sagt er, „und ziehen Leitungen herum, bauen Kabelbrücken, denn es gibt keine Kanäle.“ Inklusive Betens, dass die vorne auf der Bühne nicht zu viel Strom ziehen und hinten am Bierstand die Sicherung raus knallt. Dann zeigt er auf die Bühne, wo gerade die so genannten Rigger über der Bühne schaffen. Natürlich am Seil gesichert. „In einer neuen Halle hat man über der Bühne ein Netz“, sagt Mey. Das heißt, man hängt Lautsprecher und Scheinwerfer von oben. Was sicherer ist und schneller geht. Denn wenn jetzt ein Rigger klettert, darf darunter niemand einen Handschlag tun.

Die Kosten für die Instandhaltung steigen und steigen

Bei aller Schönheit der Künste, natürlich geht es um Kosten. Anderswo sind Mundlöcher hinter der Bühne, ebenerdig. Da laden die Laster ab. In der Schleyerhalle fahren sie rein. Und beim Wenden und Drehen verschieben sie die Bodenplatten. Einmal jedes Jahr müssen die ohnehin neu gelegt werden, aber zumeist täglich muss man Hand anlegen und sie wieder begradigen, Stolperfallen beseitigen.

An diesem Stutzen wird im Sommer das kalte Wasser zum Kühlen eingeleitet. Foto: fr

Einen siebenstelligen Betrag haben sie vor kurzem in den Brandschutz investiert, 650 000 Euro in eine neue Trinkwasserleitung. das ist erst der Beginn. „In den nächsten zehn Jahren werden wir 150 Millionen Euro aufbringen müssen, um den Betrieb zu sichern“, sagt Otterbein. Sie verwalten den Mangel und sind ständig am reparieren. Der Wunsch ist deshalb klar. Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart als Betreiber der Hallen der Stadt sowie die hiesigen Veranstalter sagen seit Jahren: Stuttgart braucht eine neue Veranstaltungshalle.

Es war einmal: Aufkleber in den Verwaltungsräumen der Halle Foto: fr

Eine Machbarkeitsstudie gibt es. Für eine Halle mit 19 000 statt wie bisher 15 500 Zuschauern. Wobei bei den meisten Konzerten 13 000 Menschen in die Halle passen, 8000 davon stehen dann. 33,5 Meter hoch soll die Halle werden. Kosten: voraussichtlich 500 Millionen Euro. Helfen soll ein Investor, das Namensrecht soll 50 Millionen Euro bringen. Aber mindestens 250 Millionen Euro muss die Stadt zahlen. Im Haushalt sind als Investitionszuschuss 45 Millionen Euro vorgesehen. OB Frank Nopper und Kämmerer Thomas Fuhrmann wollen die neue Halle also. Ob das die Stadträte auch so sehen? Nicht nur wegen des Sparzwangs. Auch wegen grundsätzlicher Bedenken. Für die einen tut es die Schleyerhalle noch, sind Fans von Rock und Pop eine zu vernachlässigende Masse, andere sind auf der Seite der Architects for Future. Die sind gegen Abriss und Ersatz-Neubau für die „Unterhaltungsindustrie“ , weil dies nicht mit Stuttgarts Ziel zu vereinbaren sei, 2035 klimaneutral zu werden.

Nachmittags stehen die Barrieren. Foto: fr

Nun folgte man diesen Argumenten beim Haus des Tourismus am Marktplatz. Da wollte man beim ehemaligen Breitling-Haus die Substanz erhalten, stellte fest, dass diese marode war. Brauchte ein Jahr länger und mit 25 Millionen Euro doppelt so viel Geld wie vorgesehen. Nicht nur deshalb hält Otterbein wenig davon die Hülle der Schleyerhalle zu erhalten. Prüfen lassen hat man, ob man das Dach anheben und einen zweiten Rang reinpacken könne. Fazit. Das geht. Allerdings mit großem Aufwand. Und man muss rund um die Halle Fundamente setzen. Also auch mitten in die Mercedesstraße.

Auch die Schaltschränke sind in die Jahre gekommen. Foto: fr

Und was ist mit Fluchtwegen, Brandschutz bei dann mehr Menschen? Die Breite der Gänge ändert sich nicht, stellenweise sind sie nur drei Meter schmal. Um dort ein bisschen Luft zu gewinnen, hat der Caterer seine Stände 40 Zentimeter weiter nach hinten gesetzt als er müsste. Marcel Benz betreibt die Gastronomie in beiden Hallen. Bis zu 200 Leute arbeiten an einem Tag mit Veranstaltungen in beiden Hallen an den Ständen. Und kämpfen mit den Umständen. Die Leitungen sind viel zu lange, sagt Benz, das heißt, das Kühlen der Getränke ist ein Problem. Abenteuerlich ist der Nachschub. Draußen wird mit den Staplern rangiert, von Lagerraum zu Lagerraum. In der Halle aber wird das Bierfass per Hubwagen gebracht, über die Gänge, die ohnehin gestopft voll sind. „Ein Mann, ein Fass“, sagt Benz. An zu wenigen Ständen darf man wegen des dafür nötigen Brandschutzes Pommes frittieren. Dort stehen dann besonders viele Menschen an. Ständig kaputt gehende Fliesen auf dem Boden statt Epoxitharz, alte Technik; die Liste an Beschwernissen ist lang, die Benz aufzählen kann.

Enge und Gedränge: Schleyerhalle wird zur Geduldsprobe

Als sich die Halle füllt, sieht man wie eng das wirklich ist. Die einen stehen für Essen und Trinken an, die anderen wollen zur Toilette und auf ihren Platz. Rush-Hour. Man braucht Geduld, gute Nerven und muss auf freundliche Mitmenschen hoffen, die Gedränge aushalten.

Alles fertig? Alles fertig! Gleich gehen die Tore auf. Foto: fr

Mehr Leute heißt auch, man braucht mehr Gastrostände, mehr Garderoben, mehr Toiletten, inklusive der nötigen Technik und Leitungen. Apropos Technik. René Otterbein nimmt einen mit in die Heizräume. Drei Gasbrenner mit jeweils einem Megawatt Leistung stehen da. Erneuert in den Neunziger Jahren. Technik aus dem vorigen Jahrtausend. „Wir heizen die Luft draußen“, sagt Otterbein. 4000 Quadratmeter Innenfläche, bedeutet eben auch 4000 Quadratmeter Decke. „Zur Klimaneutralität der Stadt tragen wir leider nichts bei.“ Im Sommer muss man kühlen, dann stehen zwei riesige Container draußen, Schläuche gehen in den Heizraum, speisen kaltes Wasser ein.

Im Foyer ist es gleich einige Grad wärmer

Dann führt er einen hinaus ins Foyer, dass sich die Schleyerhalle seit 2006 mit der Porschearena teilt. Wir öffnen die Türe, tatsächlich wird es spürbar wärmer. Moderne Heizung, besser isoliert, kompakter. Dort spielt heute der TVB Stuttgart, in der Porsche-Arena wird der Boden vorbereitet. Doppelveranstaltung, wie so oft. Mehr als 250 Veranstaltungen werden dieses Jahr in beiden Hallen stattfinden, knapp eine Million Menschen kommen.

Electric Callboy tritt auf , und die Halle ist pickepackevoll. Foto: fr

3000 davon kommen zum Handball. Sie sind schon drin, über einen zweiten Eingang hinten, als aus der Halle die Ansage an den Sicherheitsdienst kommt: Ihr könnt aufmachen! 18.30 Uhr ist es soweit. Die Tore gehen auf, die Fans von Electric Callboy strömen herein. Wie die Band nicht zu fassen. In bunten Trainingsjacken, Perücken, ganz in Schwarz, Metal-T-Shirts, weiten Hosen. Alles dabei. Und von überallher. Bodensee, Oberschwaben, Allgäu, Pfalz, Hessen – und natürlich aus der Region. 13 000 toben am Ende zwei Stunden durch die ausverkaufte Schleyerhalle.

Der technische Leiter Johannes Mey ist da schon nicht mehr da, er ist in Dortmund. Und schaut Apache zu. Der kommt nächste Woche vier Tage am Stück in die Schleyerhalle. Und sein Bühnenaufbau braucht eigentlich 20 Meter Höhe. Die Mey nicht bieten kann. „Das wird wieder ein Getüftel.“ Das bedeutet wieder viel Arbeit – und Kopfzerbrechen.