Das Gebäude im Bellingweg man dort auf den Gleisanschluss.Empfindliche „Patienten“: Dieses Register wird in der Foto: Stadtarchiv/Achim Zweygarth

Vor zehn Jahren fand das Stadtarchiv, das auch gern als „Stuttgarts Gedächtnis“ bezeichnet wird, im Bellingweg in Bad Cannstatt eine neue Heimat. Und seither ist der Bestand stetig gewachsen: 11 790 Regalmeter Archivgut sind dort aktuell zu finden.

Bad Cannstatt - Es war ein Umzug, der anfangs auch von skeptischen Stimmen begleitet wurde. Das Stadtarchiv – das kollektive Gedächtnis Stuttgarts – raus aus der City? Und dann nach Bad Cannstatt in ein ehemaliges Lagerhaus im Bellingweg? Einige Kritik war zu hören – bis die Einrichtung im Januar 2011 an ihrem neuen Standort erstmals die Türen öffnete. Und dann? Bedenken, die Vor-Ort-Nutzung des Angebots könnte mit dem Umzug zurückgehen, erwiesen sich schnell als unbegründet. Stattdessen: Die Anfragen stiegen. Stetig. Allein 2017 wurde bei den Benutzeranträgen ein Plus von neun Prozent registriert. 6180 Anfragen waren es 2018, im darauffolgenden Jahr wurden 6320 registriert. „Die Unterbringung ist perfekt“, schwärmt Günter Riederer, der für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Es ist selten, dass einem Archiv so viel Platz zur Verfügung steht.“

Zu den Aufgaben der Mitarbeiter gehört es, Unterlagen der Verwaltung zu erfassen, zu bewerten, zu erhalten sowie der Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung zu stellen. Ohne ihre Zustimmung dürfen keine städtischen Dokumente vernichtet werden, um die Transparenz zu gewährleisten. Aber auch private Dokumente, die für die Gegenwart und Geschichte der Schwabenmetropole bleibenden Wert besitzen, werden hier gesichert. Briefe, Plakate, Tagebücher gehören ebenso dazu wie Tonbänder oder Filmaufnahmen. Historisch wertvolle Unterlagen von Vereinen und Initiativen werden im Bellingweg 21 ebenfalls für nachfolgende Generationen aufbewahrt. Und so umfassen die Bestände des Stadtarchivs nach Angaben von Günter Riederer rund 11 790 Regalmeter Archivgut, 4,15 Millionen Medieneinheiten sowie 60 500 Bände in der Bibliothek – davon 34 100 Freihand-Bücher.

Und die Nutzer? Im Lesesaal trifft die Rentnerin, die auf eigene Faust Familienforschung betreibt, auf den Oberstufenschüler, der die Entwicklung der Wasserversorgung in Stuttgart recherchiert – zumindest in Zeiten, in denen es keinen Lockdown gibt. Daneben sitzen Studierende, die Dokumente für ihre Abschlussarbeit sichten. 33 Plätze sind im Lesesaal vorhanden. Zur sofortigen Nutzung stehen Besuchern unter anderem Adressbücher ab dem Jahr 1794, Stuttgarter Zeitungen des späten 18. bis 21. Jahrhunderts auf Mikrofilm oder Familienregister aus den Jahren 1558 bis 1820 zur Verfügung. Regelmäßig wurden in den vergangenen Jahren für Interessierte kostenlose Führungen durch das Stadtarchiv und seine Sammlungen angeboten. Auch diese mussten im Zuge der Pandemie vorerst eingestellt werden. Seit dem 16. Dezember 2020 ist der Lesesaal – wie bereits mehrere Wochen im Frühjahr – für die Öffentlichkeit geschlossen. Veranstaltungen mussten teilweise ausfallen, wurden verschoben oder mit Hilfe von Videos online zum Ansehen bereit gestellt. Ein neuer Blog wurde im Frühjahr initiiert, um die Öffentlichkeit auch bei geschlossenem Lesesaal zu Themen rund um die Stadtgeschichte zu informieren – ein aktueller Beitrag befasst sich beispielsweise mit „Infektionskarten“.

Die Arbeit des Archivs geht auch in Corona-Zeiten weiter. Schließlich gibt es zahlreiche Aufgaben, die im Lockdown bearbeitet werden können. Dazu gehören die Übernahme von Archivgut, das Erschließen dieser Unterlagen, Vorhaben wie das „Digitale Stadtlexikon“ oder Digitalisierungsprojekte. „In den beiden vergangenen Jahren übernahm das Stadtarchiv 230 Regalmeter Archivgut, darunter beispielsweise vier Regalmeter Unterlagen der Arbeiterwohlfahrt zum Sichten und Archivieren“, zählt Riederer auf. Mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft werden derzeit Bürgermeisterrechnungen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert digitalisiert.

Dass übrigens auch Stuttgarts Gedächtnis klein angefangen hat, beweist eine erste Erwähnung aus dem Jahr 1515. In dieser ist von einem „Behältnis“ für Akten und Urkunden die Rede. Dieses hat seit nunmehr zehn Jahren eine Nutzfläche von mehr als 10 000 Quadratmetern.

Höhepunkte der vergangenen Jahre waren die Nominierung für den renommierten Grimme Online Award 2019 für das „Digitale Stadtlexion“, die Ausstellung „Kessel unter Druck. Protest in Stuttgart 1945-1989“ sowie das Stuttgarter Symposion zum Thema „Kolonialismus“.

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