Jörg Krawczyk (links) Foto: Uli Nagel - Uli Nagel

Die Cannstatter kämpfen seit Jahrzehnten gegen Pendlerströme und Schleichverkehr in den Wohngebieten

Bad CannstattHätte Stuttgart vor knapp 20 Jahren den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen, so wären einige Verkehrsprobleme – auch in Bad Cannstatt – heute gelöst“, ist sich Alfred Wallmersperger sicher. Der 76-Jährige erinnert sich noch gut, was in München für die Spiele 1972 „plötzlich alles machbar wurde“. Ein für damalige Verhältnisse supermodernes ÖPNV-Netz sowie einen City-Ring, der die Automassen in der bayrischen Hauptstadt „sortierte und in geordnete Bahnen“ lenkte.

„Davon ist Stuttgart meilenweit entfernt“, bedauert Jörg Krawczyk, der zusammen mit Alfred Wallmersperger in der Aktionsgemeinschaft Espan gegen die vielen Autos, vornehmlich Pendler, vor seiner Haustür kämpft. Beide sind sich, was das Grundproblem angeht, einig: Das Thema Verkehr ist heute in der Landeshauptstadt zu sehr von Ideologie geprägt. „Vernünftige Entscheidungen bleiben oftmals auf der Strecke“, so Wallmersperger mit Blick auf die Radstreifen entlang der Waiblinger- und Nürnberger Straße. Auch an dem Expressbus lassen beide kein gutes Haar. „Der X1 war vom Grundgedanken her richtig und sicher einen Versuch wert“, betont Krawczyk. Doch jetzt sollte die Erkenntnis bei den SSB- und Stadtverantwortlichen reifen, dass der Versuch – zumindest in Bad Cannstatt – gescheitert ist.

Bei all ihrer Kritik sehen beide Handlungsbedarf: „Die Stadt muss natürlich etwas gegen die Pendlermassen unternehmen, die morgens und abends den Verkehr auf den Zufahrtsstraßen lahmlegen.“ Stärkung des Radverkehrs und Ausbau des ÖPNV-Angebots sind wichtige Säulen. Mehr Park & Ride-Plätze in den Nachbargemeinden seien zudem zwingend nötig wie eine konsequentere Anwendung der Pförtnerampel. „Dass sie etwas bewirkt, zeigt die Umstellung an der Beskidenstraße“, so Wallmersperger. Nachdem die Stadt dort den Zufluss reduziert hatte, werden weniger Pendler im Wohngebiet Espan registriert.

Dass dennoch im Bereich Obere Waiblinger Straße morgens binnen zwei Stunden immer noch bis zu 400 Autos gezählt wurden, zeigt, dass weitere Maßnahmen erforderlich sind. Die Lösung: Zufahrtssperren an der Masurenstraße und Oberen Waiblinger Straße ins Wohngebiet. Dass sich dadurch das Problem auf die schmale Melanchthonstraße verlagert, ist klar. „Doch die ist heute schon der offiziell ausgeschilderte Weg für Autofahrer, die von Fellbach kommend in Richtung Kraftwerk oder Pragsattel wollen“, betont Wallmersperger. Aus diesem Grund setzt sich die AG Espan schon seit Jahren für einen Umbau des Augsburger Platzes ein. Ein Thema, das Wallmersperger schon mit Baubürgermeister Hannsmartin Bruckmann in den 70er-Jahren diskutiert hatte.

Doch diese Forderung geistert schon genauso lange durch Bad Cannstatt, wie die Untertunnelung des Wilhelmsplatzes. Beides würde Sinn machen, kostete jedoch zig Millionen Euro. Immerhin will die Stadt für Stuttgarts größten Stadtbezirk einen neuen Verkehrsstrukturplan erstellen. Denn mit Eröffnung des Rosensteintunnels werden verkehrstechnisch die Karten neu gemischt. Rückbau der Schöne Straße, Pragstraße und Neckartalstraße, zusammen mit der Umgestaltung des Neckarufers erhält Bad Cannstatt in diesem Bereich ein völlig neues, attraktiveres Gesicht.

Zudem werden aktuell die Verkehrsmengen untersucht, die täglich aus Richtung Ludwigsburg und dem Remstal nach Stuttgart fahren. Sobald die Zahlen erhoben sind, soll ein neues Zuflusskonzept für den Nord-Osten Stuttgarts erstellt werden. Unter anderem soll das Gutachten klären, zu welcher Zeit, in welchem Umfang und vor allem auf welchen Zufahrtsstraßen die einfließenden Verkehrsmengen signaltechnisch reduziert werden sollen.

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