Der Mundschutz gehört in China zum normalen Erscheinungsbild – in Europa ist er auf dem Vormarsch. Foto: dpa/Xiao Yijiu

Zu Beginn der Corona-Krise haben sich Experten in Europa überwiegend abfällig gegenüber den Schutzmasken geäußert. Das ändert sich. Mediziner in Asien haben die Gesichtsmasken schon immer empfohlen.

Stuttgart - Die Halbwertszeit von manch einer Stellungnahme ist im Zeitalter von Corona ziemlich gering geworden. Es war Ende Januar, da war der Hallenser Virologe Alexander Kekulé bei Sandra Maischberger zu Gast. „Panisch Schutzmasken zu kaufen ist völlig irrational. Außer sie wollen nach Wuhan reisen“, sagte er da. Am Donnerstag, gerade zwei Monate später, war Kekulé bei Markus Lanz. „Immer wenn sie in einem geschlossenen Raum näher als zwei Meter an einen anderen Menschen herankommen, brauchen sie eine Maske“, sagte der Virologe. Auch Kekulès Berliner Kollege Christian Drosten hat seine anfängliche Zurückhaltung gegenüber der Schutzwirkung von Masken weitgehend aufgegeben.

Ärztekammer empfiehlt Marke Eigenbau

Der Faktor Zeit dient nur ein Stück weit zur Ehrenrettung der Wissenschaftler. Ende Januar war die Wahrscheinlichkeit, in einem deutschen Supermarkt auf einen Corona-Patienten zu treffen, ähnlich groß wie das dortige Angebot an Schuppentieren und Fledermäusen in den Regalen. Doch es scheint einen Mentalitätswechsel zu geben. In den ersten zwei Monaten des Jahres fanden sich dutzendweise Wissenschaftler, Apotheker und Ärzte, die bereitwillig erklärten, wie unsinnig es sei, Schutzmasken zu kaufen. Diese Stimmen sind weitgehend verstummt. Inzwischen sagt Klaus Reinhardt, Präsident der deutschen Ärztekammer: „Besorgen Sie sich einfache Schutzmasken oder basteln Sie sich selbst welche und tragen Sie diese im öffentlichen Raum.“ Auch wenn diese nicht perfekt seien, so seien sie doch „besser als nichts“.

Nach dieser Devise agiert man in weiten Teilen Asiens schon lange. Mehr als fünf Milliarden Mundschutzmasken sind in Japan im Jahr 2019 über die Ladentheken gegangen, lange vor Corona. In Japan wie in China lernen schon Kinder, dass man andere schützt und eine Maske trägt, wenn man selbst erkrankt ist. Inzwischen kommt der Schutz vor Ansteckung hinzu: Wer jetzt in China zur Arbeit geht, der hat meist einen Anspruch darauf, vom Arbeitgeber eine Maske zu bekommen.

Erst die Mediziner, dann aber alle

Den Unterschied der Kulturen kennt eine Gruppe chinesischstämmiger Wissenschaftler aus Großbritannien so gut wie wenige andere. Dieser Tage haben sie die unterschiedlichen internationalen Empfehlungen zum Umgang mit dem Mundschutz untersucht und im renommierten Fachmagazin Lancet Respiratory Medicine veröffentlicht. Klare Empfehlungen zum Tragen in Asien, deutliche Zurückhaltung in Europa und den USA, so ihre Zusammenschau.

Ihr Tipp: Da Erkrankte mit der Maske vermeiden können, andere Menschen anzustecken, und Covid-19 schon von scheinbar Gesunden übertragen werden kann, „sollte die universelle Verwendung von Masken in Betracht gezogen werden, wenn die Lieferung dies zulasse“, empfehlen die Wissenschaftler. Bis dahin, so die ebenso klare Aussage, seien medizinisches Personal, Alte und gefährdete Personen zuerst mit Masken auszustatten. Denn die Lieferung bleibt ein Problem, egal ob es sich um Atemschutzmasken mit Filterfunktion oder um einfachere OP-Masken handelt.

Masken tragen ist nicht die einzige Empfehlung, die chinesische Ärzte offensiver propagieren als deutsche Kollegen. Handy desinfizieren, Einkäufe säubern und Kleidung möglichst vor der Wohnungstür wechseln gehören auch dazu.

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