Künftig könnten Autohersteller ihre Neuheiten anstatt wie hier im 2019 auf der IAA in Frankfurt möglicherweise auf der Messe Stuttgart präsentieren. Foto: Andreas Rosar - Andreas Rosar

Der langjährige Geschäftsführer der Stuttgarter Messe räumt seinen Stuhl – etwas zu früh, wie er im Interview sagt. Er äußert er sich auch zu einer möglichen Ausrichtung der Internationalen Automobilausstellung.

StuttgartUlrich Kromer verlässt nach 19 Jahren die Messe Stuttgart. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußert er sich unter anderem zu einer möglichen Ausrichtung der Internationalen Automobilausstellung (IAA).

Hand aufs Herz: Hätten Sie als Messe-Chef nicht gern weitergemacht?
Natürlich hätte ich grundsätzlich gerne noch etwas weitergemacht, aber alles hat irgendwann einmal ein Ende.

Sie können Ihre Enttäuschung über die politischen Turbulenzen, die es im Vorfeld um Ihre Vertragsverlängerung gab, nur schwer verbergen . . .
Mein Vertrag war ja 2018 nochmals vorzeitig verlängert worden – aber nur um ein halbes Jahr bis Anfang 2020. Der Blick zurück bringt nichts, dieses Thema ist für mich abgehakt.

Sie kamen 2001 von der Messe Leipzig nach Stuttgart. Haben Sie den Schritt zu irgendeinem Zeitpunkt bereut?
Nein, keine Sekunde. Es gab Momente der Unsicherheit, vor allem im Zeitraum zwischen 2001 und 2004, bis klar war, ob wir den Neubau auf den Fildern stemmen können. Aber im Grunde war ich immer davon überzeugt, dass es klappen wird.

Welche Highlights sind Ihnen denn aus den vergangenen 19 Jahren in Erinnerung geblieben?
Da hat es natürlich vieles gegeben: Die Grundsteinlegung für die neue Messe 2005, dann auch die Teileröffnung der Hallen 2007 mit der Blech-Expo unter immer noch laufendem Bau sowie die offizielle Eröffnung im Oktober desselben Jahres waren schon die Top-Highlights. Insgesamt bin ich sehr zufrieden, dass wir die hohen Erwartungen, die man hinsichtlich der Entwicklung unseres Messegeschäfts gesetzt hat, erfüllt haben.

Gibt es Dinge, die Sie im Rückblick anders gemanagt hätten? Denken Sie etwa an die umstrittene Militärmesse ITEC . . .
Wo gehobelt wird, fallen Späne. Möglicherweise hätte man in diesem Fall sensibler reagieren können. Zu berücksichtigen war allerdings auch geltendes Recht. Dass es zu der einen oder anderen Veranstaltung unterschiedliche Sichtweisen gibt, muss man akzeptieren. Und wir haben auch mal in den falschen Topf gegriffen, was Thema, Ausstellerzahlen und Besucherresonanz angeht, etwa bei den IT-Messen. Da waren wir schlicht zu spät dran. Unter dem Strich ist es über die Jahre aber stetig aufwärtsgegangen, was sich 2020 wieder dokumentieren wird.

Der Bau der Messe war heiß umstritten. Nun wollen Sie wieder eine neue Halle und ein Kongresszentrum nebst Infrastruktur bauen. Das heizt doch die Spannungen wieder an?
Die Akzeptanz der Messe ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Selbst Leinfelden-Echterdingen, wo der Widerstand am härtesten war, bezeichnet sich heute als Messestadt. Wir haben ein ausgezeichnetes nachbarschaftliches Verhältnis. Der neuerlich geplante Ausbau wird sich im planfestgestellten Grundstück der Messe befinden. Richtig und teilweise verständlich ist aber, dass es immer Gegner von Wachstumsplänen geben wird.

Braucht die Messe die Halle 11 wirklich? Ihr Co-Geschäftsführer und Nachfolger als Sprecher der Messe, Roland Bleinroth, scheint davon weniger überzeugt als Sie.
Ich kann nicht über die Einschätzung anderer urteilen. Ich jedenfalls bin überzeugt davon, dass wir für unsere Messen zusätzliche Flächen benötigen und diese füllen können. Ebenso wichtig ist die Optimierung unserer Infrastruktur: Wir haben ein Parkplatzdefizit und Zufahrtsprobleme. Dagegen müssen wir etwas tun.

Wie weit sind die Pläne gediehen?
Der Masterplan 2025 wurde von unseren Gesellschaftern Stadt und Land grundsätzlich gebilligt. Jetzt sind wir in der Phase der Kostenberechnung, was sicher noch zu Optimierungen führen wird. Die Gesellschafter gehen davon aus, dass die Messe die Investitionen aus eigener Kraft stemmen kann. Zumindest für den Bau der Halle 11 sowie die Errichtung eines zweiten Kongresszentrums West kann ich das bestätigen. Bei der Infrastruktur – etwa Parkhäuser und Straßen – müssen wir Gespräche mit den Gesellschaftern führen.

Stichwort Auslastung: OB Fritz Kuhn hat sich dafür ausgesprochen, dass sich Stuttgart um die Internationale Automobilausstellung (IAA) bewirbt. Sie haben das früher immer als abwegig bezeichnet. Und jetzt?
Unser Messegelände war für die damalige Größe dieser Veranstaltung nicht ausgelegt. Der Veranstalter, der Verband der Deutschen Automobilindustrie, verfolgt nun ein neues Konzept, das sich auf mehrere Spielorte in der Stadt erstrecken soll. Dies berücksichtigend sind wir sehr wohl in der Lage, den Platzbedarf für eine IAA der Zukunft zu decken.

Im September war die Messe Ziel einer Cyber-Attacke. Hacker kaperten Ihre Computer und wollten Geld erpressen. Waren Ihre Sicherheitsvorkehrungen lückenhaft?
Nein, solche Attacken haben ja nicht nur uns getroffen. Das war keine Frage der Sicherheitsmaßnahmen. Die Entwicklung im IT-Bereich ist unglaublich rasant, leider auch in krimineller Hinsicht.

Sind die Folgen überstanden, wie groß ist der angerichtete Schaden?
Unsere Grundfunktionen waren relativ rasch wiederhergestellt. Aber wir haben andere Baustellen aufzuarbeiten – etwa die vollumfängliche Wiederherstellung gewisser Daten und Dokumente. Wir gehen davon aus, dass wir im Frühjahr wieder auf dem Status vor der Attacke sein werden. Der finanzielle Schaden ist sehr hoch, er liegt im siebenstelligen Bereich. Wir bauen aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse eine nahezu neue IT-Infrastruktur auf.

Bleiben Sie dem Messewesen erhalten, oder sind Sie ab dem 31. Januar Privatier?
Der Kromer an sich ist kein Ruheständler. Mich faszinieren junge Unternehmen, wo ich mich im Einzelfall auch als Beirat oder in ähnlicher Form engagieren werde.

Wir haben gehört, man wolle Sie als Feuerwehrmann für den Landespavillon auf der Weltausstellung in Dubai im nächsten Jahr engagieren, der mangels Sponsoren auf der Kippe steht und wo eine Riesenblamage des Landes droht.
Eine Beteiligung an der Expo in Dubai ist eine gute Gelegenheit für das Land Baden-Württemberg und unsere Industrie, sich in dieser Region zu präsentieren. Es laufen Gespräche, um mich als Verstärkung des Teams in den Bereichen Sponsoring, Ausstellung und Organisation als Berater zu gewinnen. Schauen wir mal . . .

Das Interview führten Thomas Braun und Josef Schunder.

Zur Person

1952 wird Ulrich Kromer von Baerle, wie er mit vollständigem Namen heißt, am 3. August in Fulda in Mainz und Khartum (Sudan), Gymnasien in Mainz und Basel, wo er auch seine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolvierte. Es folgten Tätigkeiten in der Schweiz, wo er unter anderem auch als Geschäftsführer des weltweit größten privaten Messeveranstalters, der Blenheim-Gruppe, fungierte.

2001 beerbte Kromer Walter Gehring als Stuttgarter Messe-Chef und Sprecher der Geschäftsleitung. Sein Co-Geschäftsführer Roland Bleinroth wird ihm als Sprecher der Geschäftsleitung folgen. Zu Kromers Nachfolger bestimmte der Messe-Aufsichtsrat den 55-jährigen Stefan Lohnert, der zuvor unter anderem für das Kongressgeschäft auf der Landesmesse zuständig war.

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