Ein nicht immer einfaches Verhältnis: Späth 1979 mit dem damaligen CDU-Fraktionschef und späteren Ministerpräsidenten Erwin Teufel (links). Quelle: Unbekannt

Seine Drohung, ein Buch „über Heuchler und Pharisäer“ zu schreiben, macht Späth nicht wahr.„Abhängig habe ich mich nicht gefühlt“ - Lothar Späth sah Reisen auf Kosten von Firmen nicht als Problem.

Von Hermann Neu

Stuttgart - „Cleverle“, Vorstandschef der Baden-Württemberg AG, Schnelldenker und Visionär, später auch noch Wirtschaftsführer oder Fernsehmoderator - mit Lothar Späth verbinden sich zahlreiche Attribute und Funktionen. 1980, 1984 und 1988 holt er absolute Mehrheiten im Landtag - davon können seine politischen Nachfahren heute nur träumen. Noch Jahre nach dem Rücktritt am 13. Januar 1991 ist der am 16. November 1937 in Sigmaringen geborene Späth der beliebteste Politiker im Land.

Mit vollem Einsatz ist Morgenmuffel Späth als Nachfolger des 1978 über seine NS-Vergangenheit gestürzten Hans Filbinger in der politischen Szene unterwegs. Rastlos, manchmal sprunghaft und zunächst als republikweit jüngster Ministerpräsident. Er ist ein Beispiel für die Durchlässigkeit der Gesellschaft - ohne Abitur und Hochschulstudium schafft er es an die Spitze des Landes. Eher liberal, nie dünkelhaft und auch nicht um einen flotten Spruch verlegen. Späth denkt global. Wer einmal seine Allroundrede gehört hat, der merkt, wie seine Nachfolger rhetorisch ins Hintertreffen geraten. In wildem Bogen deutet Späth die Welt - von der nahezu untergegangenen Uhren- oder Elektronikindustrie im Schwarzwald bis zum Aufstieg Chinas, den Computer-Zentren der USA und zu Brasiliens Regenwald.

Hightech ist das Thema. In Späths Zeit fallen Gründungen von Forschungseinrichtungen wie der Wissenschaftsstadt Ulm. Meist zum Wohl des Landes - eine Folge ist aber auch die Schuldenaufnahme, die in Fahrt kommt. Oft geht es nach dem Motto, dass der Regent beim Besuch in einer Ecke des Landes eine glänzende Idee hat - für die Finanzierung über den Etat muss dann der CDU-Fraktionschef und Nachfolger als Ministerpräsident sorgen, Erwin Teufel. Das Verhältnis der so grundverschiedenen Männer beschreibt am besten das Buch „Monrepos - oder die Kälte der Macht“ des letzten Späth-Regierungssprechers Manfred Zach.

Späth ist auch High Culture: Im Verein mit seinem ehrenamtlichen Staatsrat für Kultur, dem Generalintendanten der Württembergischen Staatstheater, Wolfgang Gönnenwein, sucht er die große Inszenierung. Es ist über Jahre Daueraufgabe für die damalige Esslinger SPD-Landtagsabgeordnete Elisabeth Nill, darauf hinzuweisen, dass es neben High Culture auch noch eine andere höchst agile und erhaltenswerte Kunstszene gibt.

Späths Denken ist über die Grenzen des Südweststaats hinaus orientiert. Bessere Wirtschaftsbeziehungen, kultureller Austausch, der Südwesten macht explizit seine eigene Politik mit dem Ziel, im globalen Wettbewerb zu reüssieren. „Späth warnt China“ ist damals eine nur milde überzogene Zeitungsüberschrift. Bundespolitisch von Gewicht, spielt der Chef in der Stuttgarter Villa Reitzenstein in der Bonner Politik kräftig mit und heizt notfalls dem damaligen Kanzler Helmut Kohl trotz gleicher Farbe des Parteibuchs ein.

Der schlussendlich gescheiterte Aufstand gegen Kohl, den der einstige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit Späth und anderen Kohl-Gegnern auf dem Bremer Parteitag in Szene setzt, bremst die Erfolgsserie. Kolportiert wird, Späths Interessen seien nun eher global. Von einem Job bei der Weltbank ist die Rede. Landespolitisch kommt manches ins Stocken: An der Fusion der Regionalbanken zur Landesbank verhebt sich Späth. Die Zusammenlegung von Süddeutschem Rundfunk und Südwestfunk scheitert kurios: Beim Errechnen der Vorteile hat tatsächlich der Gutachter die Jahreszahl hinzuaddiert. Damit ist das Projekt mausetot. Beide Vorhaben schafft erst Teufel. Auch bei mancher Prognose haut Späth daneben und nimmt es später mit ausgeprägtem Humor: Mit dem heutigen Stuttgarter OB Fritz Kuhn von den Grünen liefert er sich muntere Geplänkel im Parlament. Dessen Partei hält er für ein vorübergehendes Phänomen - und kommt später sogar einmal als Gast zu einem Grünen-Parteitag.

Späths Nähe zum Chef des Elektronikriesen SEL, Helmut Lohr, löst 1990 einen Skandal aus. Unter „Traumschiffreisen“ subsumiert, kommen Kontakte ans Tageslicht, die an der Unabhängigkeit des Regenten zweifeln lassen. 500 Reisen auf Kosten von Firmen listet der Landtags-Untersuchungsausschuss später auf. Das Haushaltsrecht, so muss man rückblickend konstatieren, ist für einen wie Späth zu eng. Abhängig, so betont er im Ausschuss, hat er sich nie gefühlt.

Warum ist Späth gestolpert? Wie oft bei politischen Erosionsprozessen ist nichts monokausal. In den Jahren um 1984 ist Späth Verfechter der Einführung von Katalysatoren für Autos. Nach Urlauben mit dem damaligen Mercedes-Chef Werner Niefer erfolgt der Sinneswandel. CDU-Umweltpolitiker sind sauer. Auch den Superkonservativen in der CDU wird er zunehmend suspekt: Seine Nähe zu den Reformern in der Sowjetunion - ersichtlich am spektakulären Besuch des damaligen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow im Juni 1989 in Stuttgart - stachelt den Argwohn eines manchen Reaktionärs an. Kurzum: Die Zahl der Gegner hat erwähnenswert zugenommen. Zeigt ein politischer Exponent in solcher Lage Schwächen, setzt ein Prozess ein, in dem die Enthüller von Skandalen aus verschiedenen Quellen munitioniert werden.

Am Abend des 13. Januar gibt Späth den Rücktritt bekannt. Seine Ankündigung, ein Buch über „Heuchler und Pharisäer“ zu schreiben, macht er nicht wahr. Wochen später ist er wieder präsent - beim politischen Aschermittwoch auf den Fildern.

Späths Wirtschaftskarriere tut der Skandal keinen Abbruch: Bereits im Juni 1991 ist er an anderer Stelle. Als Geschäftsführer der Jenoptik GmbH in Jena hat er den Wechsel vollzogen. Gut ausstaffiert mit staatlichen Geldern organisiert er den ehemaligen DDR-Staatsriesen um. Bis Juni 2003 ist Späth anerkannter Chef in Jena und in der schwierigen Übergangsphase der Nach-Wende-Zeit ein angesehener Ratgeber der Politik. Weitere Managerjobs schließen sich an, etwa beim Investmentbanker Merril Lynch. Parallel zur Tätigkeit in der Wirtschaft ist er in den Medien aktiv, als Moderator beim Sender n-tv. Zuletzt wird es still um Späth. Von Demenz ist schon länger die Rede. Schlagzeilen macht 2014 die Trennung von seiner Frau Ursula nach 51 Jahren. Zuletzt lebte er in einem Heim in Köngen, nun ist Lothar Späth gestorben.

Reaktionen

Lothar Späths hat bundesweit und über alle Parteien hinweg Bestürzung ausgelöst. als Regierungschef Baden-Württembergs habe sich Späth bleibende Verdienste erworben, teilte Bundespräsident Joachim Gauck mit. im Osten habe er mit seinem Engagement beim Wiederaufbau der Wirtschaft großes geleistet. „Wir werden ihn nicht vergessen.“ CdU-generalsekretär Peter tauber nannte Späth ein „wichtiges Symbol des immer besser gelingenden Zusammenwachsens von Ostund Westdeutschland“. die CdU Baden-Württemberg teilte zu Späths tod mit: „Wir verneigen uns in dankbarkeit vor einem bürgernahen Regierungschef, einem überzeugten Europäer und einer weltoffenen Persönlichkeit.“ CdULandeschef thomas Strobl sagte: „Lothar Späth hat das Land BadenWürttemberg in einem modernen und zukunftsweisenden Sinne erfolgreich und positiv geprägt. Er war mir lange persönlich ein liebevoller und kluger Ratgeber.“ Nach ansicht von Ministerpräsident Winfried kretschmann (grüne) hat Baden-Württemberg durch Späths tod eine prägende Persönlichkeit verloren. „Er war ein Visionär im besten Sinne, weltoffen, mit Weitblick, mutig und bürgernah.“ Ex-Ministerpräsident erwin teufel (CdU) sagte: „ich verliere einen sehr guten Freund.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: