Christina Semrau, eine leidenschaftliche Netzwerkerin und engagierte Mitarbeiterin des Kinder- und Erwachsenhospiz, muss sich seit April aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Foto: Reiner Pfisterer

Christina Semrau, bekannt in Stuttgart für ihr Engagement im Kinderhospiz, erhielt die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs – und macht Mut, wenn alles aussichtslos erscheint.

Wer in Stuttgart oder in den sozialen Netzwerken nach Menschen sucht, die verbinden, die sich sozial engagieren, die mit ihrer Stärke Mut machen, stößt schnell auf einen Namen: Christina Semrau. Seit Jahren ist die frühere Kulturmanagerin als leidenschaftliche Netzwerkerin im Fundraising des Kinder- und Erwachsenenhospizes aktiv. Sie hat unzählige Projekte angeschoben, Spenden gesammelt, Familien begleitet – und vor allem Kraft geschenkt. Für schwerkranke Kinder, für Eltern in verzweifelten Momenten, für alle, die Hilfe brauchten.

Im April dieses Jahres jedoch verändert sich Christina Semraus eigene Welt schlagartig. Die Frau, die so vielen Halt gegeben hat, erhält selbst eine Diagnose, die den Boden unter den Füßen wegreißt: Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ihre erste öffentliche Mitteilung nach Wochen der Stille beginnt mit einem ehrlichen, fast zaghaften „Ihr Lieben…“. Sie schildert, wie aus einem zunächst schönen Ibiza-Urlaub plötzlich ein Albtraum wurde: Übelkeit, starke Schmerzen, eine Gelbsucht. Dann die Untersuchungen, das Warten – und das Ergebnis: Ein Tumor, der den Gallengang verstopfte.

Christina Semrau entschied sich dafür, nicht zu verstummen

Am 5. Mai, den sie heute „meinen zweiten Geburtstag“ nennt, folgte eine große Operation, eine sogenannte Whipple-OP. Pankreaskopf, Gallenblase, Tumor, Teile von Darm und Magen mussten entfernt werden. „Mit der niederschmetternden Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs musste ich natürlich erst mal klarkommen“, sagt sie – nachdenklich, aber gleichzeitig auch entschlossen.

Christian Semrau bei ihrer Chemotherapie im Krankenhaus Foto: privat

Christina Semrau entschied sich bewusst, nicht zu verstummen. Sie teilte ihre Reise mit der Öffentlichkeit, mit Freundinnen, Unterstützern, Kollegen und Fremden. Sie öffnete ein Fenster zu ihren schwersten Momenten – und man spürte ihre außergewöhnliche mentale Stärke.

In ihren regelmäßigen Beiträgen sprach die Mutter zweier erwachsenen Söhne offen über die großen Konflikte in ihrem Inneren: den erschöpften Körper, der sie an Grenzen brachte – und die überwältigende Liebe, die sie gleichzeitig umgab. „Nie habe ich in meinem Leben solche Ausnahmesituationen kennengelernt“, sagt sie, „aber ich gehe mutig und entschlossen weiter meinen Weg.“

Ihr Tumor war operabel

Ihr Glück im Unglück war, dass der Tumor operabel war. Bei dieser Diagnose ist dies die Chance zum Überleben. Ihre Worte wurden für viele zu einer Quelle der Hoffnung. Bei vielen Events der Stadt wurde über sie gesprochen, man schickte ihr Videos und Botschaften mit dem Tenor „Du fehlst“ und bewunderte, wie radikal und lebensbejahend sie sich dem Heilungsweg verschrieb.

Zwölf Zyklen Chemotherapie in acht Monaten folgten, beim Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die volle Härte angezeigt – ein Marathon, physisch wie emotional. Aber sie blieb nicht allein. Nachrichten, Bücher, Karten, kleine Geschenke, digitale Umarmungen: Stuttgart rückte zusammen, um einer Frau Kraft zu geben, die jahrelang selbst andere getragen hat.

Ihre Botschaft geht unter die Haut

Am Ende dieses Weges, zur Adventszeit, veröffentlichte Christina Semrau jetzt eine Botschaft, die ihren vielen Followern und Freunden unter die Haut geht.

„Ich bin meinem Körper unbeschreiblich dankbar“, schreibt sie. Sie spricht über Wut, über Angst – aber auch darüber, wie aus der Krankheit ein „weiser Lehrer“ geworden ist „Am Anfang war ich die wütende Kämpferin gegen meine Krankheit, habe sie als größten Feind betrachtet“, erklärt Semrau. Doch dann habe sie die Krankheit an ihren Tisch eingeladen, um sie zu verstehen, und um sie irgendwann gehen zu lassen.

Für zwölf Chemo-Zyklen musste Christian Semrau ins Krankenhaus- Foto: privat

Ihre Narben beschreibt sie nicht als Makel, sondern als Erinnerungen an Mut. „Feiern wir das Leben“, ruft sie allen zu. Es klingt nicht wie ein Spruch, sondern wie eine Wahrheit, die nur jemand aussprechen kann, der den Abgrund gesehen und ihn vielleicht sogar überwunden hat.

Die Botschaft, die Christina Semrau bewusst nach außen trägt, richtet sich an alle: Achtet auf die Zeichen eures Körpers. Wartet nicht. Sucht Hilfe. Geht zur Vorsorge. Ihre eigene Gelbsucht, so schmerzhaft sie war, hat ihr Leben gerettet. Dass sie diese Erkenntnis teilt, hat bereits vielen Mut gemacht.

Die Eistonnen-Challenge, die sie seit Jahren für das Kinderhospiz organisiert und die längst zu einem herzerwärmenden Stuttgarter Ritual geworden ist, wird diesmal nicht stattfinden können. Ihre Gesundheit hat Vorrang. Doch wer Christina Semrau kennt, weiß: Ihr Engagement und ihre Wärme werden sich neue Wege suchen – und eines Tages wird auch die Ice-Benefizaktion zurückkehren.

Christina Semrau hat in den vergangenen Monaten etwas geschafft, das vielen unvorstellbar erscheint: Sie hat aus ihrer eigenen Verletzlichkeit eine Quelle der Stärke gemacht – für sich selbst und für all jene, die ihr folgen. Sie zeigt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu verspüren, sondern trotz der Angst weiterzugehen. Auch wenn sie sich über ein Dreivierteljahr aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, ist sie nicht vergessen und schenkt „aus dem Off“ weiterhin Kraft und Inspiration.

Ihr Beispiel zeigt, wie viel Kraft ein Mensch entwickeln kann

Stuttgart kennt sie schon lange als Netzwerkerin. Jetzt kennt die Stadt sie auch als eine Frau, deren Geschichte zeigt, wie wertvoll das Leben ist – und wie unglaublich viel Kraft ein Mensch entwickeln kann, wenn er spürt, auf was es ankommt. Die kleinen Aufreger des Alltags spielen dabei keine Rolle. Und vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die ihr gesamtes Netzwerk nun ein Stück dankbarer und menschlicher zurücklässt.