Kommen wegen der Corona-Krise bald mehr Babys in Stuttgart zur Welt? Foto: dpa/Caroline Seidel

Die Zwangsnähe in der Pandemie verändert nach Experteneinschätzung das Sexleben in vielen Beziehungen. Aber bedeutet mehr Sex auch zwingend mehr Babys? Wir haben bei Experten in Stuttgart nachgefragt.

Stuttgart - Reisen werden verschoben, Konzerte finden kaum statt und gefeiert wird ebenfalls wenig. Beschäftigen können sich viele Paare während der Corona-Pandemie auch anders. „Sie haben mehr Sex“, nimmt zumindest der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger an. Die Pandemie helfe gegen die Sexmüdigkeit. Kommt es deshalb in Stuttgart und andernorts zu einem Baby-Boom – in etwa ab Ende des Jahres?

Corona-Baby-Boom – das sagen Stuttgarts Krankenhäuser

Krankenhäuser in Stuttgart liefern auf diese Frage keine eindeutigen Antworten: „Es ist einzig unser persönlicher Eindruck, da viele niedergelassene Gynäkologen äußern, dass sie aktuell sehr viele Schwangere betreuen, deren Entbindungstermin zwischen November 2020 und Februar 2021 liegt“, sagt Christiane Pötter, Pressesprecherin des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses. „Darüber hinaus melden sich aktuell viele Frauen bei uns, die Fragen zum Thema Geburt haben und deren Entbindungstermin ebenfalls zwischen November 2020 und Februar 2021 liegt.“ Wissenschaftlich belegen ließe sich diese Einschätzung aber nicht.

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Völlig anders bewertet wird die Lage zum Beispiel im Klinikum Stuttgart – mit jährlich rund 3600 Geburten eines der größten Perinatalzentren Deutschlands. „Für 2020 sehen wir keine wesentlich Änderung. Auch eine gestiegene Nachfrage nach Beratung oder vorgeburtlicher Betreuung konnten wir bisher nicht feststellen“, sagt Klinikum-Pressesprecherin Annette Seifert.

Baby-Klarheit könnte Ende November herrschen

Beschert die Corona-Pandemie Stuttgart also tatsächlich nicht mehr Babys? Wer es genau wissen müsste, ist Swantje Middeldorff von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. „Wir können aus der Abrechnung der Ärzte herausfiltern, wie viele Schwangere in einem Quartal zur Vorsorge gegangen sind. Das sind relativ verlässliche Zahlen“, sagt die Pressesprecherin. „Wir denken, dass die Zahlen aus dem dritten und vierten Quartal Aufschluss geben werden“, so die Pressesprecherin.

Klarheit herrsche somit nicht vor Ende November, bis die Zahlen ausgewertet seien. Im zweiten Quartal des laufenden Jahres ist die Zahl der von Ärzten betreuten Schwangerschaften demnach auf 95.600 Fälle eingeknickt, im zweiten Quartal des Vorjahres waren es im Vergleich dazu noch 104.747 betreute Schwangerschaften. „Nun wissen wir aber, dass generell die Anzahl der Arztbesuche wegen der Pandemie extrem zurückgegangen sind“, so Middeldorff. Daher seien vermutlich auch diese Zahlen nicht repräsentativ.

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Frauenärzte: Baby-Boom höchstens im einstelligen Bereich

In Deutschland werden laut Berufsverband der Frauenärzte (BVF) jährlich zwischen 770.000 und 800.000 Kinder geboren. Das seien etwa acht neue schwangere Frauen in jeder frauenärztlichen Praxis pro Monat. Eine leichte Zunahme an Schwangerschaften sei zwar denkbar. „Weil vielleicht Paare, die einen Kinderwunsch hatten, mehr Zeit und Gelassenheit hatten“, sagt BVF-Präsident Christian Albring. Das werde sich aber, wenn überhaupt, sicherlich nur im einstelligen Bereich bewegen. Denn andererseits kämen durch die Corona-Pandemie Paare auch in finanzielle Not, sodass sie möglicherweise den Gedanken an ihren Kinderwunsch zurückstellten, so Albring.

Für eine statistisch belastbare Aussage zu Schwangerschaften während Corona sei es noch viel zu früh, sagt auch Jutta Eichenauer, die Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Doch die bisherige Einschätzung vieler Experten und Expertinnen ist dieselbe: Es werde keinen Baby-Boom in Deutschland aufgrund der Corona-Pandemie geben.

Das Liebesleben in Zeiten der Pandemie

Dieser Meinung sind auch Hersteller von Baby-Produkten. „Tatsächlich erleben sowohl wir bei unseren Bestelleingängen als auch der Fachhandel selbst keine Auswirkungen eines möglichen Baby-Booms durch Corona“, sagt Monika Holhut vom Kinderwagen-Hersteller Gesslein. Bei myToys verzeichnet der Onlinehandel nach Unternehmensangaben in den vergangenen Monaten zwar eine stärkere Nachfrage. Dies sei jedoch eher der Verlagerung der Einkäufe in den Online-Handel als erhöhten Geburtenraten zuzuschreiben, sagt Sprecherin Katrin Schäkel.

Ob die Zahl der Schwangerschaften während der Corona-Krise nun steigt oder nicht – mehr Sex haben die Deutschen nach Annahmen des Berliner Beziehungsexperten Krüger trotzdem. „Ein enges Beisammensein gepaart mit einer gewissen Angst oder Unsicherheit fördert immer die Sexualität“, sagt Krüger. Ob es deswegen aber auch mehr Babys geben werde, kann er nicht sagen. „Wir wissen, dass es mehr Sex gibt. Aber ob der verhütet ist oder nicht – so genau wollen wir es ja dann auch nicht wissen“, sagt Krüger mit Verweis auf seine Umfrage und lacht.

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