Die Nachfrage nach Esoterik ist groß – Beratungsstellen sprechen von einer unheiligen Allianz zwischen Übersinnlichem und Coaching. (Symbolbild) Foto: IMAGO/Westend61

Baden-Württembergs Beratungsstelle für weltanschauliche Fragen beschäftigt sich immer mehr mit Abhängigkeitsstrukturen in den Bereichen Esoterik und Coaching. Ein Opfer erzählt.

Konstantin R. hatte einen Kredit in Höhe von 10.000 Euro aufgenommen, denn nächstes Jahr, das wurde ihm ja vorausgesagt, würde es finanziell blendend laufen bei ihm. Konstantin R. heißt in Wahrheit anders – heute ist er froh, das geliehene Geld halbwegs beisammen gehalten zu haben, denn finanziell hat sich für überhaupt nichts verändert im letzten Jahr.

Die Karten, die eine Stuttgarterin für ihn gelegt hat, die sich als Hellseherin verkauft, haben sich offenbar geirrt. Und R. ist nicht alleine damit, höhere Mächte anzurufen, um erfolgreicher zu sein im Leben. Die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Baden-Württemberg (ZEBRA-BW) beobachtet schon länger eine unheilige Allianz zwischen Coaching und Esoterik. Der neue Jahresbericht zeigt, dass sich der Trend weiter verschärft.

In keinen Bereichen hat ZEBRA-BW im vergangenen Jahr mehr Beratungsgespräche geführt als mit Opfern windiger Coaches und halbseidener Heiler. „Häufig überschneiden sich beide Felder“, sagt Sarah Pohl von der Beratungsstelle. Knapp die Hälfte aller über 500 Beratungsfälle, die ZEBRA-BW 2025 bearbeitet hat, entfallen laut dem Jahresbericht auf die Bereiche Esoterik, Heiler und Coaches – Tendenz steigend.

Vorbei sind die Zeiten, als Beratungstelefone bei ZEBRA-BW vor allem wegen Aussteigern aus Sekten und anderen problematischen Glaubensgemeinschaften heiß liefen. Evangelikale und sogenannte neureligiöse Bewegungen kommen zwar in der Statistik noch vor, bilden aber nicht mehr den Schwerpunkt der Arbeit der Beratungsstelle.

Toxische Strukturen in der Esoterikszene

An dem, was Konstantin R. erlebt hat, lässt sich nachvollziehen, wie die „toxischen Strukturen“, von denen ZEBRA-BW spricht und die von Abhängigkeitsverhältnissen zu finanzieller Ausbeutung führen können, funktionieren. Vor zehn Jahren begann eine Geschichte vom Suchen nach der Liebe, nur dass sie nie gefunden wurde. Aber teuer war sie, die Suche.

„Ich hatte privat nicht so viel Glück mit Frauen“, sagt Konstantin R. In einer Zeit, in der soziale Medien noch nicht so präsent waren wie heute, setzte sich R. an den Computer und googelte, bis er auf einen „weltbekannten Hellseher“ im Raum Stuttgart stieß. R. war neugierig und vereinbarte ein Treffen.

Statt Liebesglück den Todestag vorausgesagt

Dieses habe in der Wohnung des älteren Mannes stattgefunden, eine muffige Bude soll es gewesen sein. Nichtsdestotrotz ließ sich R. dort die Zukunft voraussagen, das erste Mal wurden Karten gelegt. Rosig habe die Zukunft überhaupt nicht ausgesehen. Nicht nur, dass R. demnach nie eine schöne Frau kennenlernen würde – „auch mein Todestag wurde vorausgesagt.“

Wie praktisch, dass der „weltbekannte Hellseher“ ein passendes Mittel parat hatte, R.’s finsterem Schicksal einen Strich durch die Rechnung zu machen: Einen magischen Schutzzauber, der in hebräischen Lettern mit Tinte auf ein Papier geschrieben war. Kostenpunkt: 250 Euro.

300 Euro für ein schamanistisches Ritual

„Irgendwann bin ich dann skeptisch geworden“, sagt R. – allerdings nur gegenüber dem Heiler, nicht der Esoterik an sich. Also habe er sich neue Beratung gesucht und diese bei einer jüngeren Frau, die ebenfalls im Raum Stuttgart praktiziert. „Sie war viel aufgeschossener und freundlicher“, erinnert sich R. – und damit für ihn womöglich auch gefährlicher.

Auch hier habe es mit Kartenlegen begonnen, diesmal sagten sie sogar Glück in der Liebe voraus – geknüpft an ein schamanistisches Ritual. „Das Zubehör musste ich selber besorgen“, sagt R., und für das Ritual selbst seien zusätzlich Kosten in Höhe von 300 Euro angefallen. Und da 2026 außerdem R.’s „Jahr der Transformation“ werden sollte, in dem ihn auch der Geldsegen erwarte, habe er gar nicht lange darüber nachgedacht, das Geld zu berappen.

Tatsächlich lernte er eine Frau kennen, doch ehe sich die Voraussagung mit dem Liebesglück bewahrheitete, sei es nach einem kurzen Techtelmechtel zum Bruch gekommen. Eine Art Augenöffner für Konstantin R., der seitdem nicht mehr an mystische Mächte, die im Hintergrund wirken, glaubt.

Heute ist sich R. dessen bewusst, dass er die vergangenen Jahre über sehr naiv war. „Ich habe damals wegen meines Misserfolgs bei Frauen nach jedem Strohhalm gegriffen und bin da reingerutscht“, sagt R. Erst vor wenigen Monaten sei ihm bewusst geworden, dass er psychisch manipuliert wurde. „Man fühlt sich bei diesen Menschen geborgen“, sagt er, „die können deinen Charakter deuten, sind sehr einfühlsam und machen dir Hoffnungen, dass es dir besser geht.“ Heute beschreibt er die Methoden als „perfide“.

Oft beginnt es mit Kartenlegen und endet bei schamanistischen Ritualen. (Symbolbild) Foto: IMAGO/imagebroker

Insgesamt habe während seines Ausflugs in die Welt der Schamanen und Hellseher einen vierstelligen Betrag versenkt – und als Gegenleistung, da ist er sich inzwischen sicher, absolut nichts erhalten. Schlimmer als der finanzielle Schaden sei jedoch gewesen: „Ich habe mein Leben nach den Prognosen ausgerichtet.“

Ob Konstantin R.’s Schilderungen alle so stimmen, lässt sich kaum überprüfen. Allerdings werden bei den Internetauftritten von den Mystikern, von denen er sich jetzt betrogen fühlt, durchaus fragwürdige Dienstleistungen – Schamanen-Rituale inklusive. R. will nicht, dass sie mit ihm zusammen namentlich genannt werden, um denkbare juristische Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Gefährliche Trends: „WitchTok“ und Etsy-Hexen

Die speziellen Schilderungen decken sich auch mit dem, was die vom Kultusministerium geförderte ZEBRA-BW bei hunderten Klienten im vergangenen Jahr beobachtet hat. Was sich aber ändert: In der jungen Generation verbreiteten sich Esoteriktrends zunehmend über soziale Medien. „Beispiele hierfür sind etwa ,WitchTok’ oder das Phänomen der sogenannten Etsy-Hexen, die esoterische Inhalte mit Lifestyle-Elementen verbinden“, heißt es in dem Jahresbericht.

Ein weiterer Faktor sei die wirtschaftliche Attraktivität des Esoterikmarktes in Baden-Württemberg. Esoterische Dienstleistungen seien ein wachsender Wirtschaftszweig. „In vielen unserer Beratungen geht es um private finanzielle Schäden, die durch unseriöse Anbieter entstehen.“ Diese arbeiteten häufig mit „manipulativen Techniken, die Abhängigkeiten fördern und Ratsuchende dazu bringen, große Summen zu investieren.“

Lücken im Gesundheitssystem

Darüber hinaus reagierten viele Menschen auf Lücken im Gesundheitssystem und im psychosozialen Bereich. Lange Wartezeiten bei Ärzten und Therapeuten, überlastete Gesundheitsdienste und der steigende Krankenstand würden dazu führen, dass psychische und physische Gesundheitsbedarfe oft nicht zeitnah gedeckt werden können.

„Anbieter auf dem Esoterikmarkt sind dagegen schnell verfügbar, nehmen sich Zeit für persönliche Gespräche und versprechen einfache, sofortige Lösungen für komplexe Probleme.“ Für die Zukunft erwartet Zebra-BW, dass Anfragen zu Coaching weiter zunehmen werden.