Friedrich Stratmann findet die passenden Worte. Foto: /privat

Friedrich Stratmann hat mitten in der Corona-Pandemie seinen Job gekündigt und sich als Lebensredner selbstständig gemacht. Er spricht bei Kinderwillkommensfeiern, freien Trauungen und Trauerfeiern.

Bad Cannstatt - Den Wunsch, sich zu verwirklichen, der inneren Stimme zu folgen, das zu tun, wozu man sich berufen fühlt und was einem Spaß macht – das klingt erstrebenswert und endet meist in der Selbstständigkeit. Das war auch bei Friedrich Stratmann so. Das Ungewöhnliche bei ihm: Er ging diesen Weg mitten in der Corona-Pandemie. In einer Zeit, in der Unsicherheit und Angst sich breitmachten, die Furcht vor Ansteckung und Verlust des Arbeitsplatzes in den Köpfen geisterte, kündigte er seinen Job und machte sich im Juni dieses Jahres selbstständig – als Lebensredner. „Eine sehr erfüllende Aufgabe“, beschreibt der 29-Jährige, „ich begleite von der Geburt bis in den Tod und merke, wie wertvoll Begegnungen sind.“ Er sei bei den emotionalsten Momenten dabei. Als Zuhörer, der sich interessiert, den Gegenüber wahr- und ernst nimmt. Und dann die passenden Worte findet: bei Kinderwillkommensfesten, freien Trauungen und Trauerfeiern.

Studienabschluss in England

Friedrich Stratmann wirkt in sich ruhend und strahlt dies auch aus. Wie kommt man darauf, als Lebensredner aktiv zu werden? „Die Idee dazu hatte ich schon länger.“ Denn schon immer hatte er mit Menschen aus aller Welt zu tun, während des Sportmanagementstudiums in Köln Tür an Tür mit ihnen gewohnt. Sein Studium mit dem Schwerpunkt Marketing schloss er nach einem Auslandsjahr im englischen Coventry mit dem Master ab, landete dann in Fellbach bei einem Sport-Start-up mit dem Gedanken, etwas zu erschaffen. Seit 2018 lebt Stratmann in Bad Cannstatt, arbeitete bei Sportmarketing-Agenturen im Projektmanagement in der strategisch-konzeptionellen Planung. „Im Außen“, wie er es nennt, erfolgreich, „aber ich war zu weit weg von den Menschen.“

Worte können bewegen und berühren

Das Thema Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt ihn schon sehr lange. Er war 13 Jahre alt, als sein Vater starb. „Da habe ich mich besser kennengelernt.“ Was macht das Leben lebenswert, wo liegt der Sinn, was gibt es da noch? „Ich habe nach etwas Authentischem gesucht, bei dem ich mich selbst verwirklichen kann.“ Als Jugendlicher war er eher zurückhaltend und schüchtern, konnte aber bei Referaten überzeugen. Stratmann glaubt an die Kraft von Worten. Sie können berühren, bewegen und Brücken bauen. Es fehlte das passende Fundament. Anfang dieses Jahres ging er in den Rednerklub in Stuttgart, fühlte sich im Speakers Loft wohl. „Da kann man viel ausprobieren.“ Ihm liegt es, sich mit Gefühlen auseinanderzusetzen, sich in Menschen einzufühlen, mit denen er spricht. Im April hat Stratmann zur Vorbereitung 44 Übungsreden aufgenommen und auf Youtube hochgeladen. Er schaute sich nach einer professionellen Ausbildung um, fand in Martin Lieske einen Mentor, der ihm eine 1:1-Ausbildung innerhalb von sechs Tagen anbot. „Da ging es nicht nur um Rhetorik, sondern auch viel um das Drumherum, um Technisches und Organisatorisches, um Gesprächsführung, wie verhalte ich mich in einem Trauergespräch.“ Es folgte eine schriftliche und mündliche Prüfung sowie ein Fachgespräch und schließlich die Lizenzierung in Köln.

Im August erster Einsatz

Bis Mai arbeitete er noch in Teilzeit bei der Agentur, konnte die Selbstständigkeit vorbereiten, um im Juni „all in“ zu gehen. Er trat einer Redneragentur bei und wurde aktiv. „Es ist anders, sich selbst zu vermarkten als eine Marke in einer Agentur.“ Viel läuft über die sozialen Medien, er hat sich bei Bestattern vorgestellt. Im August hatte er seinen ersten Einsatz als Trauerredner. „Das war natürlich aufregend, aber am Termin selbst war ich nicht mehr aufgeregt. Ich hatte das Gefühl, hier bin ich richtig.“ Bisher hatte Stratmann nur Einsätze als Trauerredner. Wenn er zu den Vorgesprächen kommt, ist das Erstaunen in Bezug auf sein Alter schon spürbar. „Doch sobald ich erzähle und wir uns unterhalten, ist das kein Thema mehr.“ Er begegnet den Menschen mit Liebe, sieht sie so, wie sie sind, ist sensibel. „Jedes Wort ist wichtig.“

Bislang positive Resonanz

Die Resonanz ist positiv. „Ich habe schönes Feedback bekommen.“ Seine Reden seien bildhaft. „Ich nehme die Menschen mit auf eine Reise, mache andere Blickwinkel deutlich.“ Er bringt Trost, beruhigt, gestaltet den Vortrag lebendig, kann aber auch energisch und dynamisch sein. „Ich spüre, wie wertvoll die Arbeit ist.“ Man müsse immer das Leben komplett betrachten. „Da liegt viel im Verborgenen.“ In den Gesprächen kämen dann viele Erinnerungen hoch. „Trauer braucht Raum, muss gefühlt werden.“ Daher nennt er es Lebensfeier und sieht sich als Lebensredner.

„Es war in den letzten Monaten eine sehr spannende Reise“, fasst er seine Eindrücke zusammen. Es könne natürlich durchaus mehr sein, er musste auf seine eigenen Reserven zurückgreifen. Aber die Nachfrage steige. Im kommenden Jahr ist er für eine Hochzeit gebucht – in St. Peter-Ording. Daher macht er noch parallel eine Coaching-Ausbildung, die noch zwei Jahre dauert. „Das will ich dann mit meiner jetzigen Tätigkeit verknüpfen und weitere Dienstleistungen anbieten.“ Er will Menschen begeistern, ihre Ressourcen fördern. „Ich gehe den Weg Schritt für Schritt, denn alles hat seinen Sinn.“ Ein gewisses Grundvertrauen muss da sein, auch bei persönlichen Veränderungen.

In die Augen schauen

Und was rät er den Menschen derzeit, wo doch Begegnungen und Kontakt zu vermeiden sind, alles andere als überschwängliche Stimmung herrscht? „Trotz der Gesichtsmasken kann man sich in die Augen schauen. Das geht noch. Das Tor zur Seele ist offen.“ Das vermittele ein „ich sehe dich, nehme dich wahr.“ Weihnachten und Advent verlaufe in diesem Jahr komplett anders. Die Attraktionen außen fehlen. Da gehe es darum, bei sich selbst anzukommen. „Wo finde ich das Zuhause in mir?“ Daher ist die Sonne Teil seines Logos. „Ich möchte die Menschen mit meinen Reden anstrahlen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: