Quelle: Unbekannt

Der Jazz war lange eine Männerdomäne – das Stuttgarter Theaterhaus bietet beim diesjährigen Osterjazz ein Kontrastprogramm. Leni Stern, Monika Herzig, Monika Roscher und Nubya Garcia geben dem Festival eine feminine Note

StuttgartDas ist uns im vergangenen Jahr beim Osterfestival passiert“, sagt Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier, „und wir haben es erst hinterher gemerkt. Die Realität ist: 80 Prozent der Künstler auf dem Markt sind Männer.“ Das Theaterhaus indes hat den Ruf, mit solchen Realitäten kritisch umzugehen. So stehen in diesem Jahr nun neben Männern auch einige Frauen im Programm.

Die aus Albstadt stammende Pianistin Monika Herzig etwa: Sie ging mit ihrem Mann, einem Gitarristen,1988 zum Stu­dium nach Alabama und ist heute Professorin in Indiana. Dort hat sie die Frauen-Jazzband Sheroes gegründet, in der eine Prominente spielt: die 1977 von München in die USA ausgewanderte Gitarristin Leni Stern. „Für mich ist das eine Bestätigung, wenn so jemand das unterstützt“, sagt Herzig, deren Anfangszeit in den USA nicht einfach war: „Mein Mann hat viel mehr Anrufe bekommen, für die Jungs dort war ich schon sehr exotisch. Manche haben ihn gefragt, wenn sie mich buchen wollten, obwohl ich daneben stand.“

Instrumentalistinnen sind rar

Herzig hat über Chick Corea und Herbie Hancock geforscht. „Weibliche Vorbilder gab es wenige“, sagt sie. Außer Sängerinnen. Aber wieso so wenige Instrumentalistinnen? „Mädchen wollen in der Pubertät nichts tun, was sie schlecht aussehen lassen könnte, da ist der Gruppendruck brutal. Den Jungs ist das egal, die nehmen immer die Soli, während die Mädchen sich nicht trauen“, sagt Herzig. Und so sind die Sheroes auch eine Art geschützter Raum: „Das sind alles tolle Musikerinnen, aber kaum bekannt. In der Band können sie sich zeigen in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, sie können sich ausdrücken, ohne etwas beweisen zu müssen.“ Dabei nimmt Herzig Männer keineswegs in Sippenhaft: „Man kann das nicht verallgemeinern, die Dynamik ist einfach anders. Wir Frauen gehen haben andere Themen: Unsere Posaunistin wird ihre siebenjährige Tochter mitnehmen auf Tour, andere haben keine Kinder, weil sie wussten, dass das die Kar­riere beeinflusst.“

Die Münchnerin Monika Roscher war schon mehrfach im Theaterhaus. Die Auftritte der Sängerin, Gitarristin, Komponistin und Bandleaderin sind spektakulär. Schon an der Hochschule gründete sie ihre Bigband. Ihre Stücke sind im Kern Popsongs, aber komplex ausarrangiert mit ausgefuchsten Instrumentalteilen. „Am Anfang will ich immer einen Hit schreiben“, erklärt Roscher. „Irgendwann merke ich, dass es mich langweilt, und ich frage mich: Was könnte jetzt Megacooles passieren?“ Benachteiligungen hat Roscher nicht erfahren, „aber natürlich sind die Frauen auch in meiner Band in der Minderheit, es gibt einfach weniger Instrumentalistinnen.“ Auch sie hat über die Gründe nachgedacht. „Frauen fällt es vielleicht schwerer, bei einem Jam im Klub herauszutreten – besonders, wenn sie mit Männern spielen, die sie nicht kennen.“ Sie beobachtet als Gitarrenlehrerin, „dass viele Mädchen ab 16 die Lust verlieren, während die Jungs anfangen, wie wild zu proben“. Was Gitarristinnen angeht, hat Roscher eine eigene Theorie: „Männer haben die Instrumente entwickelt ohne Rücksicht auf den weiblichen Körper. St. Vincent alias Annie Clark hat ein eigenes Gitarrenmodell herausgebracht speziell für Frauen. Das ist schmaler, da stört nichts.“ Und sie sieht einen Wandel: „Auf Youtube gibt es tolle junge Gitarristinnen, total krasse Virtuosinnen.“ Ihr eigenes Geheimnis beschreibt Roscher so: „Es gibt eine Art des perfekten, artistischen, schnellen, beeindruckenden Zusammenspiels, die mich überhaupt nicht interessiert“, sagt sie. „Wir sind keine Roboter, sondern Menschen, jede und jeder hat einen eigenen Sound. Eine Band klingt für mich, wenn man Charaktere heraushört.

Neue Energie

Für die Veranstalter bringt sie genau das mit, was sie suchen: „Monika Roscher sucht die Konfrontation mit sich selbst als Künstlerin und mit dem Publikum, sie ist eine Persönlichkeit“, sagt Werner Schretzmeier. Und der Programmmacher Wolfgang Marmulla fügt an: „Sie lässt sich nicht vereinnahmen. Der Jazz bietet mehr Freiheit, mehr Möglichkeiten, Gefühlszustände auszudrücken.“ Das könnte auch für die Ladies aus London gelten, die einen Abend bestreiten: die Saxofonistin Nubya Garcia und das gemischte Ensemble Kokoroko. Sie sind Teil einer Londoner Bewegung, die dem Jazz neue Energie einhaucht. „Bei Kokoroko ist das Gebläse in Frauenhand, sie sind nicht mehr nur die Begleitung am Klavier“, sagt Schretzmeier.

Das heiße Jahr 2018 brachte dem Theaterhaus – wie für viele anderen – einen Zuschauereinbruch. Das Haus ist in finanzieller Schieflage. „Durch das Sommerloch 2018 alles über den Haufen gekegelt worden“, sagt Schretzmeier. „Wenn sich das wiederholt, werden wir anders rechnen müssen. Mit Blick auf den Vorverkauf der Jazztage wage ich aber die Prognose, dass die Chancen nicht schlecht stehen.“

Fünf Tage, viele Konzerte: Die Jazztage 2019 im Überblick

Gründonnerstag: Der Pianist Joachim Kühn feiert seinen 75. Geburtstag mit Bruder Rolf und Freunden wie Vincent Peirani. Robert di Gioias Jazz-Ensemble Web Web hat die Vokalisten Afrob und Majid Bekas dabei.

Karfreitag: Michael Wollny (Klavier), Wolfgang Haffner (Schlagzeug), Nils Landgren (Posaune) und Lars Danielsson (Bass) bilden die Supergroup 4 Wheel Drive. Veit Hübner und Ralf Schmid musizieren mit Joo Kraus, Gregor Hübner, Freunden und Kindern. Monika Roscher spielt mit ihrer Bigband auf.

Karsamstag: Die NDR Bigband ehrt Benny Goodman, Monika Herzig präsentiert ihr Frauenensemble Sheroes mit Leni Stern. Marialy Pacheco und Omar Sosa bilden ein Duett, der Flamenco-Sänger Antonio Lizana ist in seiner Band Oriente auch Jazz-Saxofonist.

Ostersonntag: Zum Gedenken an den Drummer Jon Hiseman spielen Ack van Rooyen, Wolfgang Dauner und das Trio JCM. Aus London kommen Nubya Garcia (Saxphon) und Sheila Maurice-Grey (Trompete). Stuttgarts junge Jazz-Talente spielen vor Axel Kühns Ambience und dem Trio Tartaros mit Christoph Beck (Klarinette), Patrick Bebelaar (Klavier) und Bodek Janke (Schlagzeug).

Ostermontag: Die deutsche Pianistin Julia Hülsmann und der Schwede Martin Tingvall bringen ihre Trios mit.

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