Maximilian Kiefer. Quelle: Unbekannt

Immer mit der Hand am Smartphone. Wenn das Handy zur Sucht wird, helfen Beratungsstellen wie Release U21, die Kindern und Jugendlichen helfen und Tipps geben.

Stuttgart-Ost Unterwegs einkaufen, Nachrichten lesen, Musik hören oder mit Freunden kommunizieren – das Smartphone machts es möglich. Doch was ist, wenn das zum Problem wird? Wenn auf das Smartphone nicht mehr verzichtet werden kann? Maximilian Kiefer von der Beratungsstelle Release U 21 über Smartphonesucht, deren Ursachen und Folgen.

Viele Menschen können im Alltag nicht mehr auf ihr Smartphone verzichten. Woran merkt man, dass man süchtig ist?
Es gibt dafür bestimmte Kriterien. Zum Beispiel, ob das Smartphone viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt und andere Lebensbereiche darunter leiden. Für Smartphonesüchtige ist es schwer bis unmöglich, die Nutzung zu kontrollieren. Sie werden nervös, aggressiv oder ängstlich, wenn sie ihr Smartphone nicht haben. Man sollte sich fragen: Ist es wichtig, dass man das Smartphone immer überall mitnimmt oder kann auch darauf verzichtet werden? Beschäftigt man sich länger als geplant mit dem Smartphone? Bleiben andere Sachen wie Schule, Beruf oder Hobbys auf der Strecke?

Gilt die übermäßige Nutzung von Smartphones als Suchterkrankung?
Es gibt aktuell keine explizite Diagnose. Dieses Jahr wurde von der Weltgesundheitsorganisation erst einmal die sogenannte Internet-Gaming-Disorder, damit ist die problematische Nutzung von Computerspielen gemeint, als Suchterkrankung anerkannt. In Fachkreisen wir aber bereits darüber diskutiert, dass es eine Smartphone-Sucht gibt.

Was sind die Ursachen dieser Sucht?
Zum einen ist die Persönlichkeit eines Menschen entscheidend. Wer zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl hat und in der virtuellen Welt, etwa in sozialen Netzwerken sicherer auftritt als im echten Leben, verbringt dort viel Zeit. Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle: Kinder orientieren sich am Verhalten der Eltern. Verbringen diese viel Zeit am Smartphone, wird das nachgeahmt. Es gibt auch Erwartungsdruck, etwa wenn sich die Kommunikation innerhalb einer Schulklasse hauptsächlich über WhatsApp abspielt. Dann wird die Angst erzeugt, etwas zu verpassen und gleichzeitig entsteht der Druck, ständig online sein zu müssen.

Welche Folgen hat die übermäßige Nutzung von Smartphones?
Es können Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen auftreten. Wenn man spät abends auf das helle Display schaut, wird dem Gehirn vorgemacht, dass es Tag ist. In Folge dessen können Schlafhormone verzögert ausgeschüttet werden. Wir raten daher, eine Stunde vor dem Zubettgehen in einem Buch zu lesen oder Musik zu hören und nicht auf einen Smartphone-Bildschirm zu schauen. Es gibt auch körperliche Folgen, etwa Haltungsschäden oder Bewegungsmangel. Außerdem wird das Sozialverhalten negativ beeinflusst, Freunde und Familie, Beruf oder Schule werden vernachlässigt, Hobbys werden aufgegeben.

Warum wird viel Zeit am Smartphone verbracht?
Die Geräte sind flexibel einsetzbar, können zum Kommunizieren oder Spielen genutzt werden. Sie können den Alltag erleichtern und verbessern. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich Menschen in der digitalen Welt wohler fühlen als in der realen. Hier gelingt unter Umständen vieles, was den Betroffenen im echten Leben schwer fällt. In sozialen Netzwerken erhält man durch Herzchen oder Gefällt-mir-Angaben für Bilder oder Videos schnell positive Resonanz.

Wer ist von der Smartphone-Sucht betroffen?
Prinzipiell jeder. Es gibt jedoch Untersuchungen, die besagen, dass sich die Bereiche, die im Gehirn für Kontrolle zu ständig sind, erst spät entwickeln. Kinder und Jugendliche können sich deshalb weniger gut kontrollieren – auch was die Nutzung von Smartphones anbelangt.

Wie kann die Smartphone-Sucht überwunden werden?
Es ist wichtig, das Verhalten zu kontrollieren. Zum Beispiel in dem man aufschreibt, wie oft das Smartphone genutzt wird und wofür. Man kann auch überprüfen, ob es für einen bestimmten Zeitraum verzichtbar ist. Wenn man den Eindruck hat, das Smartphone zu intensiv zu nutzen, kann man sich vornehmen, Smartphone-freie Zeiten einzuhalten.

Wie helfen Sie bei Release U 21 Betroffenen?
Wir führen Gespräche mit Kindern und Jugendlichen im Alter von elf bis 21 Jahren sowie mit deren Angehörigen. Meistens gibt es bei den Betroffenen anfangs noch kein Bewusstsein darüber, dass ihr Verhalten problematisch ist. Wir versuchen,Vertrauen aufzubauen und anschließend die Nutzung des Smartphones sachlich mit den Kindern und Jugendlichen zu analysieren. In Extremfällen vermitteln wir auch stationäre Therapieangebote, die zwischen acht und zwölf Wochen dauern.

Die Fragen stellte Janey Schumacher.

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