Was wie ein Blind Date zweier Frauen begonnen hat, ist in regelmäßige Treffen gemündet. Denn die eine hat plötzlich viel Zeit. Die andere sucht Gesellschaft, um nicht zu vereinsamen. Und trotzdem ist das keine bierernste Angelegenheit.
Immer am Mittwochnachmittag setzt sich Birgit Schmid im Stuttgarter Westen auf ihr Fahrrad und radelt in Richtung Innenstadt. Früher hat sie das bis auf den Sonntag jeden Tag getan. Sommers wie winters. Und schon um halb fünf Uhr in der Früh. Ihr Ziel war der unterirdische Kiosk an der Stuttgarter U-Bahn-Haltestelle Börsenplatz. Den hat sie 24 Jahre betrieben. Mit Menschen zu reden und vor allem, ihnen zuzuhören, hat sie in diesen Jahren gelernt. Und durchaus gerne getan. Aber dennoch war vieles in ihrem Arbeitsleben eben auch Pflicht. Zum Jahresende 2023 endete die. Birgit Schmid hat ihren Kiosk an einen Nachfolger übergeben.
Die Mittwochsausflüge auf dem Fahrrad sind jetzt die Kür. „Plötzlich eröffnen sich da ganz neue Möglichkeiten“, sagt Schmid, „und auch neue Freiheiten.“ Sie tut nun das, worüber sie früher immer dachte: „Das sollte man mal tun“ – geht auf politische Veranstaltungen, war Wahlhelferin. An diesem Mittwoch radelt die 61-Jährige ausgeruht und entspannt in Richtung Nordbahnhofstraße. Seit April geht das nun jede Woche so. Birgit Schmid hat – neudeutsch würde man sagen – einen Jour fixe, eine feste wöchentliche Verabredung eben.
Der Besuchsdienst Vierte Lebensphase hat sie zusammengebracht
Immer am Mittwochnachmittag treffen Birgit Schmid und Ruth Lauterstein einander. Die 75-jährige Ruth Lauterstein hat diesen Termin fest im Kalender stehen. Die gekühlten Flaschen mit Mineralwasser stehen an diesem Hochsommernachmittag schon auf dem Tisch. Ruth Lauterstein wohnt in einer Wohnung im Betreuten Wohnen. Da sie nur schwer laufen kann und auf Rollator und Rollstuhl angewiesen ist, müssen Besucherinnen und Besucher zu ihr kommen.
Dass sich Birgit Schmid und Ruth Lauterstein kennengelernt haben, ist nicht ganz zufällig. Obwohl sie sich schon im Stuttgarter Westen, als Lauterstein dort noch lebte, durchaus hätten über den Weg laufen können, hat die beiden erst der Besuchsdienst Vierte Lebensphase zusammengebracht. Angeboten und organisiert wird er von der Evangelischen Gesellschaft. Es ist ein Ehrenamt, von dem Birgit Schmid immer dachte, etwas in dieser Art im Ruhestand tun zu wollen. „Wir harmonieren zu 99 Prozent“, sagt Ruth Lauterstein und rollt etwas die Augen im Scherz. Birgit Schmid kontert und sagt, dass sie daran arbeite, die 100 Prozent noch zu erreichen. Beide grinsen. Die Chemie hat offenbar sofort gepasst.
Was wie ein Blind Date begann, ist in der Normalität angekommen. Die beiden gehen zusammen einkaufen, „wenn das Wetter passt“ – es also nicht zu kalt oder zu nass oder zu heiß ist. Oder verbringen einfach nur Zeit miteinander. Das Besuchsprogramm mit vorausgehender Schulung der Ehrenamtlichen „soll der Vereinsamung körperlich oder seelisch eingeschränkter Menschen entgegenwirken“. So die offizielle Umschreibung.
Der Sohn dachte: Etwas mehr Besuch könnte seiner Mutter nicht schaden
Kontaktiert hat den Dienst Ruth Lautersteins Sohn. Er wohnt zwar in der Gegend, kommt in der Regel einmal in der Woche, ist seit kurzem Vater und dachte sich wohl: Etwas mehr Besuch könnte seiner Mutter nicht schaden. Die zwei Stunden, die sie und Ruth Lauterstein jetzt allwöchentlich miteinander verbrächten, würde wie im Flug vergehen, sagt Birgit Schmid. Und dauern manchmal auch länger. Die beiden haben längst das Etikett abgestreift, dass hier ein Anti-Einsamkeitsprogramm läuft.
Dabei ist es nicht so, als hätte Ruth Lauterstein in ihren 75 Lebensjahren nicht schon eine Menge Dinge gegen viele Widerstände auf sich alleingestellt gemeistert. Natürlich waren da die guten Jahre, von denen die Fotografien zeugen, die im Wohnzimmer in der Schrankwand stehen. Eines zeigt Ruth Lauterstein als Kind auf einem Pferd sitzend mit einer befreundeten Familie. Auf der Gitarre, die in der Ecke lehnt und sofort ins Auge sticht, spielt sie nicht mehr. Früher, sagt Ruth Lauterstein, ja. „Nein, jetzt nicht mehr.“ Die Gitarre gehört zu Uruguay, ihrem Geburtsland. Da hat sie auch komponiert. Dort sind die Gräber ihrer Eltern und ihres Bruders. Und viele gute Erinnerungen.
Ruth Lauterstein war zeitlebens alleinerziehend, hat für sich und ihren kleinen Sohn nach ihrem Weggang aus Uruguay erst in Spanien und dann in Deutschland gleich zweimal eine neue Existenz aufgebaut. Immer wieder hat sie sich neu erfinden und ihr Leben neu sortieren müssen. Auch das Alter mit seinen körperlichen Einschränkungen ist jetzt wieder eine solche und oft ziemlich brutale Neuerfindung des eigenen Selbst. Der Umzug vor fünf Jahren aus der Wohnung mit den Stufen im Treppenhaus und den viel zu schmalen Türen war ein sehr großer Schritt. „Mit dem Balkon hier hat mich mein Sohn gekriegt“, sagt Ruth Lauterstein. Von dort aus kann sie die Welt unten auf der Straße beobachten, in die sie sich alleine nicht mehr traut.
Nicht selbst verschuldeten Einschränkungen vergrößern die Einsamkeit
Es müsste jedoch nicht ganz so schwer sein für sie. Mit ihrem elektrischen Rollstuhl wäre sie eigentlich mobil. Zumindest ein bisschen mehr, als sie es jetzt ist. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Nicht überall funktionieren die Aufzüge oder werden verlässlich schnell repariert, wenn sie defekt sind. Gehwege sind oft vollgestellt – immer häufiger mit E-Scootern – sodass es für die Rentnerin im Rollstuhl kein Durchkommen gibt. Und die Zahl der behindertengerechten Toiletten ist aus Lautersteins Sicht ebenso nicht ausreichend, um unbeschwert in der Stadt unterwegs sein zu können. Auch diese nicht selbst verschuldeten Einschränkungen vergrößern die Einsamkeit der einst gut vernetzten Frau. Ihr Beispiel zeigt, dass Einsamkeit zwar einerseits durch einen immer kleiner werdenden Freundes- und Bekanntenkreis entsteht, aber auch durch eine noch immer nicht barrierefreie Umwelt.
Eine Umfrage der Stadt Stuttgart aus dem Jahr 2023 sagt, dass sich 58 000 Menschen über 16 Jahren einsam fühlen. Das sind 11,6 Prozent der Einwohner. Die Gründe sind vielfältig. Sie haben mit Alter, Migration, Krankheit oder Armut zu tun.
Wenn man ein bisschen gräbt und fragt, dann stößt man nicht nur in Birgit Schmids Leben auf einen Kiosk. Die beiden haben das gleich am Anfang ihrer Begegnungen festgestellt. Nur stand der Lautersteinsche Kiosk nicht in Stuttgart, sondern in Montevideo. Ruth Lauterstein ist das Kind eines deutschen Paares, dass sich 1940 auf dem Schiff kennengelernt hat, das die beiden gerade noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fortbrachte. Ihr Vater ist das Kind eines jüdischen Vaters aus Berlin, die Mutter kam aus Hannover. Auch ihre Wurzel sind jüdisch. Beide kamen aus wohlhabenden Familien.
Geredet haben sie mit ihrer 1948 geborenen Tochter nicht über ihre dramatische Flucht. Obwohl sie sich aus dem Nichts wieder eine neue Existenz aufbauen mussten, sagt ihre Tochter: „Es ging uns sehr gut.“ Die Familie lud gerne Freunde ein. „Das Haus war immer voll.“ Aber dann starben der Vater, die Mutter und schließlich der Bruder, als ihr Sohn wenige Monate alt war. „Da habe ich gemerkt, dass ich jetzt niemanden habe, der mir hilft.“ Sie wandert nach Grand Canaria aus, gibt dort Deutschkurse für Tourismusbeschäftigte. Weil ihre Nichte in Stuttgart lebt, entscheidet sie sich, dort noch einmal neu angefangen.
Birgit Schmid hat mehrmals von vorne anfangen müssen
Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her. Und wieder hilft sie anderen, arbeitet lange im Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart, erst als Dolmetscherin für Frauen aus Lateinamerika, die in ihre Ehe mit einem deutschen Mann Gewalt erlebt haben. Sie spricht drei Fremdsprachen. Schließlich wird sie Beraterin dort, bleibt bis zur Rente. Ein Leben im Schnelldurchlauf, erzählt in kurzer Zeit.
Auch Birgit Schmid, die gelernte Arzthelferin, hat mehrmals in neuen Jobs und Branchen von vorne anfangen müssen – bis zu den vielen Jahren im Kiosk als ihre eigene Chefin. Ihren Kiosk vermisst sie nicht. Corona hat viel verändert und ihr den Abschied leicht gemacht.
Für Ruth Lauterstein war Corona der Einschnitt schlechthin, der sie einsam machte. Viele soziale Kontakte hat sie in dieser Zeit verloren. „Ich hätte mir nie gedacht, dass ich trotz der vielen Freundschaften, die ich hatte, mal einsam sein würde.“ Das klingt brutal und ehrlich zugleich. Aber sie will dieses Gefühl nicht für sich behalten. Die Einsamkeit soll nicht das letzte Wort haben. „Wir müssen über Einsamkeit reden.“ Sie will gegen das Tabuthema auch öffentlich ankämpfen. Geschlagen geben will sie sich nicht.
Angebot gegen Einsamkeit
Infonachmittag
Am Mittwoch, 23. Oktober, 16.30 Uhr findet im Hospitalhof (Stuttgart) in der Büchsenstraße 34/36 eine Infoveranstaltung für Interessierte am Besucherprogramm Vierte Lebensphase der Evangelischen Gesellschaft statt. Es geht dabei um die Termine und Themen (Gesprächsführung, Grenzen des Helfens, Demenz und andere) der Fortbildungen. Ehrenamtliche sollen so auf ihren Einsatz vorbereitet werden.