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Der Verein Türkspor Stuttgart wird Ende Juni aufgelöst, der VfL Stuttgart übernimmt wohl das Startrecht in der Fußball-Bezirksliga.

Bad CannstattDas fußballerische Dasein des VfL Stuttgart ist derzeit sehr trist. Abgeschlagen dümpelt das Team auf dem letzten Platz der Kreisliga A, Staffel 2 vor sich hin. Der Gang Richtung Stuttgarter Amateurkeller scheint unausweichlich. Die Tatsachen täuschen aber. Anstatt möglicherweise in der tiefsten Liga der Landeshauptstadt vor sich „hinzufußeln“, sind die Kicker in der Spielzeit 2020/21 aller Voraussicht nach in der höchsten Stuttgarter Liga, der Bezirksliga, anzutreffen. Grund: Der VfL übernimmt das Spielrecht von Türkspor Stuttgart, das seine fußballerische Heimat ebenfalls auf dem Gelände an der Benzstraße hat. „Der Verein wird aufgelöst, zum 30. Juni 2020 aus dem Vereinsregister gelöscht“, sagt Türkspor-Präsident Özgür Gülbahar. Der Präsident hat sich zu diesem Entschluss durchgerungen, weil er mittlerweile als Einzelkämpfer agiert. „Seit sieben Jahren habe ich mich intensiv für den Verein eingesetzt. Es gab viele, die mich unterstützen wollten. Doch vor allem in jüngster Vergangenheit hörte ich viele Worte, sah aber keine Taten und letztlich war ich auf mich alleine gestellt“, begründet Gülbahar den Schritt. Zuletzt habe er sich um Verbandsangelegenheiten und andere schriftliche Dinge gekümmert. Er sei froh, mit Damir Bosnjak und Kerem Arslan zwei Trainer zu haben, die unheimlich engagiert seien, „sich um alle Belange der Mannschaft kümmern und auch noch Trainingsklamotten und Trikots besorgt haben. Auch ihnen fehlt die Unterstützung“. Die rund 75 Mitglieder von Türkspor – inklusive der aktuellen Bezirksliga-Spieler plus dem Bezirksliga-Startplatz – sollen nun vom VfL Stuttgart übernommen werden. Der VfL nimmt dieses Angebot gerne an. „Eine Chance für uns, um in den kommenden Jahren auf dem schönen Gelände im Neckarpark fußballerisch etwas aufzubauen“, sagt Sasa Djakovic, sportlicher Leiter der VfL-Fußballabteilung. Voraussetzung für die Aufnahme der Türkspor-Spieler samt Startplatz: „Der Verein muss schuldenfrei sein“, sagt Djakovic. „Das sind wir“, garantiert Gülbahar. Weitere Voraussetzung: Bei der Hauptversammlung des VfL im kommenden April muss über das Vorhaben abgestimmt werden – „eine einfache Mehrheit reicht“, sagt VfL-Vorstand Peter Obst.

Die Verhandlungen zwischen den beiden Vereinen laufen schon seit geraumer Zeit und Djakovic hat eine genaue Vorstellung, wohin die Reise mit der Unterstützung der Türkspor-Kräfte gehen soll. „In drei Spielzeiten wollen wir in der Landesliga spielen und uns anschließend auch in dieser etablieren.“ In diesem Zeitraum sei es seine Aufgabe, die passenden Strukturen und Rahmenbedingungen für die Landesliga zu schaffen – unter anderem auf Sponsorensuche zu gehen. Als Trainer des künftigen VfL-Teams werden die beiden jetzigen Türkspor-Coaches Damir Bosnjak und Kerem Arslan fungieren. „In den ersten beiden Jahren können sie machen, was sie wollen, nach dem dritten muss der Aufstieg stehen.“

Die zweite Mannschaft soll eine Art U 23 werden, bei der junge Spieler allmählich an das A-Team herangeführt werden sollen. „Dafür wäre es gut, wenn wir mit dem jetzigen VfL-Team die A-Klasse halten würden.“ Darüber hinaus soll auch die Jugendarbeit forciert werden. Eine A- und B-Jugend kann der VfL derzeit nicht vorweisen. „Die Aktiven sollen sich auf längere Sicht aus Nachwuchsspielern aus den eigenen Reihen zusammensetzen.“ Dementsprechend werde man sich auch nach qualifizierten Trainern umschauen.

Für die künftige Bezirksliga-Truppe gebe es bereits eine Liste von möglichen Spielern, die zum VfL und ins Konzept passen würden, so Djakovic.

Für Özgür Gülbahar war es indes keine Frage, mit seinem Anliegen zuerst an den VfL heranzutreten. Es habe nämlich durchaus auch Vereine gegeben, die für den Bezirksliga-Startplatz und die Mannschaft ordentlich Geld hinblättern wollten. „Der VfL Stuttgart war über all die Jahre ein fairer Partner und hat uns immer gerecht behandelt. Ich sehe es als ein Stück Dankbarkeit an, dass wir dem VfL unser Vorhaben präsentiert haben.“ Schon auf der alten Anlage in der Mercedes-Jellinek-Straße war das türkische Team Gast des VfL Stuttgart. Damals noch unter dem Namen SV Nefis Stuttgart. Mit dem Umzug des VfL auf die neu gebaute ursprüngliche Anlage des ESV Rot-Weiß Stuttgart an der Benzstraße – Einweihung war 2012 – folgte auch das türkische Team. Aus Nefis wurde Ümmet und in der Saison 16/17 Türkspor Stuttgart.

Übrigens: Neuland wird es für die Türkspor-Akteure nicht, in der nächsten Saison das blaue Trikot des VfL Stuttgart überzustreifen – viele haben dieses bereits getragen. Bei einem Vorbereitungsspiel im Sommer gegen Donzdorf stand Türkspor nämlich ohne Trikots da. VfL-Urgestein Peter Burkert half der Mannschaft kurzerhand aus der Patschte und lieh die Sportkleidung aus.

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