Susanne Heß leitet seit Januar 2020 die Deutsche Schule in Shanghai. Foto: Susanne Heß

Susanne Heß liebt Veränderungen. Im Januar 2020 – kurz vor Ausbruch der Coronapandemie – zieht sie nach China. Für sie war es eine Herausforderung, aber kein Kulturschock.

Susanne Heß ist seit sechs Jahren Rektorin der Deutschen Schule in Shanghai. Wie lebt es sich in einer solchen Metropole? Und was unterscheidet deutsche von chinesischen Jugendlichen?

Frau Heß, Sie sind Schulleiterin in Stuttgart gewesen. Warum haben Sie sich für einen Wechsel an die Deutsche Schule in Shanghai entschieden?

Ich bin ein Mensch, der alle acht Jahre eine gewisse Unruhe verspürt und etwas Neues ausprobieren möchte. Ich war Lehrerin und Abteilungsleiterin, ich war am Landesinstitut für Schulentwicklung und zuletzt Schulleiterin in Stuttgart. Und dann habe ich mich gefragt: Was gibt es noch? Das Auslandsschulwesen hatte mich schon immer fasziniert und China fand ich spannend. Ich kannte das Land zu diesem Zeitpunkt zwar bereits von Reisen, aber ich wollte es richtig von innen heraus erkunden.

Als Sie in Shanghai ankamen, war das erst einmal ein Kulturschock für Sie?

Ich war voller Euphorie. Ich war vorher schon in China unterwegs. Aber es ist ein Unterschied, ob man in eine Stadt kommt und Urlaub macht oder ob man dort mehrere Jahre bleiben will. Insofern war es kein Kulturschock für mich, aber ich bin mit offenen Augen und Ohren und manchmal auch mit offenem Mund durch diese riesige Stadt gelaufen. Shanghai fordert einen schon ein bisschen heraus, wenn man neu ist. Aber Shanghai fasziniert und ergreift einen auch sofort. Hinzu kam, dass ich kurz vor Beginn der Coronapandemie hier angekommen bin.

Wie war das?

Am Anfang, als noch gar nicht klar war, ob es wirklich eine Pandemie geben würde, habe ich gegoogelt, wie weit Shanghai von Wuhan entfernt ist, also dem Ort, an dem das Virus entdeckt wurde. Es war lange Zeit ein gutes Leben in Shanghai, während außerhalb Chinas bereits schwierige pandemische Zeiten waren. Dann schwappte alles über uns und wir waren mittendrin. Es gab einen acht Wochen langen Lockdown, in dem mein Mann und ich alles online von unserer Wohnung aus gemacht haben. Das war natürlich keine schöne Zeit, aber ich habe viel über mich selbst gelernt – und über meine chinesischen Nachbarinnen. Die Frauen waren unglaublich aktiv und sozial, sie haben Verantwortung übernommen und uns Ausländer mitversorgt. Das vergesse ich ihnen nicht.

In Deutschland war man mit der Umstellung auf Online-Unterricht vielerorts komplett überfordert. Wie war das an der Deutschen Schule in Shanghai?

Wir sind eine private Schule, die mehr Möglichkeiten hat. Darum konnten wir schneller reagieren. Wir haben schon in der ersten Schulschließung von Januar bis Mai 2020 schnell umgestellt und die Kinder und Jugendlichen gut mit Wochenplänen und Material versorgt. Dann gab es eine gute Zeit in Shanghai, in der es kaum Infektionen gab. Diese haben wir genutzt, sodass wir bis zur zweiten coronabedingten Schulschließung im Frühjahr 2022 super ausgestattet waren. Bis dahin hatten alle Kinder ein schuleigenes Surface. Wir haben Online-Unterricht gemacht und alle Klassenarbeiten und Prüfungen online geschrieben. Wir haben unser ganzes Schulleben eins zu eins online abgebildet. Das war eine riesige Leistung.

Was genau zeichnet die Deutsche Schule in Shanghai aus?

Die Deutsche Schule Shanghai ist eine wunderbare und besondere Schule mit einer echten Schulgemeinschaft und einer hohen Qualität. Alles, was wir machen, ist in Deutschland anerkannt. Wir arbeiten nach deutschen Standards und bieten ein deutsches Abitur, einen Realschulabschluss und einen Fachoberschulabschluss an. Das ist einmalig in Shanghai und das schätzen viele Eltern hier vor Ort. Zudem sind wir eine Ganztagsschule. Der Tag dauert immer von 8 bis 15 Uhr. Das ist nicht nur Unterricht, da sind auch Bibliotheksstunden, AGs und Zusatzangebote dabei. Die älteren Schüler haben oft noch länger von 15 bis 17 Uhr Unterricht – und danach finden wieder AGs statt. Viele ältere Jugendliche sind von morgens bis abends bei uns an der Schule.

Dafür braucht es aber eine entsprechende Ausstattung der Schule.

Richtig, unsere Schüler sind gerne an der DSS, die Schule ist ihr Lebensmittelpunkt. Das funktioniert aber nur mit entsprechenden Ressourcen. Wir haben eine Kantine, ein riesiges Gelände, mehrere Sportfelder, ein Schwimmbad, eine eigene Musikschule. Es gibt eine eigene Abteilung, die sich nur mit außerunterrichtlichen Angeboten beschäftigt. Und es gibt ein aktives und engagiertes Mitarbeiterteam. Unter solchen Umständen kann man auch gut Ganztag machen. Die Schulgemeinschaft hier funktioniert wirklich sehr gut, alle, Schüler, Eltern, Mitarbeiter, tragen aktiv zum Gelingen unserer Schule bei.

Andere Länder, andere Sitten: Susanne Heß bemalt einen chinesischen Drachen. Foto: Susanne Heß

Was für Kinder besuchen Ihre Schule?

Wir sind eine deutsche und zugleich internationale Schule an zwei Standorten und haben insgesamt 1100 Kinder und Jugendliche. Wir haben an den beiden Standorten jeweils eine Kita, eine Grundschule und eine Sekundarstufe – insgesamt ist die DSS durchgehend drei- bis vierzügig. Die Kinder kommen zum einen aus Familien mit Eltern, die wegen ihres Jobs für einige Jahre in Shanghai sind. Es gibt aber auch Kinder, die dauerhaft hier leben und deren Eltern deutsche Wurzeln oder eine Verbindung zu Deutschland haben oder einen Zugang zu deutscher Bildung suchen, oftmals aus bilingualen chinesisch-internationalen oder chinesisch-deutschsprachigen Familien. Einige Kinder haben auch einen chinesischen Hintergrund. Aber wir sind keine Begegnungsschule. Wer einen chinesischen Pass hat, darf unsere Schule in der Regel nicht – oder nur auf Antrag – besuchen. Da ist die chinesische Behörde, hier in China heißt sie „Erziehungskommission“, sehr streng.

Was läuft an einer chinesischen Schule anders als an einer deutschen Schule?

Die chinesische Schule ist sehr strikt. Die Kinder müssen sehr viel und sehr lang arbeiten. Die nullte Stunde beginnt oft kurz nach 7 Uhr, und bis spätabends werden noch Hausaufgaben gemacht. Die Mädchen und Jungen verspüren eine Pflicht, immer gut zu sein. Das System übt relativ viel Druck aus auf die Kinder und ist auf eine zentrale Abschlussprüfung – ähnlich unser Abitur – ausgerichtet. Aber im Unterschied zum deutschen System gibt es kaum Alternativen. Wer in China seine Abschlussprüfung vergeigt, für den ist es nicht so einfach, auf einem guten Weg weiterzugehen.

Inwiefern ist das in Deutschland anders?

Das deutsche Schulsystem bietet jungen Menschen viel mehr Möglichkeiten. Die Jugendlichen sollen sich frei entfalten und zu sich selbst und ihren Fähigkeiten finden können. Wenn ein Weg nicht gelingt, bietet das Schul- und Bildungssystem Deutschlands einen anderen an. Das ist ein anderer Anspruch als im chinesischen Schulsystem. Das chinesische Bildungssystem bewegt sich inzwischen auch, das ist spürbar, aber das braucht Zeit.

Gibt es Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen in Deutschland und in China?

Die Mädchen und Jungen hier wissen auch, was in der Welt vor sich geht. Sie wollen die gleichen Kleider tragen und die gleiche Musik hören wie alle Jugendlichen in Zeiten der Globalisierung. Aber ich glaube trotzdem, dass Kinder, die durch ein deutsches Schulsystem gehen, Mut haben, sich zu äußern, Kritik anzubringen, ihre Wünsche zu benennen. Sie trauen sich viel mehr. Chinesische Jugendliche, wie ich sie erlebt habe an chinesischen Schulen oder bei gemeinsamen Projekten, sind eher zurückhaltend, sehr höflich und fleißig, sie wollen nichts falsch machen und Erfolg haben. Sie sind Lehrkräften gegenüber respektvoll. Eigenschaften, die bei deutschen Schülern manchmal ein bisschen zu wenig ausgeprägt sind, sind bei chinesischen Schülern zuweilen ein bisschen zu stark ausgeprägt. Ich hoffe und wünsche den chinesischen Generationen der Zukunft, dass sie ein bisschen mutiger und selbstbewusster werden. Sie sind nämlich genauso toll und klug und interessiert wie alle Jugendlichen.

Baden-Württemberg ist zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt. Bleiben Sie in Shanghai beim achtjährigen Gymnasium?

Wir werden als Deutsche Schule Shanghai bei G8 bleiben, weil wir zum Auslandsschulsystem gehören und für dieses hat die Kultusministerkonferenz G8 festgelegt. Wie wir persönlich G8 oder G9 finden, ist damit hier vor Ort eigentlich nicht relevant.

Was halten Sie vom Rückgang zu G9 in Ihrer Heimat?

Ich habe als Lehrerin immer daran geglaubt, dass man aus jedem System etwas machen kann. Ich persönlich würde mir ein flexibles System wünschen. Die einen machen G8, weil sie zackig sind und schnell begreifen und Herausforderungen brauchen. Und für die anderen gibt es an irgendeiner Stelle noch einmal eine Möglichkeit einer erweiternden Ebene – kein Sitzenbleiben, sondern eine individuelle Schleife für das Kind. Denn ein System passt selten für alle gleichermaßen. In Baden-Württemberg ist es anders entschieden worden, jetzt muss man damit umgehen. G9 kann eine gute neue Chance für Antworten auf die aktuellen Fragen und Herausforderungen in Bildung und Gesellschaft sein. Meiner Meinung nach darf das neue G9 aber nicht einfach nur ein gestrecktes G8 sein. Meine Frage wäre: Was möchte ich mit den Kindern und Jugendlichen und ihrer Lebenszeit machen? Was fehlt ihnen? Was brauchen sie für ihre Zukunft? Ich wünsche mir und hoffe, dass das so gedacht wird, dass es die entsprechenden Ressourcen gibt und dass das Ministerium auch auf die Schulleitungen und Lehrkräfte an der Basis hört, wie die Rückkehr zu G9 eine echte Chance werden kann.

War es rückblickend die richtige Entscheidung, nach China zu gehen? Und wollen Sie zurück nach Deutschland kommen?

Es war unbedingt die richtige Entscheidung. Meine Arbeit an der Deutschen Schule hier in Shanghai und China ist für mich ein wirkliches Geschenk, das meinen persönlichen und beruflichen Horizont unglaublich erweitert hat. Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar. Ich würde prinzipiell sehr gerne bis zu meinem Ruhestand in Shanghai bleiben. Aber wenn mein Bundesland Baden-Württemberg mich als Beamtin vorher zurückbeordern müsste, würde ich auch nicht hadern. Ich war immer gern Lehrerin und Schulleiterin in Stuttgart und bin der Stadt und ihrer Bildungslandschaft bis heute verbunden.

Zur Person

Beruf
Susanne Heß, Jahrgang 1966, hat Deutsch und Geschichte an der Universität Trier studiert und ihr Referendariat in Kaiserslautern absolviert. Nach Stationen an der Integrierten Gesamtschule Kastellaun, dem Hölderlin-Gymnasium Stuttgart und dem Neuen Gymnasium Stuttgart wechselte sie in den Bereich „Schulische Qualität“ an das damalige Landesinstitut für Schulentwicklung. Schließlich wurde sie Schulleiterin am Neuen Gymnasium und dann, nach der Fusion mit dem Leibniz-Gymnasium, am Neuen Gymnasium Leibniz in Stuttgart-Feuerbach.

Privatleben
Susanne Heß ist verheiratet und hat keine Kinder.