Stefanie Schwarz in ihrem "Aufnahmestudio" in Untertürkheim. Foto: Weingut Schwarz

Weil Veranstaltungen in den Weingütern verboten sind, setzen Wengerter aufs Internet

Untertürkheim - Ende April ist Holger Siegle mit seinem kleinen Sohn in den Weinbergen rund um die Grabkapelle unterwegs gewesen. Oberhalb von Obertürkheim hat er sich – natürlich mit Sicherheitsabstand – mit Wengerter Max Dinter getroffen, um beim Setzen von rund 800 jungen Muscaris-Reben dabei zu sein. In Corona-Zeiten sind solche persönlichen Treffen eher die Ausnahme, auf Gespräche mit Winzern verzichtet der 39-Jährige aber dennoch nicht.

Viel mehr noch. Der Stuttgarter moderiert regelmäßig Online-Tastings mit Wengertern aus der Region, die über sein Instagramprofil „0711weinfluencer“ und auf YouTube live zu sehen sind. Unter anderem hat sich Siegle schon mit Stefanie Schwarz vom gleichnamigen Untertürkheimer Weingut im Internet über edle Tropfen ausgetauscht. Der Clou an dem Tasting: Im Vorfeld konnte man sowohl ihren Wein, einen Muskat-Trollinger Rosé, als auch fünf weitere Weine von Württemberger Jungwinzern wie Anja Gemmrich in einem Paket erwerben und diese zeitgleich mit den Experten probieren.

Bis zu 70 Nutzer haben den Stream gleichzeitig verfolgt. Insgesamt konnten knapp 300 Zuschauer an dem Abend begrüßt werden. „Die Resonanz ist super. Es ist der Wahnsinn, was derzeit abgeht. Vor dem Ausbruch der Krise gab es fast nichts, mittlerweile haben die Winzer reagiert, jetzt finden bundesweit jeden Abend etliche Tastings im Internet statt“, sagt Siegle, der hauptberuflich bei der City Initiative Stuttgart im Bereich Tourismus arbeitet. Sein Instagramprofil „0711weinfluencer“ habe er vor zwei Jahren nur aus der „Liebe zum Wein“ angelegt. „Dass mich Winzer direkt anschreiben und mit mir zusammenarbeiten wollen, hätte ich nicht zu träumen gewagt.“

Geselligkeit fehlt

Die Wengerterin Stefanie Schwarz gerät nach ihrem ersten Online-Tasting regelrecht ins Schwärmen. „Der Abend war sehr unterhaltsam und kurzweilig.“ Dass sie die Teilnehmer nicht gesehen habe, sei schon eine Umstellung gewesen, über die Kommentare, die in der App live eingeblendet werden, erhalte man aber viele Rückmeldungen. „Wobei ich zugeben muss, dass ich aufgrund der Menge der Postings nicht immer hinterherkam“, so die ehemalige Württemberger Weinkönigin. „Irgendwie ist es schon komisch, dass wir nicht schon vor der Corona-Krise daraufgekommen sind. Auch wenn ein bisschen die Geselligkeit fehlt, ist es eine tolle Form, um viele Leute zu erreichen“, sagt Schwarz. Dementsprechend werde es nicht bei einer einmaligen Aktion bleiben: Am Freitag, 15. Mai, ist bereits das nächste Online-Tasting geplant. Dieses Mal werden jedoch nur Produkte des eigenen Weinguts präsentiert. „Drei leckere Sommerweine“, verspricht Stefanie Schwarz, die wohl mit einem ihrer Brüder durch den Abend führen wird. „Weine, die unkompliziert und fruchtig sind, die einfach Spaß machen.“

Gegen Liveübertragung entschieden

Auch das Collegium Wirtemberg hat den Trend erkannt, setzt auf Online-Weinproben und hat bereits im April ein Tasting im Internet durchgeführt. Die Rotenberger und Uhlbacher Wengerter gehen jedoch einen etwas anderen Weg als die Untertürkheimerin. Statt auf Echtzeit-Verkostungen und die Interaktion mit den Nutzern zu setzen, stellen sie ein fix und fertiges Video, das im Vorfeld gedreht wurde, auf YouTube ein. „Wir haben uns bewusst gegen die Liveübertragung entschieden“, sagt Petra Hammer. „So kann jeder in seinem Tempo daran teilnehmen, die Weinprobe unterbrechen oder auch auf mehrere Tage verteilen“, sagt die ehemalige deutsche Weinkönigin, die sich beim Collegium um den Verkauf und das Marketing kümmert. Ein weiterer Vorteil sei, dass man nicht nur aus dem heimischen Wohnzimmer senden würde, sondern an unterschiedlichen Orten drehen – und so auch die Weinberge oder markante Punkte zeigen könne.

Gelungene Premiere

Mit der Premiere sei man im Collegium Wirtemberg indes sehr zufrieden gewesen. „Wir haben rund 60 Pakete mit je sechs Flaschen verkauft.“ Kein Wunder, dass einmal monatlich weitere Online-Tastings folgen sollen. Bereits Ende dieser Woche wird das nächste Video ins Internet hochgeladen – es steht dann vom 9. Mai bis 11. Juni jedermann zur Verfügung. „Rechtzeitig zum Muttertag“, sagt die Weinerlebnisführerin Adelheid Schweizer, die die Weinprobe gemeinsam mit Pe­tra Hammer moderiert. „Wir setzen jedes Mal einen anderen Schwerpunkt. Damit wird es auch für Wiederholungstäter nicht langweilig.“

Alternative zur Weinwanderung

Mit Blick auf Pfingsten habe man dieses Mal ein Paket für einen Verwöhntag zusammengestellt. „Mit einem Sekt zum Frühstück geht es los, dann folgen zwei Weißweine zum Mittagessen und ein Rosé zum Obstkuchen“, sagt Hammer. Den Abschluss würden zwei Rotweine, die perfekt zu einem Grillabend passen, darstellen, so die 33-Jährige, die schon an der Weinprobe für Juni feilt. „Weil unsere beliebte Weinwanderung rund um Uhlbach nicht stattfinden kann, wollen wir eine Alternative im Internet anbieten.“ Ihr schwebt vor, auf einem Rundgang mehrere Gebäude des Collegiums zu besuchen und auf deren Geschichte einzugehen.

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