Nach Eröffnung des Rosensteintunnels ist die Luft im Bereich dieser Gebäude so schlecht, dass laut Stadt ohne eine teure Lüftungsanlage Wohnen nicht mehr zumutbar wäre. Quelle: Unbekannt

Von Uli Nagel

Die Stadt will mehrere Gebäude mit rund 50 Wohnungen an der Pragstraße kaufen und dann abreißen lassen. Der Grund: Laut einem Gutachten sind dort nach der Eröffnung des Rosensteintunnels die Stickstoffdioxidwerte erheblich höher als vorher und damit unzumutbar für die Bewohner. Der Bezirksbeirat Bad Cannstatt fordert die Stadt jedoch auf, angesichts der Wohnungsnot in Stuttgart vom Abriss abzusehen und stattdessen geeignete Schutzmaßnahmen für die Bewohner zu bauen.

Die Pragstraße zwischen der Wilhelma-Kreuzung und dem Löwentor ändert in den kommenden Jahren ihr Gesicht. Und zwar gewaltig. Neben dem Neubaukomplex des Mahle-Konzerns, Spatenstich ist 2019 geplant, investieren die LBBW Immobilien auf dem ehemaligen Brixner-Areal Ecke Prag-/Löwentorstraße in drei fünf- bis siebenstöckige Verwaltungsgebäude, in denen einmal bis zu 1500 Menschen arbeiten sollen. „leo Business Campus Stuttgart“ heißt das Projekt, dessen Realisierung bereits begonnen hat und das 2020 fertig sein soll. Im gleichen Jahr soll dann auch der Rosensteintunnel eröffnet werden. Ein gut 270 Millionen Euro teures Straßenbauprojekt, das den Verkehr zwischen Zuffenhausen und dem Leuzeknoten bündeln soll, das Straßennetz Bad Cannstatts nachhaltig entlasten und dadurch die Lebensqualität der Anwohner verbessern soll.

Wenig Lärm und bessere Luft, beides hört sich gut an, doch einige Bürger kommen leider nicht in diesen Genuss. Der Grund: Ihre Wohnungen befinden sich in den Gebäuden Pragstraße 148 bis 152 und 156. Und die liegen im Bereich des künftig Tunnelportals, also dort, wo vor einigen Tagen die Bombe entschärft wurde. Ein Gutachten aus dem Jahr 2013 besagt jetzt klipp und klar, dass die heute eh schon miese Luftqualität im Bereich der Südeinfahrt des Pragsatteltunnels durch das künftige Nordportal des Rosensteintunnels noch schlechter wird. Nach Hochrechnungen der Experten soll der Jahreswert für Stickstoffdioxid mit 95 Mikrogramm um elf Mikrogramm höher liegen als vorher. Damit wird der Jahresgrenzwert um 55 Mikrogramm überschritten.

Damals hatte der Baubürgermeister Matthias Hahn schon betont, dass es wegen dieser unzumutbaren Belastung das Ziel der Stadt sei, das Wohnen dort aufzugeben. Andernfalls müssten extrem teure Lüftungsanlagen gebaut werden. Das Problem: Besagte Gebäude befinden sich im Privatbesitz, weshalb die Stadt sie kaufen muss, um sie anschließend abreißen zu lassen. Doch nicht alle Eigentümer waren mit dem ersten Angebot der Stadt - sprich einem Quadratmeterpreis von durchschnittlich 1500 Euro - einverstanden, nahmen sich einen Anwalt und drohten, falls die Stadt nicht den Kaufpreis erhöht, mit dem in Stuttgart ein adäquater Ersatz erworben werden kann, eventuell sogar mit einer Klage.

Ob es soweit kommt, steht heute natürlich noch in den Sternen, zumal die Tunneleröffnung erst in knapp drei Jahren sein soll. Fakt ist jedoch: Laut dem Amt für Liegenschaften und Wohnen, das bereits im vergangenen Jahr das Angebot verbessert hatte, konnten erst etwa die Hälfte der rund 50 Wohnungen erworben werden.

Doch nach Meinung der Cannstatter Grünen besteht dazu absolut keine Notwendigkeit. Ganz im Gegenteil, angesichts der akuten Wohnungsnot in der Landeshauptstadt sollten die Gebäude sogar zwingend erhalten werden. Allerdings müsse die Stadt natürlich mit geeigneten Maßnahmen dafür sorgen, dass die Grenzwerte für Stickstoffdioxid eingehalten werden. Dem Antrag stimmte der Bezirksbeirat mehrheitlich zu.

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