Gibt sich kurz vor dem Auftritt locker: Comedian Mario Barth (re.) im Gespräch mit Edgar Rehberger. Foto: Stefan Schornstein (z) - Stefan Schornstein (z)

Mario Barth ist der meistverkaufte Einzelkünstler in der Geschichte der Schleyerhalle. 163 000 Besucher hat er schon bespaßt. Dabei gibt er immer alles. „Ich rotze mein Programm nicht hin.“

Bad CannstattKeiner gastierte in diesem Jahrzehnt öfter in der Schleyerhalle als Mario Barth. Auch am Samstag war die Halle voll. Damit hat der Berliner Comedian 163 000 Besucher in den Neckarpark gelockt, was ihn zum bestverkauften Einzelkünstler in der Geschichte der Arena macht. Und der nächste Auftritt in der Schleyerhalle ist schon terminiert: Am 26. Januar 2020. Karten gibt’s ab sofort. Vor dem Auftritt nahm er sich Zeit für ein Gespräch.

So kurz vor dem Auftritt noch Interviews zu geben, ist eher ungewöhnlich. Heino macht das, Mary Roos auch. Da kann sie sich ablenken. Wie ist es bei Ihnen?
Ich wurde noch nie mit Heino verglichen. Das ist cool. Jeder kennt ihn, er ist mega erfolgreich. Was gibt’s gegen Heino zu sagen? Nach der Show ist es schwierig. Da bin ich platt. Ich gebe ja Vollgas auf der Bühne. Auch das Alter zieht an mir nicht vorbei. Ich bin mittlerweile 46. Das ist noch nicht wirklich alt. Aber als ich angefangen habe, war ich 25. Da warst du nach einer Show noch anders drauf. Aber meine Einstellung ist Folgende: Heute sind 10 000 Menschen da. Die haben sich einzeln Karten für Mario Barth gekauft. Die kleben eventuell schon seit ’nem Jahr am Kühlschrank. Die freuen sich auf den Abend. Die wissen nicht, dass dies meine 130. Show von dem Programm ist. Also musst du die Show doch spielen, als ob es ’ne DVD-Aufzeichnung ist. Das sage ich auch meiner Crew immer. Jede der 300 Shows, die wir pro Programm in drei Jahren machen, muss so sein, als wenn wir ’ne Fernsehaufzeichnung machen. Der Zuschauer zahlt ja 50 Euro für die Karte, mal zwei, plus noch ein Wasser, und ein T-Shirt. Die betreiben einen Aufwand mit Herfahren, Parkplatz suchen, oder mit den Öffentlichen. Da kannst du das Programm nicht hinrotzen. Ich bin selber auch Konsument. Der merkt das dann und kommt nicht noch mal.
Also gibt man Vollgas.
Wir machen das ja seit 19 Jahren. Und die Schleyerhalle ist immer noch voll. Das machst du nicht, weil du so tolle blaue Augen hast. Sondern du machst das, weil die Leute sagen, „ich geh zu Mario Barth, da weiß ich, der gibt alles.“ Mir geht es doch genauso. Ich bin ja großer Herbert-Grönemeyer-Fan. Dem siehst du schon im Gesicht an: platt, die Klamotten sind durchgeschwitzt. Das klingt bescheuert, ist aber so, bei mir zumindest: Der hat für dich gearbeitet. Da gehst du mit einem guten Gefühl nach Hause. Das war es wert. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich muss mich nicht ablenken. Aber nach der Show ist es schwieriger, Interviews zu geben.
Gibt es vor dem Auftritt ein bestimmtes Ritual?
Ja. Eine Stunde vor dem Auftritt zieh ich mich zurück, bereite mich vor, sing meine Stimme ein, muss sie warm machen. Du gehst ja zweieinhalb Stunden kraftvoll mit der Stimme um, ist ja dein Handwerkszeug, das musst du warm machen. wie bei einem Sportler. Dann treff ich mich kurz vor der Show mit der ganzen Crew, sag ihnen, wie viel Leute da sind, und dass wir bitte eine geile Show machen. Weil ja manche für das Ticket gespart haben. Die 50 Euro netto musst du erst mal verdienen. Die hat nicht jeder. Das darfst du nie vergessen. Und dann gehst du auf die Bühne und gibst nicht alles? Nee, mach ich nicht.
Bleibt auf einer Tour Zeit, die Stadt anzuschauen, in der man auftritt?
Ja. Ich war ja schon oft in Stuttgart, so dass ich die Stadt kenne. Heute waren wir im Porsche-Museum. Ich habe mir das alles mal angeguckt. War ich noch nie. Tolle Autos, wow. Dann durfte ich mir noch das Werk angucken, wie wird so ein Auto überhaupt gebaut, auch ’ne Supersache. So was mache ich schon. Ich sitz nicht im Hotel und warte, dass die Show losgeht. Ich bin schon sehr interessiert, wo ich auftrete, dass ich ein bisschen was weiß, was ist hier los.
Wie lange dauert es, bis ein neues Programm steht?
Zwei Jahre. Du fängst ja an mit Themen, die du so testest. Ich schreibe gerade an einem neuen Programm. Da ist momentan das Thema vegan, Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit. Ich bin nix. Ich fühl mich ganz oft in meinem Freundeskreis als Außenseiter. Wenn ich einen Cappuccino bestelle, bleibt der Kellner schon stehen und wartet, weil er glaubt, da kommt jetzt noch was, was ich nicht vertrage. Ich habe aber nix. Und da gucken die einen echt verachtend an. „Was du hast nix?“ Und da teste ich gerade aus. Heute in der Zugabe zum Beispiel.
Wird das neue Programm vorher getestet?
Immer in der Zugabe. Und da gucke ich, ist es lustig? Um das Thema vegan machen wir ein Geschiss. 0,8 Prozent der Bevölkerung ernährt sich vegan. Das ist nix, ist zu vernachlässigen. Und da sag ich, um einen lustigen Gegenpol zu haben, 2,4 Prozent aller Männer, also etwa 1,2 der Bevölkerung hat Schlepphoden. Das heißt, wir haben mehr Hängesäcke als Veganer. Aber es wird viel mehr um vegan geredet. Das ist natürlich dann lustig, den Leuten da draußen mal zu sagen: Über was reden wir eigentlich?
Wer darf Sie kritisieren? Auf wen hören Sie?
Alle dürfen kritisieren. Konstruktive Kritik ist für mich total wichtig. Ich kümmere mich ja auch um andere Künstler, auch junge Künstler. Und wenn ich dann was vorschlage und der sagt, das finde ich blöd. Dann kann er das machen, aber dann muss ein Folgesatz kommen. Warum er das blöd findet. Wäre schön zu wissen. Und: Wie soll ich es denn anders machen? Aber einfach nur zu sagen gefällt mir nicht und den Raum verlassen, das ist assi. Und wenn man mich kritisiert, indem man nur sagt, das Programm ist kacke, kann ich damit nichts anfangen.
Wann war für Sie klar, dass Witze machen ankommt?
Schon in der Schule war klar, das kommt an. Bei jedem Menschen werden Glückshormone ausgeschüttet, wenn er etwas erzählt und alle lachen. Derjenige, der das auslöst, empfindet ein wohlwolliges Gefühl. „Wow, das gefällt mir.“ Ich habe das total gemocht. Wenn ich Geschichten erzählt habe, und alle haben gelacht, hab ich mich erfreut. Und das ist heute noch so. Sonst würde ich nicht auf Tour gehen. Weil mir das echt Spaß macht. Ich komm raus auf die Bühne und seh, dass die Menschen nach einer Minute die Taschentücher unter die Augen halten, weil die Tränen laufen. Und wenn du das siehst, ey. Also wer dann sagt, das ist nichts für mich. Der hat das Leben nicht verstanden. Wenn die Leute lachen, das ist doch toll.
Ist es ein Unterschied, vor 70 000 oder vor 700 Leuten aufzutreten?
Absolut. Vor 700 ist einen Tacken einfacher. Du hast eine andere Dynamik. Im Stadion ist der weiteste Mensch 220 Meter weg. Du musst du große Gesten machen. Hanns-Martin-Schleyer-Halle – große Halle. Die ist schwierig, weil die breit ist. Kein Kessel wie in Köln. Da musst du Druck auf die Stimme geben. Das macht aber überall Laune.
Woher kommt die Inspiration? Gibt es Zulieferer oder sind es alles eigene Beobachtungen?
Alles eigene Beobachtungen. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Ich gehe gern raus, gehe was essen, was trinken und beobachte gerne andere Leute. Und du hörst viel. Alle wissen was. Und in der Beziehung wird geredet. Das beobachte ich und da gibt es ganz lustige Themen und die mache ich dann.
Haben Sie noch Ziele? Was wollen Sie noch erreichen? In den USA auftreten?
Gewiss nicht. Deutschland ist echt groß. Das unterschätzen viele. Ich will maximal 100 Mal im Jahr auf Tour gehen. Das sind 150 Tage mit An- und Abreise. Da hast du noch mal 50 Termine TV. Das sind 200 Tage reine Arbeitszeit. Ich schreibe ja noch die ganzen Texte in der Freizeit, am Wochenende. Wenn ich dann auch noch USA machen würde. Ich wüsste jetzt nicht warum. Ich will jetzt nicht noch größer werden. Ich habe das Olympiastadion gespielt – reicht.
Wenn Sie privat unterwegs sind. Können Sie sich auch so verhalten? Überall lauern doch Handykameras.
Ist mir egal. Ich glaube, das kann ich jedem empfehlen. Natürlich gibt es Situationen, die einer gefilmt oder fotografiert hat, da bohre ich gerade in der Nase oder stehe mit einer Flasche Bier an der Laterne. Ich bin einer, der sagt, „ja, so ist das.“ Immer mehr machen das so, das finde ich schön. Barbara Schöneberger zeigt sich zum Beispiel ungeschminkt. Ja Freunde, so sind wir doch. Instagram ist doch nicht das Leben. So sehen wir aus, wenn wir zuhause wach werden. Und das kommt super an bei den Leuten, weil die dann sagen, einer von uns.

Die Fragen stellte Edgar Rehberger.

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