Matthias Strackbein, Jörg Albrecht und Fritz Lang (v. l.) – zusammen das Trio „Streetlife Serenaders“ – beim Jubiläumskonzert. Foto: Elke Hauptmann

Seit dem 22. März kommen Anwohner der Kappelbergstraße jeden Abend zum gemeinsamen Singen zusammen. Jetzt fand das 50. Corona-Nachbarschaftskonzert statt.

Untertürkheim - S ie stehen am Zaun, sitzen auf den Stufen ihres Hauseingangs, haben es sich auf Stühlen im Garten bequem gemacht oder schauen aus den Fenstern. Sie wippen im Takt, singen mit, klatschen Beifall. So geht das jeden Abend seit dem 22. März in der kleinen Reihenhaussiedlung auf dem früheren Gärtnereigelände Klemm. Am vergangenen Sonntag haben Anwohner der Kappelbergstraße sich zum 50. Corona-Kurzkonzert zusammengefunden – wie immer mit gebührendem Abstand. „Dennoch sind wir uns in dieser Zeit nähergekommen“, sagt Roger Christof, der in Hausnummer 75 wohnt.

Über die „gelebte Nachbarschaft“ freut sich auch Matthias Strackbein aus Hausnummer 87, der „musikalische Kopf“ der Aktion. Auslöser sei der Aufruf der Evanglischen Kirche gewesen, gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen oder zu musizieren, erzählt der leidenschaftliche Musiker, der Mitglied im Untertürkheimer Gospelchors go4gospel ist. Da Proben und Auftritte aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden können und der Daimler-Mitarbeiter im Homeoffice eine kleine Abwechslung suchte, machte er kurzerhand seine Terrasse zur Bühne und sang, die Gitarre vor dem Bauch, über den Gartenzaun hinweg. Schnell fanden sich Mitstreiter. „So hat sich das Ganze entwickelt.“ Seither treffen sich zwischen 15 und 25 Nachbarn regelmäßig, um zwei, drei Lieder unterschiedlicher Genres zu singen.

Ein festes Ritual

Per Whatsapp-Gruppe haben alle die Texte für mehrere Dutzend Songs erhalten. Gesungen wird, was gewünscht wird. Nur der Schluss ist immer gleich. „Das ist ein lieb gewordenes Ritual“, sagen Christof und Strackbein: Gemeinsam stimmen sie „Gute Nacht Freunde“ von Reinhard Mey an – im Original, mit einem selbst verfassten Text oder auch in anderen Sprachen. „Die Nachbarschaft ist international.“ Am letzten Sonntag zum Beispiel traten Willi Döpfert und seine Tochter Marianne ans Mikrofon und trugen eine niederländische Version vor.

Zuvor hatten Matthias Strackbein und seine Chorfreunde Fritz Lang und Jörg Albrecht fast eine Stunde lang die Anwohner mit Country und Softrock unterhalten – nachdem sie bereits am Nachmittag als Trio „Streetlife Serenaders“ vor der Seniorenwohnanlage Paul-Collmer-Haus musizierten. „Das 50. Konzert sollte etwas Besonderes werden“, sagt Strackbein und etwas Wehmut schwingt in seinen Worten mit: Ab dieser Woche wird nämlich nicht mehr jeden Abend, sondern nur noch mittwochs und sonntags gesungen. Mit Blick auf die Lockerungen räumt er ein: „So langsam holt uns der Alltag wieder ein.“ Die gute Nachbarschaft aber werde bestehen bleiben, sind sich alle einig.

Ständchen von CVJM-Posaunenchor

Es erklingt übrigens auch an anderen Stellen im Stadtbezirk regelmäßig Musik. Der Posaunenchor des CVJM Untertürkheim, der 30 Mitglieder zählt, bringt seit Ostern jeden Tag in unterschiedlichen Besetzungen ein Ständchen für die Anwohner, „weil Musizieren verbindet und gut tut“, berichtet Adolf Graf. „In Kleinstgruppen von zwei bis maximal vier Bläsern musizieren wir meist abends an verschiedenen Plätzen.“ Einer jener Orte sei zum Beispiel der Garten der Familie Warth hinter dem CVJM-Vereinshaus in der Strümpfelbacher Straße, aber auch in der Sattelstraße und in der Goldbergstraße spielen die Musiker ab 19.30 Uhr etwa 15 Minuten lang „querbeet“ aus ihrem Repertoire, vor allem Choräle und Volkslieder. Den Anwohnern scheint es zu gefallen, „das zeigen die Beifallsbekundungen“, meint Graf. Die Bläser wollen ihre Aktion so lange fortführen, bis wieder Gruppenaktivitäten erlaubt sind.

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