In den Kitas herrscht nicht immer nur eitel Freud und Sonnenschein. Manchmal geht es um Leidwesen der Kinder auch sehr robust zu. Foto: Adobe Stock/Marko Poplasen - Adobe Stock/Marko Poplasen

Die Meldungen steigen stark bei Misshandlungen auf Kinder in Kitas. Ermittlungen wegen Übergriffen auf Kinder in zwei Stuttgarter Einrichtungen.

StuttgartDie Vorwürfe sind massiv: In einer städtischen Kita in Sillenbuch soll es zu Demütigungen und Misshandlungen von Kindern gekommen sein, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des „Verdachts der Körperverletzung“. Es ist nicht der einzige Fall dieser Art, der bei der Staatsanwaltschaft anhängig ist. Gegen eine Erzieherin in einer privaten Kindertageseinrichtung im Stuttgarter Osten erheben Eltern ebenfalls den Vorwurf der Körperverletzung. Bei der Polizei liegen drei Anzeigen vor. In einer Kita-Gruppe sollen Kinder angebrüllt sowie schmerzhaft angepackt worden sein, man habe sie übertrieben getadelt und verspottet; es sei vorgekommen, dass sie unter Tränen zum Essen gezwungen wurden und zur Strafe alleine in einem Zimmer bleiben mussten.

So hat es eine andere Erzieherin, die das Haus verlassen hat, in einer „Enthüllungsmail“ den Eltern mitgeteilt, erzählt eine Mutter. Mehrere Familien haben ihre Kinder nach den Vorwürfen aus der Einrichtung genommen. „Mein Kind hat jeden Morgen geheult und wollte nicht mehr gehen“, sagt eine Mutter. Einer anderen lässt es „keine Ruhe, dass es einfach so weitergeht“ in der Kita. Sie findet: „Die Erzieherin hätte gehen müssen – aber es gab keine Konsequenzen.“

Das sieht die Einrichtungsleitung anders. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe war die Mitarbeiterin eine Woche freigestellt. Man habe sofort die Aufsichtsbehörde, den Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), eingeschaltet. Gespräche mit Eltern und Mitarbeitern hätten die Verdachtsmomente nicht erhärtet. „Wir sehen uns als Opfer einer Negativkampagne, wir können uns den Groll der Eltern nicht erklären“, heißt es aus der Geschäftsführung. Bei solchen Vorwürfen müsse man auch die Mitarbeiter schützen. Der KVJS habe die Mitarbeiterin auch „rehabilitiert“. Dort heißt es dazu auf Anfrage, die Prüfung sei „noch nicht abgeschlossen“. Künftig will der Kitaträger jedenfalls die „Erziehungspartnerschaft“ mit den Eltern vertiefen. Den ersten juristischen Schritt hat die Einrichtung getan. Noch bevor die Anzeigen der Eltern bei der Polizei eingegangen sind, hat die Kita dort Anzeige wegen Verleumdung gegen die ausgeschiedene Erzieherin gestellt. „Beide Verfahren laufen noch und werden zeitgleich bearbeitet“, bestätigt Pressestaatsanwalt Heiner Römhild.

Die Präventionsarbeit wirkt

Die beiden aktuellen Fälle werfen Fragen auf: Was ist los in unseren Kitas? Gehört Kindeswohlgefährdung dort zum Alltag, wie es der Titel eines im Herbst erschienenen Buches – „Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert“ – nahelegt?

Die klare Antwort der Fachleute: Nein. Früher sei institutionalisierte Gewalt gegen Kinder „eindeutig häufiger vorgekommen“, sagt Karin Gäbel-Jazdi, die geschäftsführende Leiterin des Stuttgarter Kinderschutzzentrums. „Früher konnte mehr Macht ausgeübt werden“, sagt Gäbel-Jazdi. „Früher hat man das Thema auch nicht so wichtig genommen.“ Heute sei die Sensibilität höher, auch die Präventionsarbeit wirke. So fielen schon „seichte Grenzüberschreitungen“ auf, man könne frühzeitig eingreifen. Dass Kinder in der Kita zum Essen gezwungen werden, dass sie in die Ecke stehen oder alleine in einem Zimmer bleiben müssen, gehört für die Familientherapeutin zu dem, was in einer Kita gar nicht geht.

Die elterliche Aufmerksamkeit hält Karin Gäbel-Jazdi für ein wichtiges Element im Frühwarnsystem gegen Übergriffe. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Meinung, dass es Menschen gebe, „die haben eine übergriffige Art im Umgang mit Kindern, so dass es nicht gut ist, wenn die in Einrichtungen sind“. Für das Hauptproblem aber hält sie die „Überforderung wegen Personalmangels“. Mit sechs bis zehn solch kritischer Fälle werde das Kinderschutzzentrum Stuttgart im Jahr befasst, sagt Gäbel-Jazdi. Obwohl die Zahl der Einrichtungen und der Kita-Kinder stark gestiegen ist.

Nicht nur die Zahl der betreuten Kinder sei stark gewachsen, auch die Bedeutung des Kinderschutzes in der Gesellschaft, heißt es beim KVJS. Das dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass die Meldungen solcher Vorfälle stark zugenommen haben. 2014 hatte der KVJS 107 Meldungen registriert, 2018 waren es 264 – plus 147 Prozent. „Man schaut besser hin, greift eher ein“, sagt KVJS-Sprecherin Kristina Reisinger. „Insbesondere Meldungen durch Träger haben zugenommen.“ Sie nennt noch andere Gründe für diese Entwicklung: Auch die „besonderen Belastungssituationen“ von Kita-Mitarbeiterinnen hätten zugenommen, etwa Personalmangel, hohe Personalfluktuation, die Betreuung sehr kleiner Kinder, vermehrt Kinder mit herausforderndem Verhalten sowie steigende Ansprüche von Eltern.

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