Die Nackt-Aktion im Haus der Geschichte sollte nur eine Ausstellung thematisch ergänzen – und löst nun ein weltweites Medienecho aus. In der Stuttgarter Kunstszene hört man viel Lob.
Das Stuttgarter Haus der Geschichte erlebt momentan einen Sturm der internationalen Aufmerksamkeit, mit dem dort niemand gerechnet hat. Am 30. August und 13. September dürfen Besucherinnen und Besucher die Ausstellung „Frei Schwimmen“ nur nackt betreten. Die Führungen an diesen beiden Tagen sind seit langem ausgebucht. Die ungewöhnliche Aktion hat es bis in die Medien in den USA, in Belgien und sogar im Iran geschafft. „Eben hat ein Journalist der ,Times’ aus London angerufen“, berichtet Museumssprecherin Lydia Meißner am Donnerstag unserer Redaktion.
Vier Fernsehteams und zahlreiche Medienschaffende haben sich nach ihren Worten bereits für den ersten „Nackttag“ angemeldet. Für die Gäste stehen im Eingangsbereich spezielle Garderoben und extra installierte Schließfächer bereit. Akkreditierte Fotojournalisten dürfen nur die Rückansichten der Gäste fotografieren oder filmen. Gesichter müssen verpixelt werden. Private Handyfotos sind untersagt, da das Museum keine Kontrolle über deren Nutzung habe.
Wegen der hohen Nachfrage prüft das Museum bereits zwei weitere Termine. Dabei legt die Pressestelle des Hauses der Geschichte Wert auf eine Klarstellung: Die Idee für die Nacktbesuche stamme nicht vom Museum selbst, sondern vom Verein GetNakedGermany, der den Vorschlag passend zur Schwimm-Ausstellung unterbreitet habe. Nachdem in unserer Zeitung der erste Bericht darüber erschienen sei, seien bundesweit und international zahlreiche Medien eingestiegen, so Meißner. Der Eintritt im August ist übrigens frei. Der Eindruck, man habe aus wirtschaftlichem Interesse die „Nackttage“ ausgerufen, um also das Haus zu füllen, sei falsch, erklärt die Museumssprecherin.
In Zeiten, in denen das Netz voller freizügiger Bilder ist, erscheint es fast paradox: Nackte Körper in einem Museum schaffen es noch immer, Schlagzeilen zu machen. Doch die digitale Überreizung hat, wie sich jetzt wieder zeigt, den Blick auf Nacktheit nicht stumpf gemacht. In der Stuttgarter Kunstszene wird überwiegend wohlwollend darüber diskutiert. Etliche Künstlerinnen und Künstler feiern geradezu die Aktion im Haus der Geschichte. Wir haben uns umgehört.
Die Künstlerin Christa Winter zieht einen ungewöhnlichen Vergleich: Wenn es eine Ausstellung über die Farbe Schwarz gäbe und man sie an zwei Tagen nur in schwarzer Kleidung betreten dürfe, würde sich wohl kaum jemand wundern. Ähnlich verhalte es sich bei „Frei Schwimmen“, wo der fehlende Stoff am Körper thematisch zum Ausstellungskonzept passe. „Es ist ja kein ‚Nacktzwang‘, um sich irgendetwas anzusehen“, betont sie. Vielmehr gehe es um eine bewusste thematische Ergänzung, wie man sie auch aus anderen Städten kenne – in Paris oder Brüssel habe es solche Formate bereits gegeben.
Was sagen Kunstschaffende aus Stuttgart zu der Aktion?
Für Stuttgart sei dies eben neu, polarisiere, sei aber „auf gar keinen Fall langweilig“, findet Christa Winter. Diese Offenheit für Neues tue der Stadt gut. „Man befindet sich ja nicht in einem Swingerclub, sondern in einem historischen Museum mit spannenden Facetten“, sagt sie, „und dieses Thema gehört eben auch dazu.“
Tim Bengel lobt den Mut, „mal Dinge anders zu machen“
Der Künstler Tim Bengel freut sich, dass „außergewöhnliche Ideen und der Mut, mal Dinge anders zu machen, belohnt werden“. Der Fotokünstler Norbert Neon ist „generell der Meinung, „dass Events in Museen gut sind, um Besucher zu gewinnen“. Ob er allerdings die ausgestellten Exponate würdigen könne, wenn „reizvolle nackte Menschen um mich herum schlendern“, wisse er nicht.
„Nacktsein hat nicht automatisch was mit Sex zu tun“
Die Künstlerin Justyna Koeke, die mehrere Nacktkalender mit Motiven aus Stuttgart veröffentlicht hat, lobt die Aktion im Haus der Geschichte und legt Wert auf die Feststellung, Nacktsein habe nicht automatisch etwas mit Sex zu tun. Das seien zwei völlig verschiedene Dinge und werde oft durcheinander gebracht. Nackt im Museum habe also nichts mit Sex zu tun und sei eine „tolle Idee mit der Garantie für einen Museumsbesuch auf eine ganz andere spezielle Art“, sagt sie, „auf jeden Fall ein Experiment.“
Auch Tina Trumpp, bekannt für erotische Aktfotografie, verweist auf den historischen Kontext. Die Ausstellung beleuchte das Schwimmen im öffentlichen Raum über einen Zeitraum von rund hundert Jahren – von Geschlechtertrennung und Ausschluss bestimmter Gruppen bis hin zur Freikörperkultur. Daran zeige sich immer auch die Offenheit einer Gesellschaft. Gerade weil die Nacktheit Thema der Schau sei, findet sie es gut, wenn das Museum an wenigen Tagen für nackten Besucherinnen und Besuchern geöffnet wird.
Tina Trumpp kann sich eine solche Aktion für ihre eigenen Ausstellungen nicht vorstellen. Bei ihr gehe es um „pure Ästhetik, Weiblichkeit und Schönheit“, oft in historischen Kulissen wie Paris, und nicht um FKK-Kultur. Daher fliege sie ihre Models von weither ein. „Das ist ein bisschen wie in ,Moulin Rouge’, wo auch nicht jeder auf die Bühne dürfe“, sagt die weltweit gefeierte Fotografin.
Mischung aus humorvollem Tabubruch und Experiment
Für Kunsthändler Frank Zimmermann ist Nacktheit „ohnehin ein fester Bestandteil der Kunstgeschichte“. Sexualität habe in verschiedenster Form schon immer dazugehört, sagt er, und warum solle man nicht auch in einem klar abgegrenzten Rahmen eine solche Verbindung von Freikörperkultur und Ausstellung wagen? „Kunst hatte immer schon den Auftrag, etwas in Gang zu setzen“, sagt Zimmermann, „und nackte Haut bleibt auch heute noch reizvoll und provokativ.“
Der Stuttgarter Künstler und Galerist Norbert Nieser sieht in der Aktion vor allem das Potenzial für Aufmerksamkeit. Er gehört zwar nicht zu den Nudisten, findet die Vorstellung nackter Museumsbesucher aber reizvoll – „weniger aus ästhetischen Gründen, sondern wegen der garantierten medialen Wirkung“. Überschriften wie „Kunst, Kultur und knackige Kurven“ seien quasi programmiert. Für ihn ist das eine „Mischung aus humorvollem Tabubruch und gesellschaftlichem Experiment“, bei dem man am Ende vielleicht genauso viel über die Kunst wie über die Besucher spricht. Nieser: „Und das könnte doppelt so viele Gäste bringen.“