Selbst dem Propheten kamen die Tränen: eine Frau zeigt im Januar 2015 vor einer Gedenkstätte in der Nähe der Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris das Titelbild der ersten Ausgabe nach den Anschlägen. Foto: picture alliance / dpa/Ian Langsdon

Nach wiederholten Mord- und Anschlagsdrohungen feiert „Charlie Hebdo“ einen runden Geburtstag: Am Montag vor 50 Jahren erschien die erste Ausgabe der französischen Satirezeitung.

Paris - „Also, Komiker: Braucht ihr noch mal 50 Jahre, um euch locker zu machen?“ ist die Jubiläumsausgabe von „Charlie Hebdo“ überschrieben, die derzeit an Frankreichs Kiosken ausliegt. Auf dem Titelbild lachen ein Imam, ein Bischof und ein Rabbiner bei der Lektüre der Satirezeitung Tränen.

Mit seiner Karikatur spielt Redaktionsleiter Laurent Sourisseau alias „Riss“ auf den Streit um die Meinungsfreiheit an, der in Frankreich nach den jüngsten Anschlägen in Nizza und Paris neu entbrannt ist. Nicht nur Muslime, sondern auch Vertreter der katholischen Kirche kritisierten danach das Recht auf Blasphemie, das in Frankreich anders als in Deutschland gilt.

Proteste in muslimisch geprägten Ländern

„Charlie Hebdo“ hatte das Recht auf Gotteslästerung Anfang September erneut genutzt und die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt. In einigen muslimisch geprägten Ländern führte dies zu scharfen Protesten: Die Satirezeitung verletze „die Gefühle von Milliarden von Muslimen“, empörte sich etwa Pakistans Außenminister Shah Mahmood Qureshi. Das Terrornetzwerk Al-Kaida drohte mit einem Anschlag. Ende September verletzte dann ein 25-jähriger Pakistaner vor dem früheren Sitz von „Charlie Hebdo“ in Paris zwei Menschen schwer mit einem Hackmesser.

„Charlie Hebdo“ hatte die Karikaturen anlässlich des Prozesses um den Anschlag vom 7. Januar 2015 neu veröffentlicht. Vor Gericht müssen sich seit Anfang September 14 mutmaßliche Helfer des islamistischen Brüderpaars verantworten, das vor knapp sechs Jahren die Redaktion überfiel und zwölf Menschen ermordete – darunter mit Charb, Honoré und Wolinski einige der bekanntesten französischen Karikaturisten. Die Redaktion wird jeden Tag neu an den Überfall erinnert, wie Leiter Riss einmal sagte. Denn seitdem muss sie unter Polizeischutz an einem geheimen Ort arbeiten.

Beispiellose Welle der Solidarität

„Ich bin Charlie“ (Je suis Charlie) – dieses Bekenntnis ging nach dem Anschlag von 2015um die Welt. Die Auflage der Satirezeitung schnellte in die Höhe. Alleine die Ausgabe vom 14. Januar 2015, die einen weinenden Propheten Mohammed auf dem Titel zeigte, verkaufte sich acht Millionen Mal weltweit. Zeitweise gab es sogar eine deutsche Ausgabe, die mangels Lesern aber Ende 2017 wieder eingestellt wurde.

Seitdem ist die Auflage wieder stark rückläufig. Seit 2018 wurden im Schnitt jährlich rund 25 000 Exemplare von „Charlie Hebdo“ am Kiosk verkauft, bei  30 000 Abonnenten.

Die weltweite Solidarität im Kampf um die Meinungsfreiheit ist nach Ansicht von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron inzwischen deutlich abgeebbt. Nach der Ermordung eines Geschichtslehrers bei Paris und den Anschlag in einer Kirche in Nizza mit drei Toten seien „viele Beileidsbekundungen bescheiden“ ausgefallen, kritisierte er. Nach dem Angriff auf „Charlie Hebdo“ sei hingegen die ganze Welt in Paris aufmarschiert, betonte er mit Verweis auf den Trauermarsch, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnahm.

Der Kampf geht weiter

Dennoch tritt die Satirezeitung auch im 50. Jahr ihres Bestehens für die Meinungs- und Pressefreiheit ein: „Wir werden uns niemals zur Ruhe legen“ , versprach Redaktionsleiter Riss jüngst.

Erstmals war „Charlie Hebdo“ am 23. November 1970 erschienen. Die Zeitung folgte auf das Satire-Magazin „Hara Kiri“, das nach einem ironischen Titel zum Tod des früheren Präsidenten Charles de Gaulle verboten worden war. Das „Charlie“ im Namen verweist auf die Comicfigur Charlie Brown von den Peanuts, „Hebdo“ ist die Abkürzung für Wochenzeitung (hebdomadaire).

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