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8400 Beschäftigte machen Druck: Sie wollen in Untertürkheim den elektrischen Antriebsstrang fertigen

Es war eine historische Betriebsversammlung. Am Montag sind so viele Beschäftigte des Daimler-Werks in Untertürkheim zur Betriebsversammlung in die Stuttgarter Schleyerhalle gekommen wie noch nie: „Insgesamt 8400 Beschäftigte haben ihren Unmut darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Produktion des elektrischen Antriebsstrangs möglicherweise nicht nach Untertürkheim kommt“, sagte Michael Häberle, Betriebsratsvorsitzender des Werks unserer Zeitung. Der Daimler-Konzern fordert, dass die Eigenproduktion des sogenannten EATS nicht teurer wäre als ein Zukauf. „Aus Sicht des Unternehmens steht dabei eine Kostendifferenz in Höhe von 180 Millionen Euro im Raum“, so Häberle. „Wir sind allerdings nicht der Ansicht, dass es unsere Aufgabe ist, dem Unternehmen Geld zur Verfügung zu stellen.“
Der Daimler-Konzern startet gerade seine Elektrooffensive. Der Antriebsstrang für die Fahrzeuge unter der Marke EQ soll zunächst vom Friedrichshafener Zulieferer ZF kommen. Doch die Belegschaft kämpft dafür, die nächste Generation des EATS in Untertürkheim zu produzieren. Da die Verhandlungen nicht vorankommen, ist der Arbeitnehmervertreter auf Konfrontationskurs gegangen. „Wir haben massig Mehrarbeitsanträge, aber seit drei Wochen verweigern wir Überstunden“, so der Betriebsrat.
Das Werk ist momentan sehr unterschiedlich ausgelastet. Während in manchen Bereichen Sonderschichten gefahren werden, gibt es in anderen Teilen Überkapazitäten. „Das Unternehmen hätte dort die Weihnachtsruhe gern bereits am 9. statt am 20. Dezember begonnen – doch auch das haben wir nicht abgeschlossen.“ Das heißt laut Häberle, dass die Mitarbeiter nun zu beschäftigen sind, wenn sie nicht früher in die Weihnachtsruhe gehen wollen. „Auch das sind Kosten, die das Unternehmen hätte vermeiden können, wenn wir uns einig geworden wären.“
Für Häberle geht es um viel. Ein großer Teil der 19.000 Beschäftigten im Stammwerk Untertürkheim arbeitet an Verbrennungsmotoren, die zunehmend von Fahrzeugen mit alternativen Antriebsformen abgelöst werden. Für deren Produktion sind deutlich weniger Mitarbeiter nötig. Am Montag haben Arbeitgeber und Betriebsrat immerhin vereinbart, dass sie sich Ende der Woche noch einmal zusammensetzen wollen. Gibt es dann immer noch keine Annäherung, will der Betriebsrat auf Eskalation schalten. „Wir wollen, dass die Kolleginnen und Kollegen vor Weihnachten noch eine gute Nachricht hören“, sagte Häberle. „Wir werden alle Mittel nutzen, um bei den Verhandlungen weiterzukommen, und unsere Mittel sind noch nicht erschöpft. Der EATS muss nach Untertürkheim kommen – da gibt es für mich keinen Plan B.“ Die Beschäftigten beweisen seiner Ansicht nach ein hohes Maß an Flexibilität. „Wenn der Arbeitgeber das vergessen hat, muss man ihn daran erinnern.“
2017 gab es in Untertürkheim schon einmal Streit zwischen den Betriebsräten und dem Arbeitgeber. Auch damals forderte die Belegschaft, an der Elektrostrategie des Konzerns beteiligt zu werden. Die Auseinandersetzung ging für die Arbeitnehmervertreter gut aus: Konzern und Betriebsrat einigten sich darauf, dass Untertürkheim künftig das Leitwerk für die Elektromobilität im Daimler-Konzern werden soll.
Dazu gehören unter anderem eine Batterieproduktion und ein Projekthaus für die Entwicklung der nächsten Generation elektrischer Antriebssysteme sowie der Ausbau des Technikums für Elektromobilität. 2017 allerdings war Daimler auf Rekordkurs. Dieses Mal finden die Verhandlungen dagegen zur Unzeit statt. Denn die abkühlende Konjunktur und der Wandel hin zur Elektromobilität drücken auf die Zahlen.
Am Freitag hatte der Konzern bekannt gegeben, bis zum Jahr 2022 mindestens 10.000 Stellen zu streichen, zwei Drittel der Arbeitsplätze sollen in Deutschland wegfallen. „Das aktuelle Sparprogramm ist eine zusätzliche Hürde für die Verhandlungen“, sagte Häberle. „Aber es kann nicht sein, dass deswegen ein ganzer Standort aufs Spiel gesetzt wird“, so Häberle weiter. Rückendeckung erhält er vom Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Michael Brecht.
Im Konzern wird zudem diskutiert, ob die Zahl der Auszubildenden reduziert werden sollte. Auch das sorgt für Zündstoff: „Es gibt bei uns die Regelung, dass alle Auszubildenden übernommen werden“, so Häberle. In Untertürkheim werden aktuell 190 Menschen pro Lehrjahr ausgebildet. Zur Diskussion steht, ob die Zahl auf 160 gesenkt werden soll. Der Betriebsrat ist gegen die Reduzierung: „Gerade jetzt muss man Nachwuchs ausbilden.“ Manch ein Manager des Konzerns allerdings befürchtet, dass die jungen Leute an den Verbrenner-Standorten für die Arbeitslosigkeit ausgebildet werden könnten.

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