Foto: Andrea Eisenmann

Am Aschermittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Auch unsere Redakteurin Andrea Eisenmann übt sich in Abstinenz. Für die Serie „Eine Woche ohne ...“ verzichtet sie sieben Tage lang aufs Jammern. Kein leichtes Vorhaben – vor allem in der aktuellen Zeit, in der das Coronavirus das Leben bestimmt.

Bad Cannstatt -

Dieser Tage nicht zu jammern oder genervt zu sein, erscheint fast wie die Quadratur des Kreises. Das öffentliche Leben steht wegen des Coronavirus nahezu still, Schulen und Kindergärten sind geschlossen, in immer mehr Berufszweigen kommt die Arbeit zum Erliegen. Und wer im Supermarkt eine Auseinandersetzung um Aufback-Brötchen mit eigenen Augen verfolgt hat, der wird das Gefühl so schnell nicht mehr los, dass die Welt derzeit offenbar komplett aus den Fugen geraten ist. Aber vielleicht ist gerade deshalb jetzt die perfekte Zeit, um mit dem „Jammer-Fasten“ zu beginnen.

Die Idee : Vor mehreren Jahren postete die promovierte Physikerin Uli Feichtinger in ihrem Blog den Aufruf, während der Fastenzeit gänzlich aufs Jammern und Beschuldigen zu verzichten. Wenn man einige Zeit seinen Fokus ändere, ändere sich auch die Lebenseinstellung, zeigte sich die Österreicherin überzeugt. „Wir werden uns immer mehr bewusst, dass die gute Laune oft nur eine Entscheidung weit entfernt von uns ist.“ Dabei gehe es nicht darum, lauter rosarote Brillen zu verteilen. Vielmehr stehe im Mittelpunkt, bewusst die Opferrolle zu verlassen. „Denn beim Jammern sind ja meistens irgendwelche anderen oder irgendetwas schuld, dass es mir selbst gerade nicht so gut geht: das Wetter, die Politiker, der Chef, die Kollegin, die Mutter, der Lehrer, der Partner, ...“, so Feichtinger. „Jammer-Fasten“ sei ein Weg, mit dem Drama im eigenen Leben Schluss zu machen und Wertschätzung für das zu finden, was sich im Leben, in der jeweiligen Situation, im Gegenüber zeigt. Klingt gut und überzeugend, aber wie gelingt es, das auch im Alltag zu beherzigen?

Die Umsetzung: Der erste Tag ist gleich ein absoluter Reinfall. Die überheblichen Aussagen eines Kollegen ärgern mich an diesem Nachmittag so maßlos, dass ich mich schrecklich über ihn aufrege. Das muss morgen anders werden, beschließe ich. Ich brauche etwas, dass mich an mein Vorhaben erinnert und davon abhält, in alte Muster zu verfallen. Und so begleitet mich beziehungsweise meine Familie in den folgenden Tagen ein gelbes Schild aus Pappkarton. „Machen“, steht darauf, das Wort „Jammern“ hingegen ist durchgestrichen. Und ich habe mir einen Ohrwurm von Bobby McFerrin ausgesucht: „Don’t worry, be happy“, zu Deutsch: „Mach dir keine Sorgen, sei glücklich“. Diesen Titel stimme ich in Gedanken immer dann an, wenn ich wieder einmal kurz vor dem Lospoltern oder Verzweifeln bin. Beispielsweise, weil mein Sohn zum zweiten Mal die volle Tasse umgestoßen hat. Oder als mir im Supermarkt ein Mann mittleren Alters auf seiner „Hamstertour“ den Einkaufswagen in die Fersen rammt. Wahrscheinlich unabsichtlich. Weh tut es aber trotzdem. Sofort pfeife ich im Kopf das Lied und versuche zu verhindern, dass meine Gedanken automatisch eine negative Richtung einschlagen.

Neuer Fokus: In diesen „verrückten“ Zeiten, in denen jeder Tag eine unvorhergesehene Dynamik entwickelt, erlebt man auch viel Positives – und darauf richte ich nun meine Aufmerksamkeit. Natürlich hilft das schöne Wetter dabei. Seit zwei Tagen bringt mein älterer Sohn seinem fünfjährigem Bruder beispielsweise das Fahrradfahren bei. Mit einer Eselsgeduld. Auf dem Gehweg vor dem Haus zeichnen sie mit Kreide die Meter auf, die er ohne einen Sturz zurückgelegt hat. Als ich heute aufgestanden bin, saßen beide auf dem Sofa im Wohnzimmer und der Große las dem Kleinen vor. Das mehr oder weniger freiwillige Zuhausebleiben bietet die Chance, dass wir alle wieder enger zusammenrücken. Nur halt im Kleinen. Und ich freue mich über die zahlreichen Solidaritätsaktionen, die derzeit entstehen. Dass wir Dankbarkeit zeigen für all jene, die dafür sorgen, dass unser System von Corona nicht ganz in die Knie gezwungen wird. Diese Berufsgruppen haben deutlich mehr Grund, sich zu beklagen, als ich. Unser Schild mit dem Jammer-Verbot hängt mittlerweile gut sichtbar an einem Schrank in der Küche. Ich glaube, dort wird es noch eine ganze Weile hängenbleiben und unser Leben begleiten.

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