Am Tatort bei Sinsheim erinnert nur noch ein Handschuh an das Verbrechen. Foto: imago images/Einsatz-Report24/Julian Buchner

In Sinsheim steht ein 14-Jähriger unter Verdacht, aus Eifersucht einen anderen Jugendlichen getötet zu haben. Der Festgenommene hat bereits im November einen schweren Messerangriff unternommen – das wirft Fragen auf, wie es jetzt so weit kommen konnte.

Sinsheim - Am Morgen nach der Tat deutet nur noch ein blauer Gummihandschuh von Polizei oder Rettungsdienst am Wegesrand darauf hin, welche Szenen sich am Mittwochnachmittag am Waldrand in Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis) ereignet haben. Ein Sinnbild für ein Verbrechen, das ganz Deutschland schockiert. Auf diesem Feldweg soll ein 14-Jähriger einen 13-Jährigen brutal ermordet haben. Aus Eifersucht.

Nach Informationen unserer Zeitung aus Polizeikreisen soll ein Streit um ein Mädchen Auslöser für die Tat gewesen sein. Demnach war die gerade einmal Zwölfjährige früher offenbar mit dem mutmaßlichen Täter und jetzt mit dem Opfer zusammen. Der 14-Jährige soll seinen Kontrahenten, der ebenso wie er selbst einen türkischen Migrationshintergrund und die doppelte Staatsbürgerschaft hat, an den Tatort oberhalb eines Bolzplatzes gelockt haben.

Siegfried Kollmar von der Mannheimer Polizei hat in seiner Karriere schon in vielen Mordfällen ermittelt. In diesem Fall muss aber sogar er schlucken. Das junge Alter aller Beteiligter mache die Sache „besonders brutal“, sagt der Polizeivizepräsident bei einer eilends einberufenen Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag.

Welche Rolle spielt das Mädchen?

Nachdem der 13-Jährige zu einem Treffpunkt am Waldrand gelockt worden sei, seien die Beteiligten zusammen ein Stück gegangen, führt Kollmar aus. Nach einer „gewissen Wegstrecke“ soll der 14-Jährige dann auf sein Opfer eingestochen haben. Vermutlich habe es einen kurzen Kampf gegeben. Um wie viele Stiche es geht, sagt der Kripo-Beamte nicht. Die Ermittler gehen deshalb von einer gezielten Tat aus, weil der 14-Jährige ein Küchenmesser zu dem Treffen mitgenommen habe.

„Wir haben noch viel zu ermitteln“, sagt Kollmar. Man warte noch auf das schriftliche Ergebnis der Obduktion, Handys würden ausgewertet. Der mutmaßliche Täter habe bislang geschwiegen. Nachdem der Notruf am Mittwoch um 16.08 Uhr bei der Polizei eingegangen war, griffen Polizisten den 14-Jährigen jedoch am Tatort auf. „Er hatte Blutantragungen an seiner Kleidung“, sagt Kollmar. Außerdem hatte er das Küchenmesser noch in der Hand.

Offen ist, welche Rolle das Mädchen bei der Tat gespielt hat. Laut den Ermittlern ist die Zwölfjährige offenbar dabei gewesen. Sie wurde auch gemeinsam mit dem mutmaßlichen Täter am Tatort vorgefunden. Jetzt wird untersucht, ob sie von möglichen Tatplänen wusste oder arglos in die Situation hineingezogen worden ist.

Schwerer Messerangriff schon im November

Doch wer ist der 14-Jährige? Bei der Polizei jedenfalls kein Unbekannter. Der Jugendliche ist bereits mit einer ähnlichen Tat auffällig geworden und sollte deshalb eigentlich in einer geschlossenen Jugendeinrichtung untergebracht sein. Das bestätigten Ermittler unserer Zeitung. Demnach handelt es sich um den Jugendlichen, der im vergangenen November an einer Realschule in Östringen (Kreis Karlsruhe) mehrfach auf den Oberkörper eines Mitschülers eingestochen hatte. Damals war laut Polizei ein monatelanger Streit zwischen den beiden damals 13-Jährigen eskaliert. Einem Lehrer war es schließlich gelungen, den Täter in ein Klassenzimmer zu locken und dort einzusperren. Der Jugendliche war damals noch nicht strafmündig. Das Opfer überlebte den Angriff schwer verletzt.

Ein psychiatrischer Gutachter hatte nach der Tat die Unterbringung des Jungen in einer geschlossenen Jugendeinrichtung dringend empfohlen. Und dort war er zunächst offenbar auch gelandet. Laut einem Sprecher des Rhein-Neckar-Kreises hat der 14-Jährige nach der Tat im November mehrere Wochen in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie verbracht und dort auch ein Antiaggressionstraining begonnen. Auch seine Familie sei vom Jugendamt betreut worden. Die Polizei hatte laut Angaben aus Ermittlerkreisen dem Jugendamt des Rhein-Neckar-Kreises mehrfach empfohlen, den Jugendlichen engmaschig zu überwachen.

Warum der Jugendliche jetzt aber wieder frei gewesen ist und die neuerliche Tat begehen konnte, müssen die Behörden erst noch klären. Fest steht, dass ein Familiengericht vor wenigen Wochen ein Unterbringungsverfahren eröffnet hatte. Aber: „Da ist nichts weiter passiert“, sagt Staatsanwalt Andreas Herrgen jetzt bei der Pressekonferenz.

Kritik an den Behörden

Deshalb kommt nun Kritik auf – verbunden mit der Frage, ob die Tat zu verhindern gewesen wäre. „Leider ignorieren Behörden viel zu oft die Hinweise und Ermittlungsergebnisse der Polizei, so dass es zu solchen Taten kommt. Das mag an der Überlastung gerade von Jugendämtern liegen. Das ändert aber nichts an den manchmal schrecklichen Folgen wie in diesem Fall“, sagt der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Ralf Kusterer unserer Zeitung. Auch die Eltern würden zu häufig alleingelassen.

Der 14-Jährige sitzt nun in Untersuchungshaft. Dem Jugendlichen werde das Mordmerkmal der Heimtücke vorgeworfen, erläutert Staatsanwalt Herrgen. Dem Tatverdächtigen drohen bis zu zehn Jahre Jugendstrafe. Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sind nach deutschem Recht nur „bedingt strafmündig“. Strafrechtlich verantwortlich ist ein Jugendlicher zudem nur, „wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln“. Die Einschätzung trifft in der Regel ein Sachverständiger.

Rund um den Tatort hat der Vorfall Bestürzung ausgelöst. „Die Betroffenheit ist groß, das trifft einen Ort ins Mark“, sagt Sinsheims Oberbürgermeister Jörg Albrecht. In seinen neun Jahren an der Stadtspitze habe er so etwas noch nicht erlebt. Im Stadtteil Eschelbach, wo die Tat geschah, sitzt der Schock ebenfalls tief. Ortsvorsteher Wolfgang Maier sagt, sein Telefon habe nicht stillgestanden: „Die Leute machen sich Sorgen.“ Und er fügt hinzu: „Wir sind ein kleines Dorf, es ist harmonisch, so soll es bleiben.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: