Quelle: Unbekannt

(erg) - Tief einatmen und Luft anhalten heißt es für Fußgänger, wenn sie die Passage zwischen Badstraße und Marktstraße passieren. Stechender Uringeruch ist an der Tagesordnung. Das wilde Pinkeln ist ein übles Problem, dem der Kaufhof - der fast täglich putzen muss - nicht Herr wird. Denn die Verursacher können nun einmal nur bestraft werden, wenn sie in flagranti erwischt werden.

Das wilde Pinkeln in der Passage ist nicht das einzige Problem für Katharine Janek, Geschäftsführerin vom Kaufhof Bad Cannstatt. Denn die Übeltäter werden inzwischen sogar tagsüber rund um das Gebäude gesichtet. „Die versteckten Winkel in der Warenannahme werden oft als Toilette genutzt“, sagt sie. „Erst letzte Woche habe ich jemanden zur Rede gestellt“. Der zeigte jedoch wenige Reue. In regelmäßigen Abständen legen Kaufhof und BW-Bank zusammen und lassen die Passage vollständig reinigen. Doch nach kurzer Zeit ist wieder alles beim Alten. „Wir haben daher unsere Putzkräfte angewiesen, täglich die betroffenen Stellen mit Seife zu putzen“, sagt Janek.

„Im Stadtgebiet gibt es 70 öffentliche Toiletten“, so Sabine Dorsch vom Amt für öffentliche Ordnung, die das Problem mit den Wildpinklern deshalb nicht unbedingt an einem Mangel an Toiletten festmachen will. „Das Angebot an öffentlichen Toiletten kann sogar online eingesehen werden“, sagt sie. Die Stadt stellt eine entsprechende Liste zur Verfügung. Daher stößt die Ausrede, dass keine Toilette gefunden wurde, auf taube Ohren bei den Ordnungshütern. Zusätzlich gibt es Internetplattformen, wie „www.die-nette-toilette.de“, die anhand der Postleitzahl das Angebot an öffentlichen Toiletten an bestimmten Orten aufzeigt. Jedoch ohne Infos über die Landeshauptstadt.

Oft findet das öffentliche Urinieren in Zusammenhang mit Alkoholkonsum und einem enthemmteren Verhalten statt. Zu großen Festen, wie dem Cannstatter Volksfest, tritt das Wildpinkeln daher häufiger auf. Die Bewohner des Veielbrunnen können hier ein Lied davon singen. „Als Abschreckung wurden in Stuttgart dieses Jahr die Bußgelder von 35 auf 55 Euro erhöht“, sagt Sabine Dorsch. Samt Verwaltungsgebühr und Postzustellung muss ein Wildpinkler schon mit knapp 90 Euro rechnen. Natürlich kann Einspruch eingelegt werden. „Um Entschuldigungen und Ausreden sind die meisten nicht verlegen, doch in der Regel wird da kein Auge zugedrückt.“

Ein Stuttgarter Rentner hat dennoch vor knapp zwei Jahren versucht, seiner Strafe zu entgehen. Er hat nach dem Eintreten des Bußgeldbescheids Einspruch eingelegt und darauf solange beharrt, bis der Fall vor Gericht gelandet ist. Seine Begründung: Wegen verschreibungspflichtiger Medikamente habe er einen erhöhten Harndrang und es deswegen ungewollt nicht bis zur nächsten Toilette geschafft. Dass er im Schlossgarten zwischen Eckensee und Kunstverein hinter einem Busch pinkelte, war für die Richterin dennoch nicht nachvollziehbar. Er blieb also schuldig und musste zusätzlich zum Bußgeld die Gerichtskosten tragen.

Auch unter Prominenten ist das öffentliche Urinieren bereits beklagt worden. Moderatorin Sarah Kuttner beschwerte sich letzte Woche über urinierende Kleinkinder anhand ihres Twitter-Accounts. Sie äußerte sich über Mütter, die ihre Kinder in aller Öffentlichkeit, umgeben von öffentlichen Toilette, urinieren lassen. Als Antwort auf ihre Nachricht erntete sie einen Shitstorm und den Vorwurf, kinderfeindlich zu sein. Der vielleicht berühmteste deutsche Wildpinkler ist fraglos Ernst August von Hannover, der Gatte von Prinzessin Caroline von Monaco. Er wurde bei der Weltausstellung 2000 in Hannover von einem Paparazzo fotografiert, als er am türkischen Pavillon urinierte. Auch Schauspieler Gérard Depardieu machte vor einigen Jahren unschöne Schlagzeilen. Der französische Schauspieler soll auf einem Flug von Paris nach Dublin einfach mitten ins Flugzeug gepinkelt haben, da ihn die Stewardessen baten, 15 Minuten bis zum Abflug zu warten.

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Urinieren in der Öffentlichkeit ist kein Kavaliersdelikt, sondern wird deutschlandweit mit einer Geldbuße belegt. „Wildpinkeln ist eine Ordnungswidrigkeit und wird bestraft“, erklärt Rechtsanwalt Swen Walentowski, Sprecher der Deutschen Anwaltauskunft. Es handele sich hierbei um Belästigung der Allgemeinheit. Die Höhe der Strafe variiert dabei je nach Kommune. Ein Hersteller von Taschen-WCs fragte hierzu 52 deutsche Städte. Das Ergebnis: In Hannover, Stuttgart, Erfurt und Halle (Saale) kann das Wildpinkeln bis zu 5000 Euro kosten. Diese exorbitanten Summen finden nach Aussage der Städte aber nur in schwerwiegenden Fällen Anwendung. Normalerweise würden die Kosten um die 35 Euro betragen. Allerdings hat Stuttgart mittlerweile auf 55 Euro erhöht. In Köln kann das freie Urinieren - zumindest zur Karnevalszeit - dagegen bis zu 200 Euro kosten. Auch Mainz hebt seine Sätze in dieser Jahreszeit an, ebenso München während des Oktoberfests - auf 75, in machen Fällen sogar auf 100 Euro. Neben der Kommune ist auch der Ort entscheidend. In Wäldern oder Parks werden meist Strafzahlungen in den unten angesetzten Mindestbußen verhängt. Anders ist das aber üblicherweise bei Hauswand- oder Straßenurinierern. „Viele Kommunen verhängen hierfür ein höheres Bußgeld, das kann auch dreistellig sein“, sagt Swen Walentowski. Darüber hinaus kann es zu Schadenersatzansprüchen etwa von Hausbesitzern kommen, so dass zwar das Bußgeld womöglich überschaubar ist, Zusatzkosten die kurze Befreiung aber zu einem sehr kostspieligen Vergnügen werden lassen.