Der wenige Jahre zuvor erweiterte Untertürkheimer Bahnhof im Jahr 1910. Foto: Sammlung Klaus Enslin - Sammlung Klaus Enslin

Vor 175 Jahren wurde der erste Abschnitt der Königlich Württembergischen Staatseisenbahn zwischen Cannstatt und Untertürkheim eingeweiht. Das runde Jubiläum ist für Bahn und Stadt kein Grund zum Feiern.

Untertürkheim F ür Untertürkheim begann das Eisenbahnzeitalter am 22. Oktober 1845 mit der Eröffnung der allerersten Eisenbahnlinie Württembergs. Das erste Teilstück der Zentralbahn verband die kleine Weinbaugemeinde mit ihrer knapp vier Kilometer entfernt liegenden Oberamtsstadt Cannstatt. Ein wichtiges Datum für den Ort – das man 175 Jahre später auch gern gebührend gewürdigt sehen möchte. Doch ob das runde Jubiläum mit einem Fest gefeiert wird, ist offen. Aus dem Stuttgarter Rathaus heißt es lapidar, diesbezüglich sei die Bezirksvorsteherin auf Anregung des Bezirksbeirats und des Bürgervereins Untertürkheim an die Verwaltung herangetreten. „Verschiedene Fachbereiche stimmen sich mome ntan ab, ob wir die gewünschte Feierlichkeit unterstützen können.“ Vonseiten der Deutschen Bahn hießt es kurz und knapp: „Es ist keine Veranstaltung zum 175-jährigen Jubiläum der Eisenbahn in Württemberg geplant.“

Vieles hat sich verändert

Vor 25 Jahren sah das ganz anders aus: Drei Tage lang wurde in Stuttgart, Bad Cannstatt und Untertürkheim mit großem Tamtam gefeiert. Noch heute erinnert sich Klaus Enslin, der Vorsitzende des hiesigen Bürgervereins, gern an den Sonderzug nach Untertürkheim: Mit einem ICE waren die Ehrengäste, darunter der damalige OB Manfred Rommel, der einstige Verkehrsminister Hermann Schaufler und Ex-Bahnchef Heinz Dürr, angereist. In einer Fahrzeugschau wurden am Festwochenende drei Elektrolokomotiven aus verschiedenen Epochen ausgestellt, es gab zahlreiche Sonderfahrten mit historischen und modernen Zügen, Ausstellungen zur Historie, Führungen durch das Stellwerk und Pendelfahrten zum Güterbahnhof.

Sicher: Vieles hat sich in den vergangenen 25 Jahren verändert – vor allem durch das Bahnprojekt Stuttgart 21. Wäre nicht gerade der Ausblick auf die Zukunft des Bahnverkehrs eine spannende Sache? Das fragt sich nicht nur Klaus Enslin. An Ideen für Programmpunkte mangelt es den Untertürkheimern nicht, so könnten sie sich neben Sonderfahrten auch Baustellenführungen vorstellen. Und natürlich sollte in würdiger Form über die Historie informiert werden. Immerhin verdankt Untertürkheim der Bahn viel: Der Start der Schienenverbindung hatte das Industriezeitalter eingeläutet.

,,Neckar“, so hieß die eigens aus Amerika importierte Dampflok, die am 22. Oktober 1845 den ersten Zug der Königlich Württembergischen Staatsbahn fahrplanmäßig von Cannstatt nach Untertürkheim zog – die Jungfernfahrt hatte drei Wochen vorher stattgefunden. Bis es soweit war, dauerte es freilich einige Zeit. Der Fortschritt kam hierzulande nur langsam voran, viele fürchteten den Moloch Technik, wollten das „rauchende, pfeifende Ungeheuer, das man Locomotive nennt“, aus dem Schwabenland fernhalten. 1843 hatte König Wilhelm I. den Landtag endlich so weit, dass dieser das „Gesetz betreffend den Bau von Eisenbahnen“ verabschiedete. Der erste Spatenstich für die Zentralbahn erfolgte am 26. Juni 1844 am Pragtunnel. Am schnellsten war die 3700 Meter lange Strecke von Cannstatt nach Untertürkheim fertig – weil hier weder Tunnel noch Brücken zu bauen waren. Bereits am 7. November 1845 wurde die Strecke bis Obertürkheim verlängert, am 20. November gar bis Esslingen. Der Rosensteintunnel war dann am 4. Juli 1846 fertiggestellt, am 26. September konnte erstmals eine Lokomotive in den ersten Stuttgarter Bahnhof ein- und ab 15. Oktober bis Ludwigsburg weiterfahren.

Mit dem Pendelverkehr zwischen Cannstatt und Untertürkheim begann der Siegeszug der Eisenbahn im Land. Und der damals nicht mal 5000 Einwohner zählende Wengerterort Untertürkheim entwickelte sich zu einem beliebten Ziel für Ausflügler, die das neue Verkehrsmittel nutzten. Im Frühjahr 1894 begannen dann die Bauarbeiten für einen Güter- und Rangierbahnhof an der heutigen Augsburger Straße, der 1896 seiner Bestimmung übergeben wurde. Der Gleisanschluss war ein wichtiges Lockmittel für die Wirtschaft – unter anderem siedelten sich dadurch die Schokoladenfabrik Stängel & Ziller (Eszet) sowie die Daimler-Motoren Gesellschaft (heute Daimler) in Untertürkheim an.

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