Dieter Strauß bei der Lese. Vergangene Woche wurde unter anderem Grauburgunder geerntet. Foto: Sebastian Steegmüller - Sebastian Steegmüller

Die Weinlese rund um den Württemberg hat begonnen

Rotenberg Drosophila suzukii. Über die Frage, wie die lateinische Bezeichnung der Kirschessigfliege ist, muss Martin Kurrle nicht lange nachdenken. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Schlaflose Nächte bereitet die „Drosophila suzukii“ dem Geschäftsführer des Collegium Wirtemberg zwar nicht, aber viel Arbeit. „Wir sind jeden Tag in Gruppen unterwegs, nehmen die Weinberge unter die Lupe.“ Rund 150 Hektar gilt es zu kontrollieren. Man habe aus dem Jahr 2014 – damals wütete die Kirschessigfliege besonders in den Weinbergen – gelernt. „Beeren, die von den Insekten angestochen wurden, werden sofort entfernt.“ Außerdem halte man den Blätterbestand rund um die Traube möglichst gering. Dadurch könne sich weniger Feuchtigkeit an den Beeren sammeln und die Insekten sich schwieriger ausbreiten. „Dafür sind die Trauben vor Sonnenbrand – vor allem der Trollinger ist hier anfällig – weniger geschützt“, sagt Dieter Strauß, Vorstandsmitglied der Weinmanufaktur Untertürkheim, die immerhin 96 Hektar Rebfläche bewirtschaftet. „Das ist eben ein schmaler Grat.“ Mittlerweile haben die Wengerter das Gröbste aber überstanden. „Zum Glück ist die Reife soweit fortgeschritten, dass wir jederzeit ernten können, sollte es doch noch zum Befall kommen“, sagt Kurrle. Hilfreich seien in den vergangenen Wochen auch die kalten Nächte gewesen. „Dadurch wird die Vermehrung der Kirschessigfliege ebenfalls gehemmt.

Superjahr 2018

Die starken Temperaturschwankungen – in den frühen Morgenstunden fällt das Thermometer derzeit in den einstelligen Bereich, nachmittags werden noch knapp 20 Grad erreicht – haben einen weiteren Vorteil. „Dadurch bilden die Trauben ihr volles Aroma aus“, so Strauß. Im Vergleich zum Vorjahr erwartet der Experte weniger Ertrag. „2018 hat alles gepasst, die Menge und die Qualität. Dieses Jahr sind es etwas weniger Trauben als erwartet, der Geschmack ist jedoch vielversprechend.“

Auch Martin Kurrle rechnet aufgrund des extrem trockenen Sommers, vor allem dem heißen Juni, damit, dass der Ertrag eher unterdurchschnittlich ausfällt. „Die Trauben sind doch sehr leicht geblieben.“ Er sieht jedoch darin nicht unbedingt einen Nachteil. Im Gegenteil: „Die Rebstöcke sind noch immer im vollen Grün, haben noch keine herbstliche Verfärbung und können ihre volle Energie in die Trauben stecken.“ Ob das Vorjahr geschmacklich übertrumpft wird, könne er erst in rund zwölf Monaten sagen. „Die ersten Eindrücke stimmen mich jedoch hoffnungsfroh.“ Beim Rundgang durch seine Weinberge gerät der 54-jährige Diplomingenieur für Weinbau und Getränketechnologie dann regelrecht ins Schwärmen. „Der Traminer ist wirklich der Hammer.“ Auch die Trauben des Chardonnays seien ein Traum. „Zum Reinlegen.“ Ganz soweit geht er dann zum Glück nicht, regelmäßig greift er jedoch zum Refraktometer, um den Öchsle-Grad zu messen. Schließlich dürfen die Trauben nicht mehr all zu lange hängen. In den vergangenen Tagen wurden sowohl beim Collegium Wirtemberg als auch bei der Weinmanufaktur Untertürkheim unter anderem Sauvignon blanc, Kerner und Grauburgunder gelesen.

„Wir haben hier schon einen begnadeten Landstrich“, sagt Kurrle, und lässt den Blick über das Neckartal schweifen. „Es gibt viele schöne Weingegenden, doch der Flur am Württemberg ist unglaublich. Wir brauchen uns vor niemandem verstecken.“ Dabei spielt er nicht auf die benachbarten Weingüter an. „Die Wengerter aus der Region sind Kollegen, mit denen wir im harmonischen Austausch stehen. Die Konkurrenz kommt aus dem Ausland.“ Vor über 30 Jahren habe man den Schalter auf Qualität umgestellt und akribisch daran gearbeitet, noch besser zu werden. „Ein Aufwand, der sich auszahlt. Wir holen seit Jahren Preise von Welt-Renommee.“ Ein großes Plus sei, dass der Kunde nur lokale Produkte bekommt. „Es gibt nur das, was hier wächst.“

Man schmecke heraus, wie viel Zeit man in die Weine investiert hat, sagt auch Dieter Strauß, der sich besonders auf den Merlot freut. Zugleich betont der 53-Jährige, dass die Temperaturen in diesem Sommer schon extrem gewesen seien. Die tropischen Nächte hätten nicht nur den Menschen zu schaffen gemacht. „Auch den Trauben fehlte die Abkühlung. Sie waren morgens schon teilweise 25 Grad warm“, fügt Kurrle hinzu. Strauß betont, dass es auch in der Vergangenheit immer mal wieder richtig warm gewesen sei. „Wenn der Klimawandel jedoch weiter so voranschreitet, wird es bestimmte Sorten hier eventuell nicht mehr geben.“ Es sei durchaus denkbar, dass die Wengerter langfristig teilweise auf andere Trauben setzen müssen. „Merlot und Cabernet waren in unseren Weinbergen früher undenkbar, heute sind sie problemlos möglich.“

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