An die Eingangstür des Mehrfamilien-Hauses hat Marieta Lohberg ein Schreiben geklebt, in dem vor den Folgen von Strahlung gewarnt wird. Foto: Andrea Eisenmann - Andrea Eisenmann

Vor ein paar Monaten wurde auf dem Dach eines Hauses in der Reichenhallerstraße eine Mobilfunkstation errichtet – Bescheid darüber wussten jedoch nur wenige. Und auch heute ist den Anwohnern unklar, ob der Masten bereits in Betrieb genommen wurde.

Bad CAnnstattEs gab Zeiten, da hat Marieta Lohberg oft und gern aus ihrem Schlafzimmerfenster hinaus ins Freie geblickt. In den Innenhof, auf die großgewachsenen Bäume und auf den gegenüberliegenden Wohnblock in der Reichenhaller Straße 45. Seit ein paar Monaten ist dies nicht mehr der Fall. Genauer gesagt: Seit jenem Tag, als Monteure begannen, einen riesigen Funkmasten auf dem Dach des benachbarten Mehrfamilienhauses zu errichten. Wieso wird dieser in einem Wohngebiet aufgestellt, fragt sie sich seither immer wieder. Und warum wurden Anwohner, die in direkter Nähe leben, vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht im Vorfeld über den Standort informiert? So wie Marieta Lohberg, die seit mehr als 30 Jahren in der Taubenheimstraße lebt, gibt es noch weitere Nachbarn in dem Quartier, die mit Ärger, Sorge und Unverständnis auf den weithin sichtbaren Sendemasten blicken.

„Ich habe Angst.“ Diesen Satz sagt die Rentnerin oft. Dass sie als Nachbarn nicht von Eigentümer und Mobilfunkbetreiber unterrichtet wurden, sei ärgerlich. Vor allem aber sorgt sich Lohberg wegen der elektromagnetischen Strahlung um ihre Gesundheit – und ist mit dieser Furcht nicht allein. Etwa 20 Personen aus der Nachbarschaft haben einen von ihr initiierten Brief an den Gebäudebesitzer, das in Bochum ansässige Wohnungsunternehmen Vonovia, unterschrieben. „Wir gehen davon aus, dass Sie uns helfen, die Gefahr der Strahlungen nicht auf uns zu nehmen“, heißt es darin. Worauf die Initiatoren des Protests anspielen: Auch wenn in der erhitzten Debatte die Bedenken nicht von allen Fachleuten geteilt werden, gibt es durchaus auch Stimmen von Medizinern, die angesichts einer steigenden Strahlenbelastung vor erhöhtem Krebsrisiko, Unwohlsein, Schlaf-, Konzentrationsstörungen, Depressionen oder verstärkten Kopfschmerzen warnen.

Aushang im Eingangsbereich

Ein mulmiges Gefühl im Bauch hat auch ein Mieter, der in der Reichenhaller Straße 45b wohnt. Ein Aushang der Vonovia im Treppenhaus habe ihn auf die Mobilfunkstation aufmerksam gemacht, sagt er. Allerdings glaubt er: „Viele im Haus haben das Schreiben nicht verstanden oder wahrgenommen.“ Mittlerweile hängt dieses auch nicht mehr im Eingangsbereich.

Was einige der Anwohner in dem Wohnquartier derzeit auch umtreibt, ist die Ungewissheit, ob der Funkmasten bereits in Betrieb genommen wurde – oder noch nicht. Mehrere Anfragen hat unsere Zeitung dazu in den vergangenen Tagen gestellt. Unter anderem bei der Bundesnetzagentur, der Vonovia und bei der Telekom-Tochter Deutsche Funkturm GmbH, die den Standort von der Wohnungsgesellschaft gemietet hat. So schreibt letztere, dass die Telekom den Standort „bald“ in Betrieb nehmen würde.

Auch die Vonovia hat auf die Anfrage unserer Zeitung geantwortet. Die Mieter des Hauses Reichenhaller Straße 45b und der Nachbarhäuser habe man mittels Aushang im Treppenhaus Mitte Oktober 2018 über den Neubau der Mobilfunkstation unterrichtet, sagt Sprecher Matthias Wulff. Zusätzlich wurden Stellplatzmieter per Brief über die anstehende Maßnahme informiert, weil diese wegen des Einsatzes eines Autokrans sechs Parkplätze nicht benutzen konnten. Dem Vorwurf unzureichender Auskunft widerspricht Wulff damit. „Wenn unsere Mieter weitere Informationen benötigen und sich erkundigen möchten, freuen wir uns, wenn sie Kontakt aufnehmen.“

Dass man auf das Protestschreiben der Anwohner bisher nicht geantwortet habe, erklärt der Sprecher damit, dass man dieses nicht habe zuordnen können. „Dafür entschuldigen wir uns. So soll es nicht sein.“ Man werde sich nun bei den Absendern melden und ihnen die Situation erläutern. „Hoffentlich können wir ihnen mögliche Sorgen im direkten Austausch nehmen.“ Ob dies gelingt, daran zweifelt Lohberg. „Was soll ich denn nur machen, ich wohne hier doch seit mehr als 30 Jahren“, sagt sie und schüttelt ratlos den Kopf.

Beim Bundesamt für Strahlenschutz (BIS) zeigt man sich überzeugt, dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die international festgelegten Höchstwerte ausreichen, um vor nachgewiesenen Gesundheitsrisiken zu schützen. So steht auf der Internetseite: „Der Verdacht, dass hochfrequente elektromagnetische Felder von Mobilfunk-Basisstationen negative gesundheitliche Auswirkungen, wie zum Beispiel Krebserkrankungen, haben können, sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Studien, die einen derartigen Zusammenhang beobachten, weisen meist methodische Mängel auf und berücksichtigen beispielsweise die wichtigsten Risikofaktoren für Krebs (Alter, Geschlecht, Rauchen, Ernährung, etc.) nicht.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: