Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Die Insolvenz eines Abrechnungszentrums gefährdet die Existenz jeder fünften Apotheke. Der Landesapothekerverband fordert Unterstützung von der Politik.

Untertürkheim - Die Meldung von der Insolvenz des Abrechnungszentrums AvP war wie ein Paukenschlag für Apothekerinnen und Apotheker. Bundesweit rund 3600 Apotheken rechnen laut Apothekerkammer bislang über den Düsseldorfer Dienstleister ab. Jede fünfte Apotheke wäre demnach betroffen. Sie haben für die im August eingereichten Rezepte kein oder nur einen Bruchteil der Geldsumme erhalten. Selbst Apothekerinnen und Apotheker, die mit einem anderen Rechnungszentrum zusammenarbeiten und ihre Überweisungen erhalten haben, sind schockiert. „Das erschüttert unsere Grundfeste. Die Überweisung galt als sicherer Posten. Es war bisher unvorstellbar, dass der durchlaufende Posten, nämlich die Zahlungen der Krankenkassen an die Apotheken, nicht ausgezahlt wird“, sagt Reimar M. von Kolczynski, der Inhaber der Kronenapotheke in Bad Cannstatt. Er ist wie auch Beate Merz-Hammel von der Alten Apotheke in Untertürkheim froh, dass er einen Vertrag mit einem anderen Dienstleister besitzt, und er fühlt mit den betroffenen Kollegen mit. Der Landesapothekerverband und die Apothekenkammer bezeichnen die Situation als sehr ernst. Viele Apotheken seien unverschuldet in Finanznot geraten.

Was ist geschehen? Das in Turbulenzen geratene Apotheken-Abrechnungszen­trum AvP in Düsseldorf ist zahlungsunfähig geworden. Der von der Finanzaufsicht eingesetzte Sonderbeauftragte hat einen Insolvenzantrag gestellt. Die Umstände der Insolvenz sind noch unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Leidtragende sind bundesweit rund 3600 Apotheken.

Rechenzentren wie AvP wickeln das Zahlungsgeschäft der Apotheken mit den Kassen ab. Sie reichen die Rezepte gebündelt dort ein und leiten die Erstattungsbeträge der Krankenkassen an die Apotheken weiter. Müsste jede Apotheke selbst mit den bundesweit mehr als 100 Kassen abrechnen, würde das einen enormen bürokratischen Aufwand bedeuten. Experten schätzen die Summe der offenen Forderungen bundesweit auf 300 Millionen Euro. „Je nach Größe der Apotheke handelt es sich um fünf- und bis zu hohen sechsstellige Summen“, sagt Carmen Gonzalez, die Pressesprecherin des Landesapothekerverbands. Die Betroffenen wüssten nicht, ob, wann und wie viel Geld sie noch aus dem Insolvenzverfahren erhalten werden. „Solch ein Verfahren kann sich über mehrere Monate oder sogar Jahre hinziehen.“

Diese Ungewissheit kostet auch einer Apothekerin aus Stuttgart, die vor Kurzem eine Apotheke im Rems-Murr-Kreis übernommen hat, Nerven. „Mir fehlen die gesamten August-Einnahmen. Meine Mitarbeiter, der Vermieter und der Großhandel wollen aber Geld. Da ich als Neuling noch keine großen Reserven besitze, benötige ich einen zweiten Kredit, um über die Runden zu kommen.“ Natürlich habe sie rechtliche Schritte eingeleitet und mit dem Verband Kontakt aufgenommen. Sie sieht aber auch die Politik in der Verantwortung. Sie könne nicht verstehen, wieso die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) die Geschäftspraktiken nicht früher erkannt habe.

In einem gemeinsamen Brief wenden sich auch der Landesapothekerverband (LAV) und die Landesapothekerkammer (LAK) Baden-Württemberg hilfesuchend an Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Bei einem Zahlungsausfall ist das Geld für die Apotheken verloren“, befürchten die Branchenpräsidenten Fritz Becker (LAV) und Günther Hanke (LAK). Die Standesorganisationen bitten um Prüfung, inwieweit es möglich sei, „die unverschuldet in Not geratenen Apotheken aus Mitteln des Landes zu unterstützen“.

Die betroffenen Kollegen dürften nicht in Stich gelassen werden, begrüßt auch Barbara Hoffmann von der Apotheke am Bahnhof Cannstatt den Aufruf der Kammer. Auch Andreas Neudeck von der Apotheke am Marktplatz in Wangen appelliert an die Politik. „Für die betroffenen Kollegen ist dies eine bittere Pille“, so Neudeck, der froh ist, deren Sorgen nicht zu haben, aber sich gleichzeitig über die „behutsame Reaktion“ der Politik wundert. „Wenn die Lufthansa oder ein anderes Unternehmen in Schwierigkeit gerät, stehen die Politiker sofort parat. Dabei geht es auch bei den Apotheken um mehrere tausend Arbeitsplätze und zudem um die Arzneimittelversorgung vor Ort für den Verbraucher.“

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