Die Einrichtung wird kaum wahrgenommen. Foto: /Edgar Rehberger

Vor der Eröffnung gab es massive Nachbarschaftseinsprüche. In diesem Jahr feiert das Carlo-Steeb-Haus 40-jähriges Bestehen. Die Einrichtung bietet erfolgreich Hilfe, Unterstützung und Wohnraum für wohnungslose Männer.

Bad Cannstatt - In diesem Jahr ist alles anders. Das spürt auch das Carlo-Steeb-Haus in der Schmidener Straße. Nicht nur bei der täglichen Arbeit. Die Einrichtung des Caritasverbandes gibt es seit 40 Jahren. Entsprechende Veranstaltungen oder Feierlichkeiten dazu sind aus bekannten Gründen nicht möglich. „Das ist schon schade“, bedauert Hans-Peter Vaas, der Einrichtungsleiter. Seit Herbst 2019 wurde geplant. Ein ganztägiges Sommerfest sollte über die Bühne gehen, für Bewohner und Mitarbeiter, der Bischof hatte schon zugesagt. Das Jahr über sollten verschiedenen Aktionen stattfinden – „nicht mal eine Weihnachtsfeier können wir machen“, sagt Vaas. „Da ist trostlos.“ Stockwerksweise wurden kleine Adventsfeiern durchgeführt, an Heiligabend verteilt Vaas Präsente.

Notwendigkeit der Arbeit größer geworden

Das Carlo-Steeb-Haus bietet seit 40 Jahren Hilfe, Unterstützung und Wohnraum für wohnungslose Männer. „Daran hat sich nichts geändert. Die Notwendigkeit unserer Arbeit jedoch ist größer geworden.“ Auch qualitativ habe sich in der Arbeit sehr viel getan. Vor allem im Bereich Beschäftigung sei sehr viel erreicht worden, so Vaas, der seit 1990 im Haus arbeitet und 1999 die Leitung übernommen hat.

Nicht nur das Carlo-Steeb-Haus hat 40 Jahre auf dem Buckel, das ganze Sozialzentrum, zu dem das Haus Clemens von Galen, der Treffpunkt und eine Kita gehören, wurde zeitgleich eröffnet. Das Carlo-Steeb-Haus belegt 45 Prozent der Fläche, bietet Platz für 140 Personen und 30 ambulante Plätze. Corona wirkt sich auf den Alltag im Haus und auch die Arbeit aus. Die Kantine bietet 75 Plätze, gegessen wird im Schichtbetrieb, maximal zehn Personen können pro Schicht essen, eine Person pro Tisch. „Viele essen auf ihren Zimmern, was ohne Murren akzeptiert wird.“ Problematischer wird es beim Beratungsangebot. „Das ist außer Haus derzeit natürlich sehr schwierig“, berichtet Jens Mattes, Teamleiter im Bereich Resozialisierung. Die ganze Tagesstruktur der Bewohner habe sich verändert. „Diese ist aber ein wichtiger Bestandteil. Sie können ihren Alltag nicht mehr leben.“ Was man an ihrer Laune bei der Beratung merke.

Eigene Wege gegangen

Die Einrichtung geht bei ihrer inhaltlich hochwertigen Arbeit im Sucht- und Beschäftigungsbereich eigene Wege. „In der pädagogischen Arbeit sind ausschließlich Fachkräfte tätig, was eine klare Aussage zur inhaltlichen Qualität der Arbeit darstellt“, so Vaas. „Eine auf den Bewohner individuell abgestimmte Betreuungsarbeit unter Einbeziehung der im Haus bestehenden Strukturen im Bereich der Beschäftigung, Verwaltung, Pforte, Hauswirtschaft und -technik.“ Das Angebot der umfangreichen Suchtarbeit, der hausärztlichen, psychologischen und podologischen Versorgung sowie das zertifizierte Qualitätsmanagementsystem würden unterstreichen, dass großer Wert darauf gelegt werde.

Ziel ist es, die Bewohner wieder auf den Arbeitsmarkt zu bekommen. Die Nachfrage nach den Wohnplätzen ist groß, 80 bis 100 Neuaufnahmen pro Jahr erfolgen. Ein halbes Jahr Wartezeit auf den Einzug sei die Regel. „Die dreimonatige Verweildauer bis zur eigenen Wohnung oder einem WG-Platz kann nicht eingehalten werden.“ Der älteste Bewohner ist 1984 eingezogen.

Auf Augenhöhe begegnen

Die Einrichtung begegnet den Bewohner auf Augenhöhe, bringt Wertschätzung entgegen. Regeln und Ordnung müssen aber eingehalten werden. Obwohl immer wieder was los sei, Rettungswagen vorfahren, ab und an die Polizei im Haus sei, wird das Carlo-Steeb-Haus nicht wahrgenommen. „Für viele Nachbarn sind wir nicht sichtbar.“ Das war zu Beginn noch anders. Vor 40 Jahren gab es massive Nachbarschaftseinsprüche, eine Bürgerinitiative hatte versucht, die Einrichtung zu verhindern, ging bis vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim.

Heute geht die Einrichtung nach außen, Sozialraumorientierung nennt sich das. „Da werden Angebote außerhalb wahrgenommen“, beschreibt Mattes. So wurden schon Konzerte im Kursaal besucht, der Verein Cultur in Cannstatt hatte Karten zur Verfügung gestellt. „Das wurde gut angenommen und ist gut angekommen.“ Auch im Stadtteil ist man gut vernetzt. Ganz ohne Jubiläumsaktivität ging es dann aber doch nicht. Im Kurpark wurde ein Jubiläumsbaum, ein Speierling, eine Wildapfelart, gepflanzt und inzwischen auch das Schild dazu angebracht.

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