Die Musikerin Debbie Harry (hier bei einem Auftritt 2017 in London) feiert am 1. Juli ihren 75. Geburtstag. Foto: dpa/Ian West

Debbie Harry, die Frontfrau der Band „Blondie“ und Schauspielerin, wird am 1. Juli 75 Jahre alt. Ihre größten Hits hatte sie in den 70er und 80er Jahren unter anderem mit „Heart of Glas“, „Denis“ und „Call Me“.

Gronau, Bochum - Wasserstoffblonde Haare, lippenstiftrote geschwungene Lippen und sehr selbstbewusst - so blickt Debbie Harry auf Andy Warhols Siebdruck-Porträt von 1980 den Betrachtern entgegen. Wenn er für sich selbst ein Gesicht aussuchen könnte, würde er ihres wählen, soll Warhol einmal gesagt haben. Am 1. Juli wird die Frontfrau der Band „Blondie“ und Schauspielerin 75 Jahre alt.

Harry war ebenso in der Punk- wie in der Kunstszene New Yorks zu Hause. Neben Warhol zählte auch der Underground-Schriftsteller William Burroughs zu ihren Freunden. „Bei Debbie Harry kommen viele Sachen zusammen, bei denen man erst viel später darauf gekommen ist, dass sie überhaupt zusammengehören können: Punk, Disco sowie Mode- und Kunstwelt“, sagt Gregor Schwellenbach vom Bochumer Institut für Popmusik der Folkwang Universität der Künste.

Bei ihr habe man schon früh sehen können, dass das alles aus einer Quelle komme: Selbstbestimmung. „Da ist das kein Widerspruch, dass eine Frau als Model und Topless-Kellnerin gearbeitet hat, trotzdem selbstbestimmt ist und mit Andy Warhol rumhängt.“

Faszination durch Verknüpfung verschiedener Welten

„Das Neue an Debbie Harry war, dass sie einerseits das Image einer blonden Marilyn-Monroe-artigen Frau verkörpert und zugleich überzeugende Bandleaderin einer New-Wave-Band ist“, erklärt der Pop-Experte und Germanistikprofessor Moritz Baßler von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Harry spinne einen Traditionsfaden, den später Madonna und dann auch Lady Gaga aufnahmen und weiterführten, sagt der Kurator des Gronauer Rock’n’Popmuseums, Thomas Mania. „Dieses alles spiegelt sich auch in ihrem musikalischen Werk, das ebenso rebellisch wie hitparadentauglich daherkommt.“

„Ich habe eine Illusion verkauft“, sagte Debbie Harry im vergangenen Jahr dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Die Idee sei gewesen, das Image einer süßen und unschuldigen Blondine mit dem einer nonchalanten und sexy blonden Hollywoodsirene für eine Rockband zu kombinieren: „Ich wusste, dass ich das draufhatte. So was hatte es bis dahin nicht gegeben.“

Imagewandel von Frauen im Musikgeschäft vorangetrieben

Wie nebenbei hat Harry damit einen Imagewandel von Frauen im Musikgeschäft vorangetrieben: „Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau in einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld“, erzählt Harry in ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Biografie „Face it“. In den Songs habe sie über Dinge gesungen, über die Frauen damals einfach nicht gesungen hätten: „Statt ihn devot anzubetteln, doch bitte wieder nach Hause zu kommen, gab ich ihm einen gewaltigen Tritt in den Hintern, schmiss ihn raus und trat mir danach auch selbst noch in den Hintern.“

Das Markenzeichen ihrer Band „Blondie“ war die Kombination von Rock- und Punkrhythmen mit eingängigen Melodien von Popgirl-Bands wie „The Shangri-Las“. Ihre größten Hits hatte sie in den 70er und 80er Jahren mit „Heart of Glas“, „Denis“, „Call Me“ oder „Sunday Girl“, Ende der 90er Jahre folgte dann der glanzvolle Comeback-Hit „Maria“.

Fasziniert war Harry schon früh von Marilyn Monroe: Bei ihr habe sie „die Verletzlichkeit und die besondere Weiblichkeit regelrecht spüren können“, erzählt die Musikerin. „Erst später fand ich heraus, dass sie ebenfalls ein Pflegekind gewesen war.“

Bei Adoptiveltern aufgewachsen

Die als Angela Trimble am 1. Juli 1945 in Miami geborene Debbie Harry wurde im Alter von drei Monaten von Richard und Catherine Harry adoptiert. Bei ihren Adoptiveltern wuchs Deborah Ann Harry in beschaulich-konservativen Verhältnissen in New Jersey auf. Das College schmiss sie nach zwei Jahren und machte sich auf nach New York. Dort jobbte sie unter anderem als Tänzerin und Bunny-Kellnerin.

In angesagten Bars und Nachtclubs wie Max’s Kansas City oder dem berühmten Punk-Club CBGB fand sie schnell Anschluss an die Kunst- und Musikszene. Mit dem Gitarristen Chris Stein, mit dem sie 15 Jahre zusammen war, gründete sie „Blondie“. Musik machte sie aber auch als Solokünstlerin. Außerdem spielte sie in knapp 60 Filmen und Filmprojekten mit.

Zwar gab es neben Harry im New York der 70er Jahre andere starke Rock- und Punkmusikerinnen wie Patti Smith oder Joan Jett. Keine von ihnen hatte jedoch so viele Hits, die bis heute im Radio gespielt werden. Harry sei inzwischen eine Konsensfigur, erklärt Baßler ihre bis heute anhaltende Wirkung. Auf sie könnten sich unterschiedliche Milieus von Pop-Intellektuellen bis zu Fans von Oldies einigen. Sie habe auch nie auf Nischen-Kunst gesetzt, „sondern war von Anfang an kommerziell und Mainstream“.

Dass Punk und Vermarktung bei Debbie Harry kein Widerspruch ist, zeigt das Gronauer Rock’n’Popmuseum. Dort hat die Musikerin einen festen Platz in der Dauerausstellung: als Barbie-Figur der Firma Mattel. Natürlich mit wasserstoffblonden Haaren und stylischem Outfit.

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