Ein Immobilienexperte soll eine Firma Jürgen Rudloffs abwickeln, hat keine Zahlen und verweist auf einen USB-Stick. Der Angeklagte muss sich beeilen, wenn er einen Deal will.
Es gibt Berufe, die hat die Berufsberatung so vermutlich nicht im Angebot. Der 73-Jährige, der am Mittwoch vor dem Landgericht Stuttgart erschienen ist, gibt auf die Frage der 6. Wirtschaftsstrafkammer nach seinem Beruf die nüchterne Bezeichnung Wohnungswirt an und ergänzt, dass er Rentner sei. Auf der Internetpräsenz einer Beratungs-GmbH firmiert er unter Senior Consulting und Immobilienexperte. Er selbst sieht sich – ganz Understatement – als einen, der „den Touch hat, Menschen in Schwierigkeiten zu helfen“.
Und Schwierigkeiten hatte der Ex-Bordellbetreiber Jürgen Rudloff im Juni 2021 wahrlich. In dieser Phase haben der Finanz- und Immobilienjongleur und er einander kennengelernt. Dass der altruistische Helfer – „Altruistisch ist vor einer Wirtschaftsstrafkammer immer verdächtig“ – später auch noch Liquidator seiner insolvent gegangenen Besitz-GmbH des Paradise-Ablegers in Saarbrücken wurde, war der eigentliche Grund, weswegen er nach Stuttgart als Zeuge angereist war. Um Zahlungen in diesem Zusammenhang kreist der Prozess wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung in Höhe von 1,3 Millionen Euro.
Doch die Sache ist ein bisschen komplexer und verworrener als in manch anderen Leben. Denn nach dem Ende seiner Teilhaberschaft an seinen Bordellbetrieben, teilweiser Insolvenz und der Verurteilung wegen Betrugs und Beihilfe zum Menschenhandel stand im Sommer 2021 die Versteigerung von Rudloffs Wohnhaus an, einer im Stuttgarter Westen gelegenen Premiumimmobilie, dem Zuhause seiner Familie. Schätzwert 2,4 Millionen Euro. Die Gläubiger wollten ihr Geld.
Ein paar Tage vor dem Versteigerungstermin am Amtsgericht Stuttgart begegneten die beiden Männer einander zum ersten Mal. Wie so oft in diesem Prozess lernten sich die beiden über gemeinsame Freunde kennen. „Ich hatte nur die Aufgaben, Herrn Rudloff in den Gerichtssaal zu begleiten und ihn moralisch zu unterstützen.“ Denn der hatte in seinem Briefkasten einen Prospekt mit einer verlockenden Werbung gefunden. Vielleicht nicht ganz zufällig. Das Angebot: Die Firma ersteigert die Immobilie, der ehemalige Eigentümer wohnt mietfrei weiter dort und kann das Haus nach einem Jahr gegen 20 Prozent Aufschlag zurückkaufen.
Im Gerichtssaal und vor dem Amtsgericht spielten sich groteske Szenen ab
Die Versteigerung am Amtsgericht muss dann skurrile Züge angenommen haben. Im Saal boten sich ein weiterer Kaufinteressent und die geheuerte Firma einen Bieterkampf. Der Interessent, ein Investor im Saarbrücker Paradise und somit einer von Rudloffs Gläubigern, gab schließlich ob der Übermacht der anderen auf. Draußen vor dem Gericht, so erzählt auch Rudloffs Begleiter, habe die ganze Zeit über ein Maybach mit laufendem Motor gestanden. Eine durchaus eindrucksvolle Kulisse. „Vielleicht war denen kalt“, ulkt er, die kommen ja aus Afghanistan. Bei Gericht lacht niemand.
Zur Unterstützung für Rudloff gehörte aber wohl auch, ihn beim Rückkauf seiner Immobilie nach 18 Monaten zu unterstützen. Dass er dazwischen auch Liquidator, also Geschäftsführer einer zur Auflösung bestimmten GmbH wurde, ergab sich so – wohl ohne viel Worte. „Ich war es dann halt.“ Viel zu tun gab es dann offenbar ohnehin nicht. Es gab keine Zahlen, keine Unterlagen, nichts. „Es war unmöglich, von Herrn Rudloff Unterlagen zu bekommen.“ Und der Liquidator bekam, so sagt er, für seine Aufgabe keine Bezahlung von seinen Auftraggeber. Warum? „Weil er nichts hatte.“
Vor dem Landgericht Stuttgart wird der Krisenmanager spirituell
Wie er denn aber ohne Zahlen eine ebenfalls laufende Klage beim Finanzgericht habe einreichen können, will das Gericht vom Liquidator wissen. Das habe alles der Rechtsanwalt gemacht, er habe nur unterschrieben. Das Gespräch dreht sich im Kreis. Glaubt man dem Immobilienexperten, gibt es für nichts Unterlagen. Höchstens vielleicht auf einem USB-Stick, der sich beim Steuerberater befinde. Einen Zugang habe er nicht. Auf die Erwiderung des Gerichts: „Aber Sie tragen als Liquidator die Verantwortung“, wird der Rudloff’sche Krisenmanager fast spirituell. „Ich bin Wassermann, ich seh’ das philosophisch.“ Was sei schon wahr und was falsch.
Auf die Nachfrage, wie er habe glauben können, dass sein Klient in der Lage gewesen sei, seine Immobilie für dann 2,8 Millionen Euro zurückzukaufen, mutiert er vollends zum Lebenscoach. Warum solle er Menschen ihre Träume nehmen. „Das ganze Leben ist eine Wunschvorstellung“, philosophiert er. „Sie helfen also Träumern“, fragt die Richterin. „Das können Sie nicht mit normalen Maßstäben messen“, so seine Antwort. Der Traum platzte dann allerdings ohne sein Zutun. Die aktuellen Eigentümer akzeptierten die Zusage „eines vermögenden Mannes aus der Schweiz“ in Höhe von 2,6 Millionen nicht, weil das keine Bankzusage sei. Dabei wäre das Geld innerhalb von 14 Tagen auf dem Konto gewesen.
Gericht will 650.000 Euro von Jürgen Rudloff, um das Verfahren einzustellen
Um anderes Geld, konkret 650.000 Euro, geht es vor Gericht weiterhin. Diesen Betrag ergänzt durch ein Geständnis, erwartet die Kammer vom Angeklagten, um das Verfahren einzustellen. Von einem Geständnis „sind wir noch ein Stück weit entfernt“, sagt Necker, nachdem Rudloff mehrere Seiten zur Sache vorgelesen hat. „Sie haben mich vermutlich nicht richtig verstanden oder nehmen mich nicht ernst“, wird er am Ende noch mal deutlich. Mit Blick auf das Ende des Verfahrens sagt er: „Es ist nicht mehr viel Zeit dafür“.