Ein herrlicher Ausblick: Michael Rothmund und Helge Dörr auf der Terrasse der Jugendherberge Stuttgart Foto: Leif Piechowski - Leif Piechowski

Die Stuttgarter Jugendherberge bietet den schönsten Ausblick auf die Stadt. Über den gebietet nun das neue Führungsduo Helge Dörr und Michael Rothmund.

StuttgartDas Internet weiß alles. Oder sagen wir, fast alles. An den Stuttgarter Stäffele scheitert es mitunter. Wer seinem schlauen Telefon glaubt und sich den Weg zur Stuttgarter Jugendherberge sagen lässt, der erfährt, dass es von der Haltstelle Staatsgalerie nur zehn Minuten seien. Prima, denken sich viele, und marschieren los. Eines vergisst das Telefon allerdings zu erwähnen, es geht zehn Minuten bergauf, Stufe für Stufe. So kommt so mancher Gast verschwitzt und um Atem ringend in dem Haus an der Haußmannstraße 27 an.

Und macht dabei die erste Erfahrung mit Stuttgart: Das anstrengendste und schönste an der Hauptstadt der Schwaben sind ihre Hänge. Fürwahr eine pietistische Stadt: Erst die Mühen, dann der Lohn. Nämlich eine fantastische Aussicht. Die so keine andere Stadt in Deutschland, und auch keine andere Jugendherberge zu bieten hat. Seit 1. Dezember dürfen Helge Dörr und Michael Rothmund diesen Blick auf den Kessel jeden Tag genießen. Von Berufs wegen. Sie arbeiten dort, wo andere Urlaub machen. Das Duo hat das Ehepaar Marlies und Gerrit de Vries als Leiter der Stuttgarter Jugendherberge mit ihren beiden Standorten an der Haußmannstraße und in Bad Cannstatt abgelöst.

Beide haben das Haus im Zivildienst kennen gelernt. Ihr Berufsweg war aber ein gänzlich anderer. Michael Rothmund (29) war zunächst Baufinanzberater, ehe er das Abitur nachholte und studierte. Anschließend arbeitete er als Vertriebscontroller beim Autozulieferer Mahle. Nicht gerade der klassische Weg in den Tourismus. Doch immer wieder hat er nebenbei in der Jugendherberge gearbeitet. Als jetzt eine neue Leitung gesucht wurde, hat er sich gemeinsam mit Dörr beworben. „Ich wollte lieber mit Menschen umgehen als mit Zahlen“, sagt er.

Dörr (39) ging keinen Umweg. Nach dem Zivildienst studierte er Politik und BWL, kehrte dann in die Jugendherberge zurück, war als Assistent der Herbergsleitung tätig. Zeitweise sprang er anderswo ein, leitete etwa das Haus in Schwäbisch Hall, oder während der Bundesgartenschau die neue Herberge in Heilbronn. Nun ist er mit Rothmund für die beiden Häuser in Stuttgart zuständig. 54 Angestellte, 94 Zimmer mit 309 Betten in der Innenstadt, 45 Zimmer mit 155 Betten in Bad Cannstatt. Geöffnet 365 Tage lang rund um die Uhr. Das erklärt auch, warum sie es zusammen machen. Nicht immer sind sie da, aber in Bereitschaft müssen sie sein. Und so kann immer einer wenigstens mal das Handy ausmachen.

„Jung, modern, selbstbewusst“, haben sie sich als Motto ausgesucht. Dazu passt, dass sie keine Herbergsväter mehr sind. Der Begriff hat ausgedient, klingt er doch verzopft und nach Stockbetten, Filterkaffee in der Warmhaltekanne, trockenen Brötchen und Dauerwurst. Leitung, so heißt das nun offiziell beim Jugendherbergswerk, dass der Träger der gut 500 deutschen Häuser ist.

„Die Zeiten sind schon lange vorbei“, sagt Dürr und grinst, wenn man ihn mit den Vorurteilen über Jugendherbergen konfrontiert. Essen gibt es auch vegan und vegetarisch, zum Frühstücksbüffet zählt selbstverständlich auch eine Miso-Suppe. Denn neben vielen Amerikanern, Franzosen und Schweizern haben auch die Chinesen die Jugendherbergen für sich entdeckt. Deshalb verstehen sie sich auch als Vermittler und Botschafter der Stadt. Mit dem Musical arbeiten sie zusammen, ebenso mit Anbietern von Städtetouren. Sie haben natürlich Tipps parat für die vielen Familien, die kommen. Das sind Klassiker wie die Wilhelma, das Mercedes-Museum, der Fernsehturm, aber auch die Seilbahn oder die Skaterhalle am Jugendhaus Cann. Die halbwüchsigen Kinder haben andere Wünsche, die wollen wissen, wie sie ins Milaneo kommen. Da können sie dann die Eltern solange in die Bücherei schicken, deren Aussichtsplattform ein Geheimtipp ist.

Dörr sagt: „Für uns ist dieser Kontakt wichtig, das macht die Arbeit besonders.“ Deshalb sitzen sie auch immer noch an der Rezeption. „Die Leute müssen sich wohlfühlen“, erläutert Rothmund, „dann kommen sie wieder.“ Fühlen sie sich gut aufgehoben bringen die Lehrer wieder Schulklassen mit, kommen die Gäste bei Messen wieder, oder buchen beim alljährlichen Trip zum Volksfest oder Weihnachtsmarkt wieder in der Jugendherberge. An den Wochenenden im Advent sind sie voll, um Weihnachten herum auch, viele brachten ihre Verwandtschaft in der Jugendherberge unter, auch in der Wasenzeit bleibt kein Zimmer frei. Jetzt schon gibt es kein Bett mehr für den Katholikentag im Mai des Jahres 2022. Auch weil die Gäste wissen, es gibt selbst zu Stoßzeiten keinen Zuschlag. Rothmund betont: „Bei uns zahlen sie jeden Tag den selben Preis“ - die Jungen bis 27 Jahre 28,40 Euro pro Person, die Älteren 35,40 Euro. Kinder bis 6 Jahren sind frei.

Daran wird sich so schnell nichts ändern. Am Konzept allerdings basteln sie behutsam herum, den Aufenthalt möchten sie interessanter gestalten. Theater einladen, Platz für Ausstellungen bieten, eine Disco veranstalten, mit Blick auf die Stadt. Fürwahr, mit einem schöneren Ausblick lässt sich nicht tanzen. Wenn man es mal her geschafft hat. Dabei muss man gar nicht schwitzen. Von der Stadtbahn-Haltestelle Eugensplatz geht es fast eben herüber. Aber das muss das Internet noch lernen. Niemand ist schließlich perfekt. Außer der Ausblick von der Terrasse der Jugendherberge in Stuttgart.

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