In der Mittleren Wohlfahrt müssen Zauneidechsen umgesiedelt werden, damit dort gebaut werden kann. Die Stadt Stuttgart hat dafür ein Gebiet in Uhlbach untersucht. Foto: Archiv

Seit Jahren plant die Stadt im Gebiet Mittlere Wohlfahrt Wohnungen und eine Kita zu bauen. Jetzt hat die Stadt eine Aufstellung über die Artenschutz-Gutachten gemacht. Die Planungen zur Bebauung laufen weiter.

Hofen - Seit vielen Jahren gibt es Pläne der Stadt Stuttgart, die Mittlere Wohlfahrt in Hofen zu bebauen. Ein Thema hat die Stadtverwaltung intensiv beschäftigt: der Artenschutz. Und dazu gab es immer wieder Gutachten. Wie die Stadt nun mitteilte, bereitet sie im Bebauungsplanverfahren die Behördenbeteiligung vor. Dabei geht es darum, dass insbesondere die naturschutzrechtlichen Belange vor dem Auslegungsbeschluss von den Behörden überprüft werden.

Zuletzt hatte der Bezirksbeirat Mühlhausen eine Aufstellung über die Kosten für die zahlreichen Gutachten gefordert, die die Stadt für die Mittlere Wohlfahrt anfertigen ließ. Aus der Antwort vom Amt für Stadtplanung und Wohnen geht hervor, dass es 2018 ein Gutachten gab, welches für die Bauleitplanung zum Vorkommen geschützter Arten angefertigt wurde und rund 10 400 Euro kostete.

Dieses Gutachten sei aufgrund von Anregungen der Naturschutzbehörde und –verbänden erneuert worden, so die Verwaltung. Bei der erneuten Untersuchung des Plangebiets sei festgestellt worden, dass sich Zauneidechsen dort angesiedelt hätten. Deshalb sei es notwendig geworden, Ausgleichsflächen für Ausweichquartiere zu suchen und zu bewerten. Im Jahr 2019 folgte ein Gutachten zur Prüfung externer Maßnahmenflächen für die Zauneidechse für etwa 12150 Euro. Dann gab es ein Gutachten von 2020/21 als „Nachtragsbeauftragung über die Beurteilung des Aufwertungspotenzials und eine Maßnahmenkonzeption“ für eine Fläche in Uhlbach betreffend Zauneidechsen für 6650 Euro.

Ein weiteres Gutachten von 2020/21 für rund 2600 Euro betraf eine ergänzende Prüfung von Holzkäfern. Keine Kosten wurden erhoben für die ergänzende Kartierung potenzieller Quartiersstrukturen an und in Bäumen. Insgesamt beziffert die Stadt für die vier Gutachten 31 787 Euro.

Bereits in früheren Jahren hatte die Stadtverwaltung für das geplante Baugebiet Gutachten erstellen lassen: Für das geplante Baugebiet Mittlere Wohlfahrt wurden schon im Jahr 2008 sowie 2015 artenschutzrechtliche Gutachten erstellt. Dabei wurden keine Eidechsenvorkommen festgestellt. Allerdings wurde im Gutachten 2015 darauf hingewiesen, dass Eidechsenvorkommen nicht ausgeschlossen werden können, da verschiedene Bereiche nicht zugänglich waren.

Anwohner wiesen im Sommer 2016 auf das Vorkommen von Eidechsen hin. Im Bebauungsplanentwurf wurden deshalb Ausgleichsmaßnahmen für ein mögliches Eidechsenvorkommen vorgesehen. Seitens der unteren Naturschutzbehörde wurde die Beobachtung von Zauneidechsen im Sommer 2017 bestätigt und im Rahmen der Stellungnahme zur Beteiligung der Behörden eine Kartierung durch ein Gutachterbüro gefordert.

Die CDU Mühlhausen hatte schon vor zwei Jahren eine Forcierung des Bebauungsplans gefordert und darauf hingewiesen, dass die Belange des Artenschutzes begleitend wahrgenommen werden müssten und nicht länger der Verzögerung dienen dürften. So sei dem Bezirksbeirat von der Stadtverwaltung auch schon der Termin Ende 2017 als spätester Termin zur Auslegung des Bebauungsplans genannt worden. Die Christdemokraten verwiesen darauf, dass Wohnungen und Kita dringend benötigt würden und der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Dreijährige im Stadtbezirk Mühlhausen nicht gegeben sei.

Die Initiative Kochelseeweg hat in den letzten Jahren zu den Bebauungsplänen bislang zwei Einsprüche bei der Stadt eingereicht. Sie wenden sich gegen die Überbauung des Grüngürtels aus Klima-, Umwelt-, Boden-, Natur- und Tierschutzgründen und verweisen auf das hohe Artenvorkommen und hohe Fledermausaktivitäten und forderten daher eine eingehende Untersuchung des Eidechsenbestands. Diese ist nun erfolgt.

Gegen die Bebauung hat auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Einspruch erhoben. Zuletzt hatte der BUND am 5. Dezember 2020, dem Tag des Bodens, gegen den Flächenverbrauch in Stuttgart protestiert, darunter auch gegen den in der Mittleren Wohlfahrt in Hofen und im Schafhaus in Mühlhausen.

Clarissa Seitz vom BUND erklärt dazu: „Schon seit fast 15 Jahren will die Stadt Stuttgart das Gebiet Mittlere Wohlfahrt überbauen. Auf 3,4 Hektar sollen 90 Wohneinheiten entstehen. Wegen der hohen Strukturvielfalt von Gärten, Felder, Obstbäumen, Hecken und alten Bäumen ist das Gebiet im hochverdichteten Neckartal ein Eldorado für viele Tierarten – bemerkenswert ist das Brutvorkommen des seltenen Wendehalses.“ Besonders gravierend sei laut Seitz auch der Verlust des Bodens mit hoher Bodenqualität. Der BUND lehne deshalb eine Bebauung entschieden ab. In Stuttgart gebe es enorme Potenziale, um im Innenbereich Wohnraum zu schaffen.

Die Initiative Kochelseeweg sieht zudem die Bebauung der Mittleren Wohlfahrt mit rund 90 Wohneinheiten als „nicht notwendig, wenn im Schafhaus in Mühlhausen statt der ursprünglich geplanten 260 rund 450 Wohneinheiten geplant werden.“ Das sei dann ausreichend, so die Initiative. Sie fordert keinen Eingriff in die Natur am Kochelseeweg. Außerdem verweist die Initiative auf die Bebauung des Bettfedernfabrik-Areals in Bad Cannstatt mit 130 Wohneinheiten und die Bebauung entlang der Mönchfeldstraße und Balthasar-Neumann-Weg in Freiberg.

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