Die Sommerferien begannen in Stuttgart 1942 teilweise schon Anfang Juli. Weitere Eindrücke aus diesem Jahr zeigt die Bildergalerie. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Unsere Chronik schildert, wie das Jahr 1942 für die Stuttgarter Bevölkerung verlief. Für einige Schüler begannen die Sommerferien schon Anfang Juli – allerdings aus einem eher unschönen Grund. Wirklich frei hatten ohnehin die Wenigsten.

Stuttgart - Unser Geschichtsprojekt „Stuttgart 1942“ spürt dem Leben und Alltag der Stuttgarter Bevölkerung in diesem Jahr nach. In der „Chronik der Stadt Stuttgart 1933 bis 1945“ sind die wichtigsten Ereignisse aus zwölf Jahren Naziherrschaft verzeichnet. Aus dieser Veröffentlichung des Stadtarchivs Stuttgart greifen wir Woche für Woche jene Ereignisse heraus, die nach unserer Einschätzung das Leben in dieser Zeit anschaulich beschreiben.

29. Juni bis 5. Juli

Die Mangelversorgung erfasst Ende Juni 1942 auch das Uhrmachergewerbe. Der Zeitung ist zu entnehmen, dass künftig bestimmte Gruppen ihre Uhren bevorzugt (beziehungsweise überhaupt) reparieren lassen dürfen. Dazu zählen Wecker der Mitarbeiter von Post, Bahn und Schifffahrt sowie von Rüstungsarbeitern und Kriegsversehrten. Soldaten und Rot-Kreuz-Schwestern dürfen darauf hoffen, dass ihre Taschen- und Armbanduhren repariert werden. Händler sind bei Strafandrohung dazu verpflichtet, den Status ihrer Kunden zu prüfen.

Zu einer Geldstrafe ist eine Händlerin verurteilt worden, die zwei Soldatenfrauen keine Orangen verkaufen wollte – weil diese nicht zu ihrer Stammkundschaft gehören. Immer wieder wird 1942 über das Problem diskutiert, dass bestimmte Händler nur bestimmten Kunden ihre meist knappe Ware verkaufen.

Am 4. Juli beginnen die Sommerferien – aber nur für jene Schüler, bei denen wegen Kohlemangels der Unterricht im Winter für maximal vier Wochen ausgefallen ist. Schüler mit längerem Unterrichtsausfall dürfen erst am 18. Juli in die Ferien – in denen zahlreiche Schüler zu Ernteeinsätzen aufs Land geschickt werden.

22. bis 28. Juni: kein Eis für Jugendliche

Am 22. Juni trifft in Stuttgart der zweite Sonderzug mit Deutschen ein, die Amerika infolge der Kriegserklärung verlassen mussten.

Die Versorgung der Bevölkerung ist immer wieder ein Thema. Durch zwei neue Bestimmungen wird sie nicht erleichtert. So sprechen sich die Eingesetzten Beiräte für Frauenangelegenheiten dafür aus, „Kleinverbraucher“ nicht mehr in die Markthalle einzulassen – um den Ärger zu vermeiden, der bei der (bevorzugten) „Bedienung sogenannter Stammkundschaft“ entstehe, so ein Zeitungsbericht.

Unbegleitete Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nach einem Verbot des Innenministeriums zudem kein Speiseeis mehr kaufen.

15. bis 21. Juni: das Schillerdenkmal wird abgebaut

Mitte Juni wird in den Stuttgarter Zeitungen verkündet, dass alle jüdischen Schulen in Deutschland geschlossen werden. Zwei Wochen später schließt die jüdische Schule im Hospitalviertel endgültig.

410 Staatsbürger treffen am Hauptbahnhof ein. Sie waren im Austausch gegen amerikanische Staatsbürger zunächst nach Lissabon gebracht worden und erhalten im Stadtgartensaal (heute Universitätsgelände) einen prunkvollen Empfang. Stuttgart trägt im Dritten Reich den Titel „Stadt der Auslandsdeutschen“.

In dieser Woche wird außerdem das Schillerdenkmal am Schillerplatz abgebaut – aus Angst vor einer Zerstörung im sich andeutenden Luftkrieg. Das Denkmal wird im Wagenburgtunnel eingelagert und übersteht den Krieg unbeschädigt.

Die Müllabfuhr kommt auch wegen des kriegsbedingten Personalmangels fortan nur noch einmal die Woche. Auch bei der Lebensmittelversorgung muss sich die Bevölkerung umstellen: Erzeuger dürfen Obst und Gemüse nicht mehr direkt verkaufen, sondern bei Sammelstellen abliefern. Von dort wird sie per Verbraucherausweis an die Bürgerinnen und Bürger verteilt.

In Bad Cannstatt findet derweil das sechste Mozartfest statt. Musiziert wird unter anderem im Kurpark und in Schloss Rosenstein.

8. bis 14. Juni: Umgang mit dem Tod

Viele Männer sind im Krieg – was ist, wenn sie fallen? Die Frauen gefallener Soldaten können eine Namensänderung beantragen. Der Mädchenname kann mit einem Bindestrich an den Namen des Mannes angefügt werden.

Zudem stellt sich die Frage nach Trauerkleidung. Ausschließlich Ehegatten oder Eltern des Verstorbenen erhalten entsprechende Kleidungsstücke. ohne dass dies auf die Kleiderkarte angerechnet wird – auch bei Bekleidung hat der Staat längst auf Planwirtschaft umgestellt. Geschwister von Verstorbenen erhalten nur dann eine Trauerkleidung, wenn sie mit dem oder der Verstorbenen im selben Haushalt gelebt haben.

Derweil erklären die Stuttgarter Straßenbahnen, dass Fahrräder nun endgültig von der Beförderung ausgeschlossen sind. Dies gelte mindestens bis Kriegsende.

1. bis 7. Juni: Sparen und Metall spenden

Anfang Juni ist der Krieg weiter im Alltag der Stuttgarter Bevölkerung präsent. Der Umfang der Stuttgarter Zeitungen wird reduziert – „aus kriegswirtschaftlichen Gründen“, wie es in der Zeitung heißt. Zudem wird wie davor schon Christi Himmelfahrt auch das Fronleichnamsfest vom Donnerstag auf den nachfolgenden Sonntag verlegt, um einen zusätzlichen Arbeitstag zu gewinnen.

Das städtische Wirtschaftsamt fordert die Bevölkerung indes erneut auf, Kupferdächer und Gebäudeteile aus Kupfer zu melden. Neben Kirchenglocken sollen auch Metalle aus Privathaushalten für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden.

Um der Wohnungsnot Herr zu werden, schafft die Stadt weitere Altersheimplätze. Rund 200 ältere Menschen sind zwischen 1939 und Frühjahr 1942 aus ihrer Wohnung in ein Altersheim gezogen.

25. bis 31. Mai: Sport und Ernteeinsatz

Ende Mai 1942 geht es in der vom Staat gelenkten Zeitung „NS-Kurier“ mehrfach um Jugendliche. Ein wichtiges Thema: die vierwöchigen Ernteeinsätze auf Höfen in Württemberg, zu denen Schülerinnen und Schüler im Alter von etwa 15 bis 17 Jahren eingeteilt sind. Weil auf dem Land Arbeitskräfte fehlen, müssen Jugendliche aushelfen.

„Die Arbeit beim Bauern richtet sich nach der körperlichen Einsatzfähigkeit“, heißt es im „NS-Kurier“. Zudem werde die Unterbringung der Jugendlichen kontrolliert – ob es „gute Waschgelegenheiten“ gebe und ob wie vorgeschrieben Jungen und Mädchen getrennt untergebracht seien und zudem nicht mit „ausländischen Arbeitskräften“ ein Quartier teilen, also beispielsweise Zwangsarbeitern. Um die Verpflegung kümmere sich der jeweilige Landwirt, man esse auch am gleichen Tisch wie die Bauersfamilie. Dennoch ist manchen Eltern offenkundig mulmig bei der Sache, sonst würde in der Zeitung nicht darauf hingewiesen, „dass die Eltern beruhigt sein können“.

Zugleich finden am letzten Maiwochenende die deutschlandweiten „Reichssportwettkämpfe“ der Hitlerjugend (HJ) statt, bei denen das „Reichssportabzeichen“ errungen werden konnte. Allerdings nehmen an diesem Mannschaftswettbewerb trotz erheblichen Drucks auf die HJ-Ortsgruppen schließlich nur etwas mehr als die Hälfte der infrage kommenden HJ-Mitglieder teil – auch das eine Folge des Krieges.

18. bis 24. Mai: Boxkampf in der Stadthalle – wohin mit 10 000 Arbeitern?

Die Frühjahrsschau des Künstlerbunds Stuttgart wird eröffnet. Der Vorsitzende Zeitler würdigt die Bedeutung Stuttgarts als Kunststadt. In der Förderung künstlerischer Arbeit stehe die Stadt mit an erster Stelle im Reich, sagt Zeitler. Oberbürgermeister Strölin stiftet zehn Künstlern die Reise- und Aufenthaltskosten eines dreitägigen Besuchs der „Großen Deutschen Kunstaustellung“ in München.

Der Reichserziehungsminister Bernhard Rust veröffentlicht reichsweite Richtlinien zur Versetzung von Schülern höherer Schulen. In die nächste Klasse kommen demnach nur Schüler, die den allgemeinen Anforderungen genügen und Leistungsbereitschaft sowie Mitarbeit zeigen. Wer in Deutsch und Geschichte gleichzeitig „versagt“, werde nicht versetzt.

Derweil diskutieren die Technischen Beiräte über die Unterbringung von weiteren 10 000 ausländischen Arbeitern in Stuttgart – möglicherweise Zwangsarbeiter. Für Reparaturen, die nach Kriegsende anfallen, strebt der Haus- und Grundbesitzerverein eine steuerfreie Rücklage an, da auch im vergangenen Jahr die Senkung der Hypothekenzinsen angehalten hat.

In der Stuttgarter Stadthalle in der Neckarstraße findet ein wichtiger Boxkampf statt. Neuer Europameister im Mittelgewicht der Berufsboxer ist Jupp Besselmann aus Köln. Er gewinnt nach Punkten gegen den Italiener Mario Casadei. Wo damals die Stadthalle stand, hat heute der SWR im Funkhaus seinen Sitz.

11. bis 17. Mai: Der Feiertag entfällt – Stadtlauf mit 700 Teilnehmern

Für die Opfer des Luftangriffs vom 5. Mai findet die Beisetzungsfeier in der Horst-Wessel-Turnhalle in Zuffenhausen statt. Der Kreisschulungsleiter Hilburger zitiert in seiner Ansprache die Hitlerworte: „In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinns“.

Die Versorgungslage spitzt sich zu. Verbraucher können nur etwa ein Fünftel ihres Bedarfs an Gemüse decken. Der Oberbürgermeister Karl Strölin bittet den Polizeipräsidenten und örtlichen Luftschutzleiter um Verbesserung der Vernebelungseinrichtungen. Diese wurden im Neckartal eingerichtet, um vor Luftangriffen zu schützen. Nach einem missglückten Vernebelungsversuch vom 10. April seien etwa 300 Schadensersatzansprüche von Gemüse- und Obstbauern zu erwarten, sagt OB Strölin.

Der Feiertag Christi Himmelfahrt wird von Donnerstag auf Sonntag verschoben, um unter der Woche notwendige Produktionen für den Krieg aufrecht zu erhalten.

Schülern ist ab sofort der Eintritt in das Cannstatter Mineral-Schwimmbad wegen Überfüllung an Samstagnachmittagen untersagt. Zu dieser Zeit besuchen viele Arbeiter der Rüstungsindustrie das Schwimmbad. Hinzu kommen Luftschutzmaßnahmen, die getroffen werden sollen, für den städtischen Besitz wie Brunnen und Denkmäler, für Gebäude der Kirchengemeinde und für staatliche Gebäude wie die Staatsgalerie und den Hauptbahnhof.

Der Volksdeutsche Schrifttumspreis der Stadt der Auslandsdeutschen Stuttgart wird an Egon Rakette für seinen Roman „Planwagen“ verliehen. Wilhelm Kempff spielt in der Liederhalle und rund 700 Läufer treten beim Stuttgarter Stadtlauf an. Außerdem findet ein Amateurstraßenrennen rund um Stuttgart statt.

4. bis 10. Mai: Der erste schwere Bombenangriff

Bomben des vierten Luftangriffs fallen am 5. Mai auf Stuttgart, sie treffen die Stadtbezirke Zuffenhausen und Bad Cannstatt. 13 Menschen kommen ums Leben, 37 werden verletzt. Oberbürgermeister Karl Strölin sagt, dieser Angriff sei der Beweis, dass feindliche Bomber durchaus die Stadt Stuttgart orten können und deshalb mit weiteren Luftangriffen gerechnet werden müsse.

Aus rund 36 000 Betrieben werden zehn neu als Musterbetriebe und 70 mit dem Gaudiplom für hervorragende Leistungen in der Arbeitskammer Württemberg ausgezeichnet. Dieses Abzeichen verleiht die Deutsche Arbeiterfront, um den Ausbildungsablauf, die Ausbilder und die Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend zu würdigen.

Fritz Mader, Gauwart der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, wird Professor an der Akademie der bildenden Künste. In der Stadthalle singen rund 3000 Mitglieder des Schwäbischen Sängerbundes für das Deutsche Rote Kreuz.

Im ersten Spiel der Vorrunde zur deutschen Fußballmeisterschaft scheiden die Stuttgarter Kickers gegen die SS-Sportgemeinschaft Straßburg mit einer 0:2 Niederlage aus.

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