Die Querhalle ist in die Jahre gekommen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgarter reagieren mit Wehmut und Fatalismus auf das Ende der Bahnhofshalle im Bonatzbau und den Eingriff in die Fassade. Aber es gibt auch Stimmen, die den Umbau begrüßen.

StuttgartEmpfindet man Wehmut beim Abschied von einem Bauwerk, mit dem man täglich lebt? Ja, meint Bahnpendler Dietger Kollas. „Es ist eine Art Liebeserklärung an diese Bahnhofshalle, obwohl meine tief greifenden Erlebnisse alle traurig waren“, sagt der 54-jährige Stuttgarter. Mit fünf Jahren wurde er wegen der fast chronischen Bronchitis mutterseelenallein zur Kur nach Bayrisch Gmain verschickt. Später war es der Dienst am Vaterland, der ihn an jedem Sonntagabend zum Abschied von der Lieben in Richtung Bundeswehrkaserne Lagerlechfeld zwang. Seitdem sei der Bahnhof ein Sehnsuchtsort geblieben. Vielleicht weil die Mauern Erinnerungen speichern. Vielleicht, weil Ankommen und Abfahren immer etwas mit Sehnsucht zu tun hat.

Wie auch immer: In diesen Tagen sind viele vom Abschiedsschmerz gepackt. Denn an diesem Mittwoch ist Schluss. Die große Querhalle des Hauptbahnhofs schließt. Es wird mindestens fünf Jahre ab- und umgebaut. Ein Hotel und eine Einkaufsmall sollen entstehen. Die bisherigen Mieter der Läden ziehen aus. Der Wartebereich, die Heilsarmee und vieles andere wird verlegt. Der Bonatzbau, dieser eindrucksvolle Monumentalbau, wird abermals verändert. Die nüchterne Annäherung an die Wirklichkeit dieser geschichtsträchtigen Anlage geht weiter.

Nur wenig Eisenbahnromantik

Die meisten haben es noch gar begriffen. Andere werden erst durch die Reporterfragen der Sache gewahr. Auch Günther Bräuninger macht ein Gesicht, als erführe er von der ersten bemannten Marslandung. „Was, am Mittwoch?“, sagt er. Seine Reaktion: „Das finde ich nicht gut.“ Und als die Nachricht von der Schließung, dem Hotelneubau so langsam auf den Grund seines Herzens sickert, bricht es aus ihm hervor: „Das, was hier abgeht, ist ein Unding. Es ist ein reines Immobilienprojekt. In meinen Augen ist nur ein Krieg schlimmer als das, was hier abgeht.“ Auch Ursula Oesterle ist enttäuscht: „Das ist nicht mehr mein Stuttgart.“

Was beide Stuttgarter Rentner meinen, bringt Norbert Bongartz, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, in seiner Rede bei der Montagsdemo auf den Punkt. „Die von Architekt Ingenhoven entworfenen Pläne der Deutschen Bahn sehen an dieser Stelle einen zweistöckigen, um mehrere Meter zurückversetzten Hotel-Aufbau vor, was zur Folge haben wird, dass man hinter diesen Fensteröffnungen in den Himmel sehen wird.“ Bongartz hält davon nichts: „Diese nicht unwesentliche Beeinträchtigung der Bahnhofsfassade geschieht in der Sache ohne jede Notwendigkeit – sie ist völlig unnötig, wie ich mit dem Enkel von Paul Bonatz, Peter Dübbers festgestellt hatte.“

Natürlich gibt es auch andere Stimmen. Etwa die von Doris Burkhardt. „Ich bin keine Stuttgart-21-Gegnerin“, sagt sie. „Ich bin eher der Meinung, dass diese Bahnhofshalle schon lange gerichtet gehört.“ Sie verbinde weniger Emotionen mit diesem Bahnhof, vielleicht, weil sie erst im Alter von 18 Jahren nach Stuttgart kam. Mit Eisenbahnromantik kann auch Nina Degelmann nicht viel anfangen. „Ich find’s gut“, sagt sie. „Mich nervt das hier schon lange.“ Wenn man sich andere Städte anschaue, sehe man, wie schön die Bahnhöfe dort seien. Wer keine Veränderungen zulasse, erlebe auch keinen Fortschritt. Und überhaupt: „Es wird ja nicht komplett abgerissen.“ Geht es nach der gefühlten Wahrheit des Buchverkäufers von Press & Book in der Bahnhofshalle, sind diese beiden Befürworter die absoluten Ausnahmen. Obwohl ein Schild am Eingang seine Kunden auf die Schließung hinweist, reagieren viele im Gespräch überrascht und geschockt. „Ich habe von meinen Kunden noch keine positiven Rückmeldungen bekommen“, sagt er. In der Regel reagieren die Kunden nach folgendem Muster: „Des isch ja dr Hammer. Warum habe ich des nirgendwo gelesen? Ich habe doch eine Tageszeitung“, fragt eine Frau aus Nürtingen entrüstet.

Fatalismus bei Passanten

Reinhold Schumacher, der seit Jahren in der Großen Querhalle einen Asia Laden betreibt und nun in die Königstraße 1A umzieht, bestätigt die Erfahrungen des Buchhändlers. „Ich stelle auch eine große Hilflosigkeit, einen Fatalismus bei den Leuten fest. Alle wissen, das hier ist eine Geschichte der hohen Herren. Es geht um das Gelände dahinten. Es geht um viel Geld“, sagt er. „Viele zucken mit den Schultern und sagen: Was sollen wir dagegen machen?“ Die Antwort liefert der Bauherr, die Bahn, mit Sprüchen auf verschiedenen Plakaten, mit der die Wände verziert sind: „Freuen sie sich auf den neuen Bonatzbau!“ oder das Albert-Einstein-Zitat „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“. Wie es scheint, gelingt das nur wenigen. Die meisten nehmen leise Abschied von ihrem Sehnsuchtsort.

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