6. April 2020: Der Krankenpfleger Janni Iakowidis gibt einer 80-jährigen Patientin Medikamente. Die Patientin hat gerade ihr positives Covid-19-Testergebnis bekommen. Sie kann sich nicht erklären, wo sie sich angesteckt hat. Weitere Bilder des Fotoprojekts gibt es in der Bildergalerie. Foto: Patrick Junker/www.patrick-junker.com

Wer in den kommenden Wochen durch Stuttgart läuft, dem werden sie ins Auge fallen: Beeindruckende Fotos der Corona-Krise auf Bildschirmen an Bahnhöfen und in der Stadt. Was hinter dem Projekt steckt.

Stuttgart - Es sind Bilder, die unter die Haut gehen – und einen noch nicht dagewesenen Blick auf den Alltag der Corona-Krise in Stuttgart werfen. Sie zeigen einen Krankenpfleger, der sich über eine 80 Jahre alte Patientin beugt und ihr Medikamente verabreicht. Die Frau hat erst kurz zuvor von ihrem positiven Corona-Testergebnis erfahren. Später sollte sich herausstellen: Sie wird das Virus nicht überleben. Eine andere Aufnahme zeigt eine ganz in Schutzmontur gehüllte Ärztin auf einem Stuhl. Ein intimer Moment der Stille vor dem Einsatz der Medizinerin auf einer Demenzstation für Senioren. Noch wackelig auf den Beinen wirkt ein älterer Mann, der nach einem schweren Krankheitsverlauf vom künstlichen Koma erwacht ist. Nach schwierigen Wochen kann er wieder erste Schritte gehen – noch gestützt von der Tochter an seiner Seite.

Intime Fotos zeigen Corona-Helden und Betroffene

Es sind ergreifende Momentaufnahmen wie diese, die der Stuttgarter Fotograf Patrick Junker während der Corona-Pandemie in Stuttgart mit seiner Kamera eingefangen hat. Seine Bilder geben einen bislang verborgenen Einblick in den persönlichen Alltag von Ärzten und Pflegern. Neben den gefeierten Helden der Corona-Krise wagt sich der 29-jährige Journalist aber auch ganz nah an die Patienten und deren Angehörige heran. Für seine Aufnahmen geht er da hin, wo es todernst wird: direkt ans Krankenbett. „Ich finde, dass wir in unserer Gesellschaft Themen wie Krankheit und Tod häufig ausklammern und den Bezug dazu verlieren. Aber es ist unsere Verantwortung, uns dem zu stellen, was auf den Intensivstationen los ist“, sagt Junker.

Anfangs habe diese Nähe Überwindung gekostet, berichtet Junker, der Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover studiert hat. „Aber ich wusste einfach, wir brauchen Bilder, die auch Patienten zeigen.“ Sein Werk versteht der mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnete Fotograf schließlich auch als historisches Zeitdokument. Dafür verbringt er über mehrere Wochen ganze Schichten mit dem Personal etwa im Stuttgarter Marienhospital, wo viele der insgesamt etwa 70 Fotos entstanden sind. Es ist kein gewöhnlicher Job – angesichts eines potenziell tödlichen Virus. „Die Gefahr ist hoch, als Fotograf ein Superspreader zu sein“, sagt Junker, der stets medizinische Schutzkleidung trug und immer auch Gefrierbeutel griffbereit hatte, um seine Kamera darin einzupacken.

Bilder sind an vielen Orten in Stuttgart zu sehen

Im Rahmen des Projekts „There is glory in prevention“ (eine Anspielung an ein Zitat des Virologen Christian Drosten, dass in Prävention wenig Ruhm liege) können Stuttgarter diese Bilder in den kommenden Wochen in der ganzen Stadt bestaunen. Ab Samstag wird zwei Wochen lang täglich ein Bild der Arbeit über die Infoscreens in 108 Bahnhöfen der Stadt gezeigt. Vom 27. bis zum 31. Oktober werden die Werke zusätzlich an fünf Orten im öffentlichen Raum auf einem großen Bildschirm präsentiert – so zum Beispiel vor dem Marienhospital, am Mailänder Platz oder auf dem Moltkeplatz. Dazu spielen Musiker der Stuttgarter Kulturszene. Wer noch mehr Bilder sehen und weitere Informationen haben möchte, wird auf einer eigens dafür kreierten Homepage fündig. Eine Zeitung zum Projekt wird kostenlos in der Stadt verteilt.

Mit seinen Bildern will Junker Mut machen – auch für eine zweite Welle der Pandemie. „Die Fotos sollen daran erinnern, was wir als Gesellschaft bis jetzt erreicht haben“, sagt der Fotograf. „Durch Solidarität und Verständnis haben wir es geschafft, dass die erste Welle der Corona-Pandemie in Deutschland vergleichsweise milde verlaufen ist.“ Mit Blick auf die kommenden Wochen und Monate soll das Projekt den Zusammenhalt stärken und einen präventiven Effekt im Fall einer zweiten Welle der Pandemie erzielen. „Mit meinen Bildern möchte ich erreichen, dass sich der Betrachter für einen kurzen Moment in die Protagonisten der Geschichten hineinversetzen kann.“ Die Fotos schaffen einen emotionalen Zugang zur Pandemie.

Wer hinter dem Projekt steht

Das Projekt findet im Rahmen des Sonderförderprogramms „Kunst trotz Abstand“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg statt. Eröffnet wird das Ganze am 23. Oktober um 18 Uhr unter der Paulinenbrücke mit einer moderierten Vernissage und einer Performance von Mitgliedern der BLOMST! gUG unter der künstlerischen Leitung der Choreografin Nina Kurzeja. Der Schauspieler Walter Sittler wird Auszüge der Gedanken und Geschichten der Porträtierten vortragen, die von der Reportergemeinschaft Zeitenspiegel aufgeschrieben wurden. Wegen der Corona-Beschränkungen sind für das Event keine freien Plätze mehr zu haben. Für alle, die trotzdem dabei sein möchten, soll unter unter diesem Link ein Livestream angeboten werden.

Das sind die Termine für die Slideshow des Fotoprojekts

Dienstag, 27. Oktober – Moltkeplatz (Schwab-/Bebelstrasse)

Mittwoch, 28. Oktober - FIZZ / AGORA (Eberhardstraße 61)

Donnerstag, 29. Oktober - Haupteingang Marienhospital

Freitag, 30. Oktober - Stiftskirche/Schillerplatz

Samstag, 31. Oktober - Mailänder Platz/Pierre-Pflimlin-Platz

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