Zum Start der Reform reißen Regionalpräsident Bopp, OB Kuhn, Verkehrsminister Hermann und die Landräte der betroffenen Kreise die Tarifmauer ein. Foto: Lg/Leif Piechowski - Lg/Leif Piechowski

Die Erfolge der VVS-Tarifreform werden sichtbar: Mehr Fahrten, mehr Abos bescheinigt die Geschäftsführung bei der Halbjahresbilanz.

StuttgartHorst Stammler hält sich mit Jubelrufen noch zurück. „Wir sind im Rahmen der Kalkulation“, sagt der VVS-Geschäftsführer im besten Buchhalter-Deutsch. Doch die Erfolge der Tarifreform werden sichtbar: mehr Fahrten, mehr Abos. Nach der Neuordnung, die zum 1. April in Kraft trat, hatte Stammler mit einem langsamen, aber stetigen Wachstum gerechnet. Die VVS-Halbjahresbilanz, in der ein Vierteljahr Tarifreform enthalten sind, passt in dieses Szenario: Mit 192 Millionen bezahlten Fahrten wurden vier Millionen mehr registriert als im gleichen Zeitraum 2018. Die Steigerung von zwei Prozent ist deutlich höher als die Zuwächse in den vergangenen Jahren. Bei den von der Tarifreform betroffenen Tickets gebe es sogar ein Plus von 4,8 Prozent, so Stammler. Von der Neuordnung, bei der 50 Zonen in fünf Ringe überführt wurden und bei der die Stadt Stuttgart nur noch eine Zone ist, sind beispielsweise Kurzstrecken- und Netztickets nicht betroffen. Besonders erfreulich ist für Stammler, dass die Zahl der Abonnenten, das heißt der Nutzer von Monats- und Jahreskarten, um acht Prozent gestiegen ist. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass der diesjährige Juni mit zwei Wochen Pfingstferien ein schwacher Monat gewesen sei. Im Winterhalbjahr nutzen mehr Leute Busse und Bahnen.

Was heißt das finanziell?

Im Gegensatz zu den Vorjahren bedeutet die Steigerung der Fahrten keine höheren Einnahmen. Im Gegenteil: Mit rund 258 Millionen Euro waren es zehn Millionen Euro weniger als 2018 – auch dies eine Folge der Tarifreform (und der ausgefallenen Tariferhöhung). Zum einen wurden die Fahrten günstiger, zum anderen erstattete der VVS den zu viel gezahlten Betrag – beispielsweise bei Anfang 2019 in Einmalzahlung erworbenen Jahreskarten.

Wie wirkt sich das aus?

Momentan lasse sich noch nicht sagen, ob der Zuschuss der öffentlichen Hand (Land, Kreise, Stadt Stuttgart) in Höhe von jährlich 42 Millionen Euro für die Mindereinnahmen ausreiche, so Stammler. Mit zehn Millionen Euro bewege man sich aber im Rahmen.

Wie ist die Entwicklung im Einzelnen?

Der Zuwachs von zwei Prozent teilt sich ganz unterschiedlich. „Die Entwicklung ist uneinheitlich“, sagt Stammler. Kurz gesagt: der Berufsverkehr boomt, der Gelegenheitsverkehr wächst leicht, doch beim Ausbildungsverkehr, also den Fahrten von Schülern, Studenten und Auszubildenden, steht erneut ein Minus vor der Halbjahresbilanz.

Wo gibt es Probleme?

Die demografische Entwicklung schlägt mittlerweile auch beim VVS zu: Der Ausbildungsverkehr geht seit Jahren zurück – im ersten Halbjahr 2019 um 0,6 Prozent gegenüber 2018. Das mag wenig klingen, macht sich aber deshalb bemerkbar, weil Schüler, Stundenten und Auszubildende einen Anteil von rund einem Drittel an den VVS-Fahrten haben. „Die Schülerzahlen sind rückläufig, zum Wintersemester 2018/2019 sind erstmals seit Längerem die Studierendenzahlen an den Hochschulen in der Region Stuttgart gesunken“, sagt Stammler.

Was heißt das konkret?

Mit dem Scool-Abo fahren 1,3 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler. Beim Studi-Ticket gibt es ein Minus von 3,1 Prozent. Das vor drei Jahren gestartete Ausbildungs-Abo, mit dem man für 59,90 Euro im Monat das ganze Netz nutzen kann, verzeichnet einen Zuwachs von 7,7 Prozent.

In welchen Bereichen geht es aufwärts?

Das ist vor allem der Berufsverkehr, wo es im ersten Halbjahr 4,6 Prozent Zuwachs gab. Hauptgrund ist das Firmenticket mit einem Plus von fast zehn Prozent. „Inzwischen fahren rund 89 000 Arbeitnehmer mit dem preisgünstigen Jobticket zur Arbeit“, sagt Thomas Hachenberger, zweiter VVS-Geschäftsführer neben Stammler. Das vom Arbeitgeber bezuschusste Jobticket wird vom VVS nochmals zusätzlich rabattiert, sodass große Preisvorteile entstehen. Auch die Stadt Stuttgart und das Land nehmen an dem Modell teil. Kleinere und mittlere Firmen können sich zusammenschließen, um die Mindestabnahmezahl von 50 Abos zu erreichen. „Dank des Engagements von mehr als 1000 Arbeitgebern ist das Angebot auf dem Höhenflug“, so Hachenberger.

Wo gibt es sonst noch Zuwächse?

Das Seniorenticket fährt ein Plus von 3,1 Prozent. Es wird von mehr als 43 000 älteren Fahrgästen genutzt.

Und was ist mit den anderen Tickets?

Im sogenannten Gelegenheitsverkehr, darunter fallen die Fahrten mit Einzel-, Vierer- und Tagesfahrscheinen, gab es dank der Tarifreform nach Jahren rückläufiger Zahlen erstmals ein leichtes Plus von 0,7 Prozent. Das Tagesticket, das schon während der Feinstaubalarmsaison günstiger angeboten und durch die Tarifreform weiter deutlich verbilligt wurde, hat einen Zuwachs von 14,3 Prozent. Beim Verkauf der Einzelfahrscheine gab es ein kleines Minus von 0,4 Prozent. Bei den Vierertickets setzte sich mit minus 8,4 Prozent der Rückgang der Vorjahre fort.

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