Seit Jahrhunderten sorgt sie für Durchblick, jeder dritte Deutsche trägt sie im Gesicht: Die Brille gehört zu den bedeutendsten Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit. Wer hat sie erfunden?
Um die Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus beklagte sich Roms berühmtester Redner, Marcus Tullius Cicero, dass es kein Mittel gegen die Abnahme der Sehkraft im Alter gebe. Abhilfe gegen die Sehschwäche versuchten schon die alten Griechen zu schaffen, doch fehlte ihnen das Wissen, wie Sehen funktioniert.
Das lieferte erst im 10. Jahrhundert der arabische Gelehrte Ibn al-Haitam (965– 1038), im Abendland als Alhazen bekannt. Der Gelehrte aus Basra im heutigen Irak schnitt Rinderaugen auf, untersuchte die Pupillen und führte Experimente mit Lichtstrahlen durch. Er lenkte Licht auf Spiegel, maß die Winkel der Reflexion und beobachtete Brechungen im Wasser.
Am Anfang war der Lesestein aus Bergkristall
Seiner Grundlagenforschung verdankt die Menschheit die Erkenntnis, dass die Dinge der Umwelt das Sonnenlicht reflektieren und dadurch ein Bild der Außenwelt durch die Linse der Pupille ins Augenlicht projiziert wird.
Seine Studienergebnisse hielt Alhazen in seiner Schrift „Kitab al-Manazir“ fest. Darin formulierte der „arabische Archimedes“ als Erster die bahnbrechende Idee, die Sehkraft durch eine zweckmäßig geschliffene optische Linse zu unterstützen. Das 1240 aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte Werk beschreibt den Lesestein, ein gläsernes Kugelsegment, das durch Aufsetzen auf die Schrift vergrößernd wirkt.
In England griff Roger Bacon (1214– 1294), auch „Doctor mirabilis“ genannt, Alhazens Erkenntnisse auf. In seinem 1267 veröffentlichten „Opus maius“ wies der Franziskanermönch auf die Möglichkeit der Vergrößerung kleiner Buchstaben durch passend geschliffene Gläser hin.
Fortan griffen Gelehrte und Mönche den Gedanken auf und stellten sich halbkugelige Plankonvexlinsen aus Bergkristall oder Quarz her. Dank der Vergrößerungsgläser konnten Ordensbrüder mit Altersweitsichtigkeit wieder Texte studieren. Das Wunder des Lesesteins erregte bald in der gebildeten Welt solches Aufsehen, dass sogar Dichter davon Kunde gaben. In der um 1300 verfassten „Manessischen Liederhandschrift“ wird der „lichte Spiegel“ besungen, der „uns die Schrift gut sichtbar machen kann“.
Die ersten Sehhilfen waren nur Kugelsegmente aus Glas, Bergkristall oder Halbedelsteinen, sogenannte Berylle. Etymologisch markiert das den Ursprung des deutschen Wortes Brille. Diese Lesesteine waren auf der einen Seite plan, auf der anderen konvex geschliffen. Sie wurden mit ihrer ebenen Fläche auf die Schrift gelegt. Mit der Zeit schliff man die Kugelsegmente flacher, legte sie nicht mehr auf die Schrift, sondern hielt sie darüber und näherte sie dem Auge. Schließlich kam man auf die Idee, die Gläser direkt vor die Augen zu bringen und zwei Lesesteine durch eine Fassung zu verbinden.
Die ersten Brillen wurden in Norditalien gefertigt
Doch wer die Brille, so wie man sie heute kennt, erfand und wie diese auf die Nase kam, darüber scheiden sich die Geister. Tatsache ist, dass die Brille zuerst in Italien hergestellt wurde. Mit Sicherheit weiß man, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf den Murano-Inseln bei Venedig „Augengläser zum Sehen“ (oculis ad legendum) geschliffen wurden. Dass die ersten Brillen bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Norditalien gefertigt wurden ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus den hierzu aufgefundenen Quellen. Oft wird als erster Nachweis der Brille eine alte Chronik in der Vatikanischen Bibliothek von 1283 herangezogen, in der Bruder Salimbene aus Parma berichtet, dass er eine Sarginschrift nur durch einen Kristall lesen konnte. Doch ist anzunehmen, dass es sich bei diesem „Kristall“ noch um einen Lesestein gehandelt hat.
Irgendwann, kurz vor Ende des 13. Jahrhunderts, muss es einem bislang unbekannten Tüftler gelungen sein, flache Gläser herzustellen, die man dicht vor die Augen halten konnte. Der Mönch Giordano Rivalto erwähnt beiläufig das epochale Ereignis in einer Predigt in Florenz: „Es ist noch nicht 20 Jahre her, dass mit der Kunst der Verfertigung von Brillen, welche die Sehkraft verbessern, eine der nützlichsten Künste der Welt erfunden wurde. Ich habe selbst denjenigen gesehen, der sie erfunden hat und zuerst fertigte, und mich mit ihm unterhalten.“ Doch wer der große Unbekannte ist, darüber hüllt sich der Kirchenmann in Schweigen.
Es gibt eine zweite wichtige Quelle, die sogar einen Namen nennt – allerdings den des ersten Nachbauers. In einer Passage aus einer Chronik des Dominikanerklosters Santa Caterina in Pisa steht: „Bruder Alessandro della Spina konnte alles, was er gesehen hatte, nachbilden. Er fertigte selbst eine Brille an, die ein anderer, der sein Geheimnis jedoch nicht preisgeben wollte, schon vor ihm erfunden hatte.“
Hatte ein Papst die Idee zur Sehhilfe?
Eine Spur auf der Suche nach dem Ursprung der Brille führt in das 70 Kilometer nördlich von Rom gelegene Viterbo, das Mitte des 13. Jahrhunderts Mittelpunkt aller wichtiger Forschungen auf dem Gebiet der Optik war. Dort residierte seinerzeit auch Papst Johannes XXI., der vor seiner Papstweihe ein berühmter portugiesischer Arzt war und zahlreiche medizinische Schriften verfasste, unter anderem ein Handbuch über die Augenheilkunde („liber de oculo“).
Der Heilige Vater, dem man nachsagte, auch während seines Pontifikats nicht auf medizinische Forschungen verzichtet zu haben, umgab sich in Viterbo mit den führenden Gelehrten seiner Zeit. So auch mit dem Optik-Spezialisten John Peckham (um 1220 –1292), dessen „Perspectiva communis“ zum Standardlehrbuch der Universitäten wurde.
Neuerdings gibt es sogar Stimmen, dass der Heilige Vater selbst die Brille erfunden hätte. Jedenfalls sorgten die ersten Träger von Augengläsern bald für Furore: So wird etwa von der 1319 in Wien gefeierten Hochzeit der Herzogin Jutta von Österreich berichtet, dass der als Gast geladene Bürgermeister von Padua „allerhand Aufsehen erregte, weil er mit der vor nicht langer Zeit erfundenen Brille vor seinem Gesicht erschien“.
Die Sehhilfe, mit der er die Hochzeitsgesellschaft beeindruckte, war allerdings noch keine Brille im heutigen Sinne, sondern eine sogenannte „Nietbrille“. Diese Form der Sehhilfe bestand aus einzeln gefassten Gläsern, die in einem Rahmen aus Eisen, Holz oder Horn zusammengenietet waren und direkt vor die Augen gehalten wurden. Besonders alltagstauglich war diese Entwicklung noch nicht, da man beim Lesen stets eine Hand benötigte.
Bis der hilfreiche Alltagsbegleiter freihändig gehandhabt werden konnte vergingen noch einige Jahre. Die erste bekannte Brille mit seitlichen Bügeln, die sogenannte Schläfenbrille, geht auf den englischen Optiker Edward Scarlett (um 1688–1743) zurück. Bei dieser Brillenform, die eine verbesserte Version der im 16. Jahrhundert aufkommenden Stirnreifenbrille darstellt (die Gläser waren an einem um die Stirn gelegten Metallstreifen befestigt), reichten die Seitenarme aber noch nicht bis hinter die Ohren.
Das erste Brillengestell, dessen Seitenarme bis hinter die Ohren reichten, wurde 1797 von dem englischen Instrumentenhersteller Dudley Adams (1762–1830) entwickelt.
Neros Sonnenbrille
Seehilfe
Plinius der Jüngere (23/24–79 n. Chr.) berichtet, dass Kaiser Nero Gladiatorenkämpfe gerne durch einen grünen Smaragd beobachtete. Aus dieser Notiz des römischen Naturschriftstellers haben Gelehrte früher gefolgert, dass der exzentrische Herrscher mit einem konkav geschliffenen Edelstein seine Kurzsichtigkeit korrigieren wollte. Inzwischen geht man aber davon aus, dass Nero den Smaragd als Sonnenschutz nutzte.