David Sassoli, der Präsident des Europaparlaments, ist überraschend in einem Krankenhaus in Italien gestorben. Foto: AFP/YVES HERMAN

Der Präsident des EU-Parlaments, David Sassoli, ist in der Nacht zum Dienstag im Krankenhaus gestorben.

Brüssel - Die erschütternde Twitter-Nachricht ist drei dürre Zeilen lang. David Sassoli, Präsident des EU-Parlaments, ist tot, tippte sein Sprecher Roberto Cuillo am Dienstag in den frühen Morgenstunden in den Rechner. Der 65-Jährige starb kurz nach Mitternacht überraschend in einem Krankenhaus in Aviano im Nordosten Italiens, in das er bereits am 26. Dezember „wegen einer schweren Komplikation aufgrund einer Funktionsstörung des Immunsystems“ eingeliefert worden war.

Tod kurz vor dem Ende der Amtszeit

Die Spitzen der EU und Kollegen des Parlamentspräsidenten äußerten sich erschüttert über Sassolis Tod und würdigten seine Verdienste um Europa. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte sich in der ersten Reaktion auf Twitter „zutiefst betroffen über den schrecklichen Verlust eines großen Europäers und stolzen Italieners“. Sie würdigte ihn als einen „herausragenden Präsidenten des Europäischen Parlaments“. EU-Ratspräsident Charles Michel bezeichnete Sassoli als „aufrichtigen und leidenschaftlichen Europäer“.

Der Italiener starb nur wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit. Kommende Woche werden die Abgeordneten des Europaparlaments wie geplant während der Plenarsitzung in Straßburg über seine Nachfolge entscheiden. Auch Sassolis wahrscheinliche Nachfolgerin Roberta Metsola äußerte sich erschüttert. „Europa hat einen Anführer verloren, ich habe einen Freund verloren, die Demokratie hat einen Vorkämpfer verloren“, erklärte die maltesische Europaabgeordnete auf Twitter. Ganz freiwillig hatte Sassoli den Präsidentenstuhl allerdings nicht geräumt, den er seit der Europawahl 2019 innehatte. Seine Amtszeit lief diesen Monat zur Hälfte der Legislaturperiode gemäß einer Absprache der EU-Staats- und Regierungschefs aus. An diese Abmachung wollten sich aber einige europäische Sozialdemokraten nicht mehr halten und beriefen sich auf die komplizierte europäische Machtarithmetik. Denn die Konservativen würden danach alle europäischen Top-Jobs besetzen. Die Chefin der EU-Kommission ist die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, die Europäische Zentralbank leitet die französische Konservative Christine Lagarde, und EU-Ratspräsident ist der belgische Liberale Charles Michel.

Heftiges Ringen um Sassolis Nachfolge

Die Konservativen pochten allerdings auf die Abmachung und präsentierten mit der 39-jährigen Roberta Metsola aus Malta eine junge Frau und Vertreterin eines Kleinstaates. Hinter den Kulissen der EU kam es zu einem wochenlangen Tauziehen, bis am Ende David Sassoli verkündete, sich wie besprochen zurückzuziehen. Das hatte wohl auch gesundheitliche Gründe, denn im September war er bereits wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt worden und konnte mehrere Wochen lang nicht seinen Aufgaben als EU-Parlamentspräsident nachgehen. Zuvor war er außerdem einmal an Leukämie erkrankt.

Ein Mann von großer Sprachgewalt

Jens Geier, Vorsitzender der SPD-Europaabgeordneten, bezeichnete Sassoli am Dienstag als „rhetorischen Titan“. Wenn er in den Fraktionssitzungen das Wort ergriffen habe, sei das Temperament bisweilen regelrecht mit ihm durchgegangen. „Er war es gewohnt aufzutreten und dabei eine große Wirkung zu verbreiten“, erinnert sich der deutsche Sozialdemokrat.

Tatsächlich war Sassoli ein Mann des gesprochenen und geschliffenen Wortes. Am 30. Mai 1956 in Florenz in der Toskana geboren, arbeitete er nach dem Politikstudium als Journalist, zunächst für Zeitungen und Nachrichtenagenturen und dann für den öffentlich-rechtlichen italienischen Rundfunk. Millionen Italienern wurde er schnell vertraut, da Sassoli die Abendnachrichten im Sender Rai Uno präsentierte. Doch der umtriebige Mann wollte nicht nur Politik präsentieren, sondern auch gestalten. 2009 zog er für die sozialdemokratische Partito Democratico (PD) ins EU-Parlament ein. Ab 2014 war er einer der 14 Vize-Präsidenten der EU-Abgeordnetenkammer.

Amtszeit geprägt durch Corona

Als David Sassoli 2019 zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, musste er seine Sprachgewalt zügeln, war aber für seine harte Hand bekannt, mit der er Sitzungen leitete. Allerdings konnte er sein politisches Talent auf dem herausgehobenen Posten nicht wirklich demonstrieren, denn seine zweieinhalbjährige Amtszeit wurde durch die Corona-Pandemie geprägt. So musste er etwa die Umstellung des Parlamentsbetriebs auf Telearbeit koordinieren. Als Politiker wusste er allerdings um die Symbolik seines Tuns. Als Zeichen der europäischen Solidarität inmitten der Krise stellte David Sassoli die verwaisten Räumlichkeiten des Parlaments sowohl in Straßburg als auch in Brüssel zur Verfügung, um Mahlzeiten für bedürftige Familien zuzubereiten und ein Corona-Testzentrum einzurichten.

  
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