Fritz Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen), Oberbürgermeister von Stuttgart, spricht beim Interview. Foto: dpa

Oberbürgermeister Fritz Kuhn zeigt sich im großen Sommerinterview voller Klima-Tatendrang.

StuttgartAlles Klima, oder was? In der Tat: Ein grüner Evergreen ist zum Topthema geworden. Oberbürgermeister Fritz Kuhn zeigt sich im Sommerinterview voller Klima-Tatendrang und gibt Einblicke in sein grünes Privatleben.

Herr Kuhn, im Herbst beginnt die Umgestaltung des Marktplatzes. Neue Bäume sind nicht vorgesehen. Klimatologen halten das aber für sinnvoll. Als grüner OB müssten Sie das doch befürworten.
2017 hat man sich im Gemeinderat gegen Bäume entschieden, weil das wegen des Untergrunds und der Zufahrten schwierig ist. Wir überprüfen das jetzt aber noch mal. Dort, wo heute die Fahnenmasten stehen, kann ich mir Hochbeete mit kleineren Bäumen oder höheren Sträuchern vorstellen. In Verbindung mit einer Wasserfontäne schafft das gleich eine andere Atmosphäre. Klar ist: Wir brauchen mehr Grün in der Stadt – da gibt’s keine Tabus.

Sie wollen 1000 neue Bäume in der Stadt pflanzen. Bis wann?
Die Hitzeperioden verschärfen sich. Überall dort, wo Stuttgart zu heiß ist, braucht es deshalb Bäume und Hecken. Das ist ein Muss – und zwar schnell, also in den nächsten vier Jahren. Und es muss mehr Wasser in die Stadt. Zu Technikbürgermeister Dirk Thürnau habe ich gesagt: Erstens, alle Brunnen müssen laufen. Zweitens, machen Sie mir einen Plan, wo man zusätzliche Brunnen aufstellen kann. Drittens, im nächsten Sommer will ich, dass an zentralen Plätzen in der City Trinkwasser angeboten wird. Die Stadt muss sich im positiven Sinne des Wortes für Hitzeperioden rüsten.

Große Brunnen in der Stadt, für die das Land zuständig ist, funktionieren nicht, wie der Brunnen zwischen Staatsgalerie und Haus der Geschichte. Was können Sie tun?
Mit den zuständigen Leuten reden und hoffen, dass gute Beispiele Schule machen.

Wie kann die Verwaltung das Klimaschutzprogramm personell stemmen?
Wir dürfen bei der Reduktion von klimaschädlichem CO2 keine Zeit verlieren. Deshalb habe ich das Klimaschutzprogramm „Weltklima in Not – Stuttgart handelt“ genannt. Das ist keine Symbolpolitik. In den nächsten fünf Jahren muss auf jedem Schuldach eine Fotovoltaikanlage stehen. Städtische Neubauten müssen mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Bei Gebäudesanierungen muss die Bilanz klimaneutral ausfallen. Wichtig ist mir auch die Fassadenbegrünung. Ich appelliere an alle privaten Hausbesitzer, ihren Teil zu leisten. Dabei spielen auch Wissenschaft und Forschung eine wichtige Rolle. Stuttgart ist ein Hotspot bei der Entwicklung moderner Klimatechnologien. Hier wird gigantisch viel geforscht. Das muss in der Stadt sichtbar werden.

Was hat die „Fridays for Future“-Bewegung bei Ihnen persönlich ausgelöst? Verhalten Sie sich klimaneutral?
Ich bin Gründungsmitglied der Grünen, also seit fast 40 Jahren dabei. In dieser Zeit haben meine Frau und ich in ökologischer Hinsicht vieles unternommen. Zum Beispiel haben wir seit 25 Jahren einen Fotovoltaikanteil auf dem Freiburger Stadiondach. Bei Autos waren wir als Familie immer sehr zurückhaltend. Wir haben nie einen dieser großen Schlitten gefahren. Inzwischen haben wir privat gar kein Auto mehr. Trotzdem sind wir nicht Hundertprozentige. Ich bin kein Mönch der Ökologie, sondern vielleicht ein 80-Prozentiger und weiß, dass ich mindestens ein 90-Prozentiger sein sollte. Auch ich lerne immer wieder dazu.

Zum Beispiel?
Ich habe mir mühevoll abgewöhnt, fürs Haarewaschen Shampoo aus Plastikflaschen zu verwenden. Jetzt nehme ich dafür unverpackte Seife. Früher lag ich auch leidenschaftlich gerne in der Badewanne und hab da mit einem Brett über der Wanne ein Buch oder eine Zeitung gelesen. Das habe ich mir abgewöhnt, weil das zu viel Wasser verbraucht. Heute haben wir bei uns die Diskussion, dass meine Söhne mich nerven und sagen: Warum musst du beim Einseifen die Dusche laufen lassen? Inzwischen stelle ich das Wasser beim Einseifen ab. Ein anderes Beispiel: Wir essen heute viel weniger Fleisch als früher – höchstens einmal die Woche, und dann gutes Fleisch. Ich kaufe auch keine Äpfel, die in Plastik verpackt sind, sondern alte Apfelsorten auf dem Wochenmarkt. Meine These ist: In den allermeisten Fällen ist mit einem ökologisch bewussten Verhalten ein Gewinn an Lebensqualität verbunden. Das Leben wird dadurch nicht ärmer, es wird reicher – und wenn man nur Tomaten auf dem Balkon zieht.

Fliegen Sie noch?
Ja, aber sehr selten, und wir zahlen als Kompensation die Atmosfair-Abgabe.

Sie fordern, beim Fliegen auf Kurzstrecken zu verzichten. Als Vize-Aufsichtsratschef des Stuttgarter Flughafens hat Ihnen das nicht nur Beifall eingebracht.
Wir müssen mal mit der Heuchelei aufhören. Alle sagen, man kann mit dem Zug nach Frankfurt fahren. Dann muss man’s halt auch machen. Es geht um die Frage, was für einen Flughafen wir wollen. Es gibt in der Flughafen-Geschäftsführung das Programm: Stuttgart ist der Wachstumsflughafen. Mein Ziel ist es: Stuttgart muss ein guter Flughafen sein. Und zum Teil verwirklichen wir das ja auch schon. Zum Beispiel fahren die Busse dort elektrisch. Da, wo man gut mit der Bahn hinkommt, nach Frankfurt oder München, müssen wir auf die Bahn setzen. Ich habe immer gedacht, wir bauen Stuttgart 21, damit wir schneller nach München kommen.

Wie nehmen Sie Schlagzeilen wahr wie: „Stuttgarter Flughafen steuert auf neuen Passagierrekord zu“?
Ganz offen gesagt: Stadt und Land profitieren ja als Anteilseigener von dieser Entwicklung, und trotzdem müssen wir die Frage stellen, ob „Passagierrekord“ das entscheidende Kriterium ist. Klimaschutz ist kein Wohlfühlwort. Ich will erreichen, dass die CO2-Frage überall diskutiert wird – auch beim Flughafen, den wir für die wirtschaftliche und touristische Anbindung unzweifelhaft brauchen.

Erinnert Sie die „Fridays for Future“-Bewegung manchmal an die Anfänge der Grünen?
In manchem ja, in manchem nein. Aber wichtig ist der Schub, den „Fridays for Future“ bringt. In manchem mag ich ja die Politik von Frau Merkel, aber die Klima- und Verkehrswende hat die Bundeskanzlerin voll verpennt – und die SPD gleich mit. Und „Fridays for Future“ sagt nichts anderes als: Hört mal auf mit euren Plänen für 2050, sondern macht jetzt etwas. Das ist auch der Sound in meinem Klimaschutzprogramm.

Wie stehen Sie zu der Bewegung?
Wenn man 16 ist, die abschmelzenden Gletscher sieht und lernt, was die Ursachen sind, dann denkt man nicht an die Karriere, sondern fragt, was macht ihr mit meiner Zukunft? Dafür habe ich großes Verständnis.

Auch für die Form des Schulschwänzens?
Ganz ehrlich: Die Formen des Protests suchen sich die Jugendlichen selber aus und fragen nicht die Schulministerin. Ich habe als Junger die Formen auch selbst gewählt, und wenn ein Silberrücken gekommen ist, hat mich das nicht beeindruckt.

Die Grünen haben die Kommunalwahlen gewonnen. Sie stellen neben Ihnen als OB den Ministerpräsidenten und bald den Regionalpräsidenten. War das Umfeld noch nie so günstig für grüne Politik auch im Rathaus?
Das Kommunalwahlergebnis macht manches einfacher. Aber ich bitte, nicht zu vergessen, dass die Grünen im Gemeinderat zwar größte Fraktion sind, aber keine Mehrheit haben. Es wird weiter wechselnde Mehrheiten geben. Die Annahme eines Durchmarschs ist nicht realistisch. Was aber wichtig ist: Das Kommunalwahlergebnis ist eine gigantische Stärkung der Grünen nach dem Motto: Klimaschutz ist kein Wohlfühlthema, sondern für die Mehrheit in dieser Stadt eine Überlebensstrategie. Ich erlebe das als Bestärkung, lokal zu handeln.

Haben das alle so begriffen?
Interessant ist doch, wie Susanne Eisenmann, die neue Spitzenkandidatin der Landes-CDU, darauf reagiert. Einerseits sagt sie, auch die CDU muss mehr an Klimaschutz denken, aber ihre Hauptbotschaft ist: Die Grünen reagierten hysterisch. Also ein Schritt vor und zwei zurück. Ich glaube nicht, dass sie mit der Strategie weit kommt.

Apropos Landespolitik: Gehören Sie zu denen, die Ministerpräsident Kretsch­mann raten, nochmals anzutreten?
Wir reden ja viel miteinander. Ich fände es toll, wenn er es nochmals machen würde. Er ist ein gewissenhafter Mensch, der das prüft. Er beschäftigt sich viel mit der Transformation unserer Industrie, vor allem der Automobilindustrie, was auch für Stuttgart entscheidend ist. Ja, es wäre gut, wenn er noch mal antreten würde.

Eine Frage zum gesellschaftlichen Klima in der Stadt: Die AfD im Landtag will wissen, welche Nationalitäten die Ensembles der Staatstheater haben. Wie sollte man darauf reagieren?
Wir können stolz darauf sein, dass Stuttgart eine weltoffene Stadt ist, eine Stadt der Integration und der Vielfalt. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben hier nichts verloren. So hat die Stadtgesellschaft ja auch auf den Antrag reagiert. Das ist für mich ein wichtiger Punkt: Man muss den Rassisten immer zeigen, ihr seid die Minderheit, und wir sind die Mehrheit. Das hat übrigens mehr als eine moralische Dimension: Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft leben von der Internationalität. Stuttgart hat immer davon profitiert, eine weltoffene Stadt zu sein. Wir reden viel vom Klimaschutz, es gibt auch so etwas wie ein gesellschaftliches Klima, das wichtig ist für eine Stadt.

Was bedeutet die Gewalttat vom Fasanenhof für Stuttgart?
Das ist ein grausames und scheußliches Verbrechen. Über die Tat hinaus treibt mich um, dass solche Taten von rechten Populisten verallgemeinert und ausgenutzt werden, um Stimmung gegen Menschen mit ausländischen Wurzeln zu machen. Das vergiftet das Zusammenleben.

Der Ton wird rauer, auch gegenüber der Politik. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das mit großer Sorge. Es gibt eine Zunahme der Beleidigungen und Bedrohungen von Stadträten und Politikern insgesamt. Als Vorsitzender des Gemeinderats werde ich streng gegen Beleidigungen der demokratischen Institutionen vorgehen, was ja Strategie der AfD ist. Beleidigungen können sehr leicht das Beet bilden, in dem die Saat der Gewalt aufzugehen droht. Dem müssen wir mit aller Kraft entgegentreten.

Das Interview führten Thomas Durchdenwald und Jan Sellner.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: