Die Fahrkarten für Bus und Bahn werden teurer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski - Lichtgut/Leif Piechowski

Nachdem der Rems-Murr-Kreis die mögliche Nullrunde am Montag abgelehnt hatte, winkte der VVS-Aufsichtsrat am Dienstag die Tariferhöhung um 1,9 Prozent durch.

StuttgartNur wenn sich Land, Stadt Stuttgart und die Kreise Böblingen, Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr einig gewesen wären, hätte es eine Nullrunde bei den VVS-Fahrpreisen geben können. Wenn einer ausschert, ist es damit vorbei. Am Montag war es soweit. Der Verkehrsausschuss des Kreistags im Rems-Murr-Kreis senkte den Daumen und machte damit den Weg frei für die Erhöhung der Fahrpreise. Zuvor hatten schon Ausschüsse der Kreistage in Böblingen und Ludwigsburg die Nullrunde abgelehnt, dort müssen wie im Kreis Esslingen aber formal die Kreistage entscheiden. Die Diskussion darüber im Finanzausschuss des Kreistages Esslingen am Donnerstag ist damit quasi obsolet. Der VVS-Aufsichtsrat billigte am Dienstag die neuen Tarife, die vom 1. April an gelten werden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wen betrifft die Tariferhöhung?

Die Erhöhung um 1,9 Prozent ist ein durchschnittlicher Wert. Das heißt, einzelne Fahrkarten werden unter- und überproportional teurer. So steigt der Preis der Kurzstreckentickets von 1,40 auf 1,50 Euro – ein Plus von 7,14 Prozent. Die Einzeltickets für Erwachsene für eine und zwei Zonen werden um zehn und 20 Cent teurer und kosten dann 2,60 und 3,10 Euro. Die Vierertickets werden bei ein und zwei Zonen um 50 und 60 Cent teuer – Steigerungen um mehr als fünf Prozent. Bei den Wochen-, Monats- und Jahrestickets sowie Firmentickets bewegen sich die Aufschläge zwischen zwei und 3,5 Prozent.

Was heißt das konkret?

Die Jahreskarte für Erwachsene kostet bei Einmalzahlung für drei Zonen künftig 1180 statt 1152 Euro, das Jahresticketplus für das gesamte Netz 2.404 statt 2.341 Euro. Der Preis für das personenbezogene Firmenticket für drei Zonen und mit fünfprozentigem Rabatt steigt pro Monat um 2,22 auf 93,42 Euro, das flexible Monatsticket für vier Zonen um drei auf 146 Euro. Für das Wochenticket für vier Zonen müssen künftig 49,70 statt 48,60 Euro bezahlt werden. Das Jahresticket für Senioren wird bei Einmalzahlung (plus 8,40 auf 568,80 Euro) und bei monatlicher Abbuchung (plus 0,70 Cent auf 47,40 Euro) um 1,5 Prozent teurer.

Kosten alle Fahrkarten mehr?

Nein. Ausgenommen sind alle Kindertickets, die Einzel- und Gruppentickets, die Stadttickets, die Tickets für Schüler, Auszubildende und Studenten, das 14-Uhr-Juniorticket und die Einzel- und Vierertickets ab drei Zonen.

Warum gibt es die Unterschiede?

Da das Scool-, das Ausbildungs- und das Studiticket Netzkarten sind, gab es bei der Tarifzonenreform im April für sie keine Verbesserungen. Das gilt auch für das Seniorenticket. Deshalb werden diese Fahrscheine gar nicht oder unterdurchschnittlich erhöht. Bei den Tagestickets für Einzelpersonen und Gruppen gibt es seit der Tarifzonenreform eine Neuregelung mit fünf statt drei Preisstufen. Das hat zu einem starken Anstieg beim Ticketverkauf geführt: plus 88,1 Prozent bei den Einzel- , plus 7,7 Prozent bei den Gruppentickets. Dieser Erfolg soll nicht gefährdet werden.

Warum wird um 1,9 Prozent erhöht?

Das Verfahren für Preissteigerungen ist kompliziert. Zunächst stellen der VVS und seine Verkehrsunternehmen, das sind die SSB, die DB Regio und die Busbetriebe, fest, wie stark die Kosten für Personal, Fahrzeuge, Kraftstoffe und Material gestiegen sind. Das waren aktuell 3,5 Prozent. Durch mehr Fahrgäste sollen 1,6 Prozent der Mehrkosten erbracht werden, bleiben also 1,9 Prozent, die noch zu decken sind.

Was wäre die Alternative gewesen?

Das Land und die Stadt Stuttgart wollten eine Nullrunde, um die nach der Tarifreform gestiegene Attraktivität des Nahverkehrs nicht zu gefährden. Das Land wäre freiwillig bereit gewesen, die nächsten fünf Jahre 3,16 Millionen Euro, danach 2,36 Millionen Euro zu bezahlen, die Stadt Stuttgart 2,84 Millionen, später 3,2 Millionen Euro. Auf die Kreise wären bis 2025 3,47 Millionen, danach 3,9 Millionen Euro zugekommen. So viel wollten die Kreise aber nicht bezahlen, sie forderten eine 50-prozentige Beteiligung des Landes und zweifelten an dessen Bereitschaft, dauerhaft zu finanzieren.

Wie verlief die Debatte?

In den Kreistagen waren die Landräte, Freie Wähler, CDU, meist FDP und AfD gegen eine Nullrunde, Grüne, SPD und Linke dafür. So betonte der Rems-Murr-Landrat Richard Sigl am Montag im Verkehrsausschuss, die Landkreis-Verwaltung könne es – angesichts der auch längerfristig damit verbundenen Kosten – nicht empfehlen, die Erhöhung der Tarife im Verkehrsverbund in diesem Jahr nochmals auszusetzen. „Das würde eine Bugwelle produzieren, die sich jährlich fortsetzt.“ Gänzlich konträr dazu war die Sicht bei den Grünen. Mit Blick auf die Klimaschutzziele sei die Nullrunde zwingend, betonte Astrid Fleischer. Und finanziell sei die Auswirkung für den Kreis absolut zu stemmen: „780. 000 bis 880 .000 Euro jährlich, das entspricht gerade einmal 0,1 Prozent der Kreisumlage.“ Unterstützung fanden die Grünen im Rems-Murr-Verkehrsausschuss bei der SPD. Es sei völlig unverständlich im Jahr nach der Tarifreform bereits wieder mit einer Fahrpreiserhöhung zu kommen, kritisierte Klaus Riedel. Zudem seien bei der Planung für die neuen Tarife für einzelne Tickets Steigerungen von bis zu sieben Prozent mit dabei – „und das betrifft gerade Einzelnutzer, die wir doch gewinnen wollten“. In der aktuellen Situation müssten Investitionen in die Infrastruktur Vorrang haben, konstatierte für die Freien Wähler Albrecht Ulrich. 2019 mit Erhöhungen auszusetzen sei richtig gewesen, aber: „Wir stärken das System nicht, wenn wir Fahrpreise subventionieren.“ Ähnlich lautete die von Christof Jäger vertretene Sicht der CDU. Mit der Tarifreform sei ein großer Schritt gemacht worden. „Durch die moderate Erhöhung um 1,9 Prozent geht die VVS nicht kaputt.“

Wie gingen die Abstimmungen aus?

Im Verkehrsausschuss im Rems-Murr-Kreis votierte eine deutliche Mehrheit für die Tariferhöhung und gegen die Nullrunde. Bei 16 Ja- und sieben Nein-Stimmen wurde der „vorgeschlagenen Tarifanpassung bei den einzelnen Tarifarten“ zugestimmt. Mit der Einschränkung, dass dabei die Angebote für Schüler und Auszubildende „weitestgehend ausgenommen werden“. Im Verkehrsausschuss im Kreis Böblingen war es knapper: Dort ging die Abstimmung mit 12:10 für eine Tariferhöhung aus.

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