Im Dachgeschoss des Opernhauses steht veraltete Bühnentechnik. Eine Sanierung des über 100 Jahre alten Gebäudes ist dringend fällig. Foto: dpa - dpa

Im Stuttgarter Rathaus tauschte man sich erstmals über die Kosten von rund einer Milliarde Euro für das Sanierungskonzept aus. Die CDU liebäugelt mit einem Neubau im Rosensteinviertel.

StuttgartErste Wortmeldungen nach der Vorlage einer Machbarkeitsstudie und einer genaueren Kostenschätzung im Verwaltungsrat der Staatstheater ließen vermuten: Das von OB Fritz Kuhn (Grüne) und dem Land verfolgte Konzept fürs Opernhaus wird heftig diskutiert werden. Es ging dann aber alles in allem recht sachlich zu, als sich der Ausschuss für Technik und Stadtentwicklung am Dienstag ausgiebig mit der Thematik befasste.

Müsste der Gemeinderat jetzt über das Konzept – Opern-Interim im Nordbahnhofviertel, Sanierung und Umbauten am Eckensee für insgesamt etwa eine Milliarde Euro – abstimmen, würde es nicht reichen. Die Grünen feierten zwar eine „super Lösung“ (Andreas Winter), die Liberalen waren ziemlich zufrieden, und die Freien Wähler erkannten bei dem Vorschlag „Substanz“ (Jürgen Zeeb). Im Gemeinderat wären mit diesen Fraktionen und dem OB aber erst 26 von 61 Stimmen gesichert. Grund: CDU, SPD und das Linksbündnis wollen Alternativlösungen zumindest jetzt noch nicht abhaken. Sie liebäugeln mit einem Neubau oder einer Interimsspielstätte, die später als Konzerthaus genutzt werden könnte. Die Option, ein übergroßes Kulissengebäude durch weitere Auslagerungen nach Cannstatt zu vermeiden, fand breiten Zuspruch.

Verwaltung: Neubau noch teurer

Ein Opernneubau im Rosensteinviertel wurde von der Stadtverwaltung verworfen. Peter Holzer vom Hochbauamt nannte nun Details. Wegen Stuttgart 21 könnte der Bau frühestens 2029 begonnen, etwa 2034 beendet werden. Das neue Opernhaus würde geschätzt 642 Millionen Euro kosten, die Sanierung des Littmann-Baus etwa 493 Millionen Euro, weil man bei der Variante auf die Kreuzbühne (20 Millionen) und eine besonders aufwendige Bühnentechnik (zehn Millionen) verzichten könnte. Unterm Strich rede man von 1,24 bis 1,4 Milliarden Euro, wobei eine Preissteigerung von drei Prozent pro Jahr eingerechnet wurde.

Zur Idee von Hybridbauten, die erst Interimsoper und nachher dauerhaft Konzerthaus wären, sagte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne): „Wir zweifeln grundsätzlich an der Eignung von Hybridbauten.“ Das seien Mehrzweckhallen, die weder den Qualitätsansprüchen an Opernhäuser noch an Konzerthäuser dauerhaft gerecht würden. Deswegen wolle die Verwaltung ein Opern-Interim und „eine Philharmonie ohne Kompromisse“.

CDU-Fraktionschef Alexander Kotz sagte, er habe in der Sitzung „kein K-o.-Kriterium für einen Plan B gehört“. Wenn man ein bleibendes Opernhaus im Rosensteinviertel baue und ein Interim vermeide, gebe man zwar bis zu 1,4 Milliarden Euro aus, dafür habe man aber auch ein weiteres dauerhaftes Gebäude und eine neue „Landmark“. Falls das Konzept von OB Fritz Kuhn weiterverfolgt wird, will die CDU den städtischen Aufwand (ohne die Kosten für eine Interimsspielstätte) auf 300 Millionen Euro zur Zeit der Umsetzung begrenzen, was zusammen mit dem Geld vom Land mindestens 600 Millionen Euro wären; das aber grenze das Bauprogramm ein. Dieser Kostendeckel stieß bei der SPD und SÖS auf Skepsis bis Ablehnung. SPD-Chef Martin Körner sagte, das vorliegende Konzept überzeuge nicht, was die notwendige Aufwertung des Gebhard-Müller-Platzes und den Ersatzstandort für die dortige Schulturnhalle, die einem größeren Kulissengebäude weichen müsste, angehe. Kuhn müsse sagen, welche Kultureinrichtung er in der Königstraße wolle. Körners Fazit: „Bei solchen Summen muss über das rein Kulturpolitische hinaus für die gesamte Stadtgesellschaft etwas herauskommen.“ Deborah Köngeter (Puls) sieht sich durch die hohe Summen in einen Erklärungszwang gegenüber einem Teil ihrer Wähler gebracht. Sie brauche keinen neuen Leuchtturm. Der Littmann-Bau sei der Leuchtturm. Wie man abstimmen werde, wisse man noch nicht.

Kaum Chancen für Bürgerentscheid

Dass die in Rede stehenden Grundstücke für ein Interim- und späteres Konzerthaus in der Königstraße oder am Gebhard-Müller-Platz zu klein seien, sei nur eine vage Behauptung, meinte der Verein Aufbruch nach der Sitzung. Das müsse von unabhängiger Seite profund geprüft werden. Was die Verwaltung so vehement verteidige, bringe dem Kulturquartier und anderen Gruppen als dem Opernpublikum keine Verbesserung. Und wie sieht es mit der Bürgerbeteiligung aus? Zumindest für einen Bürgerentscheid sind die Chancen schlecht. Die Grünen waren schon dagegen. Nun sagte auch Deborah Köngeter von Puls, ein Bürgerentscheid sei „sachlich nicht zu führen“, eine Infoveranstaltung im Opernhaus aber wünschenswert. Die CDU nannte eine Bürgerbefragung „in dem Fall keine gute Antwort“. Hier dürfe sich die Politik nicht wegducken. Auch der Verein Aufbruch will einem Bürgerentscheid „nicht das Wort reden“. Ein Alleingang der Politik wäre bei den Kosten aber nicht akzeptabel.

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