Gabriele Kieninger mit Kindern in Simbabwe. Foto: privat (z) - privat (z)

Als Notfallpädagogin fährt Gabriele Kieninger ehrenamtlich in Krisengebiete auf der ganzen Welt. Dort hilft sie traumatisierten Kindern.

Bad CannstattZerbombte Häuserschluchten im Nordirak, von Erdrutschen verschüttete Schulen in Indonesien oder von tropischen Wirbelstürmen zerstörte Landstriche in Mosambik und Simbabwe. Diese Bilder wirken auf die meisten Menschen abschreckend und sie versuchen, so viel Abstand wie möglich dazu zu gewinnen. Die Cannstatterin Gabriele Kieninger macht es genau anders herum. Sie geht mitten hinein in diese Kriegs- und Katastrophengebiete – um zu helfen. Sie ist Notfallpädagogin und kümmert sich vor Ort um traumatisierte Kinder und Jugendliche.

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Verletzung oder Wunde. Die Notfallpädagogin kümmert sich in erster Linie um seelische Traumata. „Wie eine oberflächliche Wunde auf der Haut braucht auch die Seele ein Pflaster“, sagt sie – und das wollen die Notfallpädagogen zusammen mit den Kindern aufkleben. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten von Traumata-Auslösern, die es zu unterscheiden gilt. Zum einen die Menschengemachten wie Kriege. Zum anderen sind das Naturkatastrophen. Das sich daraus entwickelnde Psychotrauma lässt sich grob in vier Phasen unterteilen. Die ersten beiden Tage nach einem traumatischen Erlebnis nennt man Akutphase – Symptome wie Zittern, Albträume oder Erbrechen können dabei auftreten. Hier können die Notfallpädagogen oft noch nicht eingreifen, weil es zu früh ist. Auf die Akutphase folgt dann die posttraumatische Belastungsreaktion, die bis zu acht Wochen dauern kann. „Das ist die Hauptzeit für Notfallpädagogen“, sagt Gabriele Kieninger. Daraus entwickeln können sich Trauma-Folge-Störungen, die in einer andauernden Persönlichkeitsveränderung münden können.

Spiele vor Ort entwickelt

Die Methoden, auf die Gabriele Kieninger bei ihrer Arbeit zurückgreift, kommen dabei aus der Waldorfpädagogik und enthalten auch erlebnispädagogische und kunsttherapeutische Elemente. „Wir versuchen, vor allem den jungen Menschen wieder eine tägliche Struktur zu geben und feste Rituale mit ihnen einzuhalten“, sagt die 55-Jährige. Dazu gehören vor allem Anfangs- und Abschlusskreise, Malen und Bewegungsspiele. Oft werden auch Sachen verwendet, die Halt geben – wie etwa ein Seil. Viele der Spiele entwickle sie vor Ort gemeinsam mit den Kindern. „Ziel ist es auch, die Selbstheilungskräfte der Kinder und Jugendlichen zu aktivieren.“ Neben der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen werden auch Gespräche mit den Eltern geführt und lokale Mitstreiter vor Ort ausgebildet.

Die waldorfpädagogischen Maßnahmen gehen zurück auf die Karlsruher Organisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Diese bildet die Teams aus und entsendet sie. Dabei sind die Teams rund um den Globus unterwegs. Kieninger selbst ist Sozial- und Heilpädagogin und unterrichtet an einer Waldorfschule in Fellbach. Ausgangspunkt für ihre Arbeit war die Frage: Was will ich in meinem Leben? Der Wunsch, einmal in der Entwicklungshilfe zu arbeiten, gärte auch schon länger in ihr. Sie entschied sich dazu, sich zur Notfallpädagogin ausbilden zu lassen. Für ihren ersten Einsatz ging es dann im November 2015 in den Nordirak.

Zuletzt konnte sie ihre Expertise in Simbabwe einsetzen. Der Zyklon Idai verwüstete im März dieses Jahres Teile des Landes. Am 18. Mai machte sich die Notfallpädagogin auf, um zu helfen. Dabei gab es für sie auf dieser Mission einiges an Neuerungen. „Ich war zum ersten Mal mit einem internationalen Team unterwegs.“ Die Team-Mitglieder kamen aus Chile, Brasilien, Malaysia und Südafrika. „Mit einem gemischten Team erreicht man bei den Einheimischen mehr Akzeptanz“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. So hatte sie auch zum ersten Mal die therapeutische Teamleitung inne. „Das war eine Herausforderung, weil man noch intensiver in das Geschehen eingebunden ist.“

Einsätze immer gut verarbeitet

Doch wie kommt man eigentlich selbst mit Geschehnissen zurecht? „In den Krisengebieten haben wir jeden Abend sogenannte Befindlichkeitsgespräche. Wenn ich zurückkomme, versuche ich, viel über die Erlebnisse zu sprechen, treibe Sport und male. Bisher habe ich die Einsätze immer gut verarbeitet.“ Auch ihr Arbeitgeber ist ihrer Arbeit gegenüber kulant. Außerhalb der Ferien darf sie ein Mal pro Jahr zu einem zweiwöchigen Einsatz. Dort erwarten sie dann 12-bis-13-Stunden-Tage. „Natürlich ist die Arbeit anstrengend, aber sie gibt einem auch viel. Ich werde auf jeden Fall weitermachen.“

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