Baden-Württemberg will keine Corona-Massentests einführen. Das Land argumentiert mit „fehlender Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Es wäre teurer und es bringt auch nicht viel: Die Landesregierung in Stuttgart lehnt kostenlose Tests auf das Corona-Virus für jedermann ab. Dagegen stellt sie eine neue Strategie des „anlassbezogenen testens“.

Stuttgart - Baden-Württemberg wird dem Beispiel von Bayern und Berlin nicht folgen und den Corona-Test „für jedermann“ auf Kosten des Landes nicht einführen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) begründeten dies am Dienstag bei der Vorstellung einer „erweiterten Teststrategie“ gegen das Corona-Virus mit der fehlenden Sinnhaftigkeit von Massentests, das Kostenargument spielt eine geringere Rolle. Immerhin werde das Land 60 Millionen für die Übernahme der Kosten bestimmter Virus-Tests bereitstellen, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Das bayerische Modell sei „sehr viel teurer“.

Erkenntnisse aus Tests in Pflegeheimen waren gering

Laut Minister Lucha ist eine Testung „ins Blaue hinein“ auch nicht automatisch erfolgversprechend. Das hätten flächendeckende Tests in Pflegeheimen gezeigt, die Baden-Württemberg als erstes Land durchgeführt habe. Von den bis Mitte Juni 70 000 Tests seien 1,5 Prozent positiv gewesen, wenn man die Infektionsfälle der Hochphase der Pandemie abziehe, komme man auf 0,76 Prozent positive Fälle. Auch seien Tests eine Momentaufnahme für nur zwei Tage.

„Baden-Württemberg ist durch die Pandemie besser gekommen als die meisten Länder der Welt. Wir haben sehr niedrige Infektionszahlen“, sagte Kretschmann. In 13 Kreisen liege die Inzidenz in sieben Tagen bei null, das heißt, es gab keine Neuinfektion. In vier Stadt- und Landkreisen liege sie über fünf. Die Regierung will nach Absprache mit Wissenschaftlern aus Heidelberg, Tübingen und Freiburg ein „anlassbezogenes Testen“, ein Frühwarnsystem, bei dem Infektionsherde aufgespürt werden können. Die Testkapazität im Land liegt bei 120000 pro Woche. Die Strategie umfasst – wie bisher – das Testen von Personen mit Corona-Symptomen, aber auch derjenigen aus ihrem Umfeld. Auch sollen neu aufgenommene Pflegeheimbewohner getestet werden und es soll eine „umfassende Testung von Patienten bei der Krankenhausaufnahme“ stattfinden. Auch wenn in einer Region die Zahl der Infektionen stark ansteigt, soll mehr getestet werden.

Medizinisches Personal soll stichprobenartig untersucht werden

Schließlich soll es regelmäßige Tests von medizinischem und pflegerischem Personal geben – im Rahmen eines Monitorings stichprobenartig in jeweils zwei Stadt- oder Landkreisen. Forderungen nach Tests bei Lehrern sowie nach Reihenuntersuchungen bei Schlachthofmitarbeitern blieben unerfüllt. Was die Schlachtbetriebe anbelangt, so sollen bei der ersten Arbeitsaufnahme von Mitarbeitern Tests durchgeführt werden, auch ist eine einmalige flächendeckende Testung in großen Schlachthöfen geplant. Eine Reihenuntersuchung – wie sie die SPD verlangt – würde regelmäßig wiederkehrende Tests bedeuten.

In der Frage nach Lehrern und Erziehern ist man sich noch uneins

Was die Tests des Personals an Schulen und Kindergärten betrifft, so hat sich die Koalition bisher nicht einigen können. Minister Lucha hat auch für diese Gruppen Tests nach einem Stichprobenmuster vorgesehen, Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) fordert hingegen regelmäßige Testangebote für alle pädagogischen und nicht-pädagogischen Beschäftigten in Schulen und Kitas. Am Donnerstag soll erneut darüber beraten werden. An den Schulen gebe es eine geringe Inzidenz, so Lucha: Im Juni habe es an 5000 Schulstandorten im Südwesten nur 26 Corona-Fälle gegeben.

Der SPD-Politiker Rainer Hinderer meinte, die fehlende Einigung in der Schulfrage sage viel über den Zustand der grün-schwarzen Koalition aus. „Genau dort, wo es auf Tests besonders ankommt, bleibt Grün-Schwarz noch eine Einigung schuldig.“ Der Landeschef der Gewerkschaft Verdi, Martin Gross, kritisierte, das Land lasse das Personal von Kitas und Schulen mit ihren Ängsten vor Ansteckungen mit dem Coronavirus allein.

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