Der Tatort: Am Mittwoch wurde ein Mann auf offener Straße im Fasanenhof getötet. Foto: Andreas Rosar - Andreas Rosar

Der Tatverdächtige Issa M. kam im Juni 2018 nach Stuttgart – trotz kleinerer Delikte fiel sein Doppelleben nie auf. Denn ein syrischer Flüchtling ist er nie gewesen.

StuttgartNach der Verhaftung des Mordverdächtigen Issa M. hat die Stuttgarter Kripo am Freitag die Suche nach seinen Motiven mit weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt. Bei der tödlichen Schwert-Attacke auf einen 36-Jährigen am Mittwoch im Fasanenhof sei es wohl um einen „rein persönlichen“ Streit gegangen, so die Erkenntnisse der Ermittlungsgruppe Fasan. „Es gibt keine Anhaltspunkte für einen islamistischen, religiösen oder politischen Hintergrund“, stellt Staatsanwaltssprecher Heiner Römhild fest.

Doch ob das Weltbild des Mannes überhaupt keine Rolle spielte, daran gibt es in Ermittlerkreisen durchaus Zweifel. Issa M., der sich als 28-jähriger Syrer ausgab, ist vielmehr ein jordanischer Palästinenser. Entsprechende Berichte unserer Zeitung wurden am Freitag von der Polizei bestätigt. Issa M. selbst hat sich beim Verhör offenbar verplappert – und um Kontakt mit der jordanischen Botschaft gebeten.

Dabei hat sich Issa M. schon seit langem in sozialen Netzwerken nicht nur als glühender Anhänger eines freien Palästina präsentiert, sondern auch islamische Glaubensbekenntnisse gepostet. Rätsel gibt überdies ein Foto auf, das ihn offensichtlich an einer S- und U-Bahn-Station nahe einer Berliner Nervenklinik zeigt. Der Verdacht einer psychiatrischen Vorgeschichte ist aber noch Spekulation.

Ende Februar 2015 wurde Issa M. in Berlin-Brandenburg als syrischer Flüchtling registriert, er hat seit November 2015 eine Aufenthaltserlaubnis. Seither wurde er mehrfach polizeilich auffällig. Die Palette soll von Sachbeschädigungen bis zu Ladendiebstählen reichen. 2017 sollen die Behörden aber auch wegen eines Körperverletzungsdelikts an seiner damaligen Freundin ermittelt haben. Bis zuletzt ist Issa M. in Stuttgart gemeldet gewesen – eben in dem Wohnblock an der Fasanenhofstraße. Mit seinem 36-jährigen Opfer soll er seit Juni 2018 im vierten Stock in einer Wohngemeinschaft gelebt haben.

Eine Nachbarin berichtet, dass es dort öfter Streit gegeben habe. Auch in Stuttgart soll Issa M. strafrechtlich aufgefallen sein – wegen Sachbeschädigung und Ladendiebstahls. Die Verfahren wurden letztlich eingestellt. Allerdings soll ihn die Stuttgarter Ausländerbehörde im Auge gehabt und ihm sozusagen die gelbe Karte gezeigt haben.

Eine Überprüfung seiner Identität stand aber offenbar nie zur Debatte. Die Dokumente, die sein Aufenthaltsrecht in Deutschland begründen, stützen sich allein auf seine mündlichen Angaben. Papiere hatte er keine. Dass er in sozialen Netzwerken als Palästinenser auftrat, ist offenbar nicht aufgefallen. Jetzt werden seine religiösen Botschaften ausgewertet.

Bei der ausländerrechtlichen Klärung sieht das Innenministerium generellen Handlungsbedarf: „Ganz unabhängig von dieser schrecklichen Tat gilt, dass wir wissen müssen, wer bei uns im Land ist“, sagt Innenminister Thomas Strobl, „alles andere kann ein Sicherheitsrisiko sein.“

Ende April 2019 soll Issa M. im Fasanenhof laut Polizei ausgezogen sein. Danach soll er in einer Unterkunft im Raum Ludwigsburg gewohnt haben. Am Mittwochabend kehrte Issa M. in die Fasanenhofstraße zurück – mit einem Schwert. Sein 36-jähriges Opfer, ein geschiedener Deutsch-Kasache, war in Begleitung seiner elfjährigen Tochter. Issa M. schlug trotzdem auf offener Straße zu. Das Kind konnte flüchten und versucht nun bei der Mutter, das traumatisierende Erlebnis zu verarbeiten.

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